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Samstag, 18.08.2018

Das Bild des Ausnahmeregisseurs ist lädiert

Die Vergangenheit holt Roman Polanski nicht nur in seinen Filmen ein. Nun wird der Oscar-Preisträger 85.

Von Sabine Glaubitz

Regisseur Roman Polanski vor dem Plakat zu seinem Film „Oliver Twist“.
Regisseur Roman Polanski vor dem Plakat zu seinem Film „Oliver Twist“.

© dpa

Das Leben von Roman Polanski gleicht einem griechischen Theaterstück, bei dem sich Triumph und Tragödie abwechseln. Im Weltkino hat es der polnisch-französische Regisseur mit Filmen wie „Chinatown“ und „Rosemaries Baby“ zum Meister geschafft, privat hat Polanski schwere Schicksalsschläge ertragen und überwunden. Nur gegen die Schatten seiner Vergangenheit scheint Polanski, der am Sonnabend 85. Jahre alt wird, machtlos zu sein.

Im Mai wurde der Altmeister nach fast 50 Jahren aus der Oscar-Akademie ausgeschlossen, Anfang vergangenen Jahres verzichtete er auf den Ehrenvorsitz der Verleihung der französischen César-Filmpreise, weil Frauenrechtlerinnen gegen seine Ernennung Sturm liefen. Der Grund ihres Protests: Polanski wird in den Vereinigten Staaten seit 40 Jahren wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen polizeilich gesucht.

Das ist nicht neu. Polanski bekannte sich damals schuldig und saß rund 42 Tage in den USA in Untersuchungshaft. Aus Angst vor einer hohen Haftstrafe floh er jedoch und ließ sich in Paris nieder. Das war 1977. In Europa drehte er weiter. Im Jahr 1979 erschien „Tess“ mit Natassja Kinski und 2002 „Der Pianist“.

Symbol der „MeToo“-Debatte

Beide wurden mit Oscars ausgezeichnet, der für die beste Regie ging an das Holocaust-Drama „Der Pianist“. Dass Polanski ein Flüchtender vor der amerikanischen Justiz war, störte damals nicht. Mit Ovationen wurden seine Filme in Hollywood gewürdigt; wegen des Haftbefehls gegen ihn konnte er sich allerdings nicht persönlich feiern lassen.

Auch Starschauspieler konnte er weiterhin für seine Produktionen gewinnen. 2010 drehte er „Der Ghostwriter“ mit Ewan McGregor und Pierce Brosnan. 2011 kam „Der Gott des Gemetzels“ mit Kate Winslet, Jodie Foster, Christoph Waltz und John C. Reilly in die Kinos.

Heute ist Polanski im Zuge des Weinstein-Skandals und der „MeToo“-Debatte zu einem widersprüchlichen und unbequemen Symbol geworden. Während im September 2009 mehr als 100 Prominente eine Petition für die Freilassung des Regisseurs lancierten, weil er in Zürich festgenommen wurde und die US-Behörden seine Auslieferung wollten, findet er heute nur noch wenige, die ihn öffentlich verteidigen – mit Ausnahme von Catherine Deneuve.

Ist das Ende der Amnestie gekommen? Eine Frage, die sich Filmkritiker immer häufiger stellen. Polanski selber hüllte sich dazu weitgehend in Schweigen. In einem seiner wenigen Interviews bezeichnete er die „MeToo“-Debatte jedoch als scheinheilig und hysterisch. In der polnischen Zeitung „Newsweek Polska“ erklärte er, dass jeder versuche, diese Bewegung zu unterstützen, weil man vor ihr Angst habe.

Polanskis Leben ist keine leichte Kost. Im Jahr 1969 wurde seine im achten Monat schwangere Frau Sharon Tate von Anhängern der okkulten Manson-Sekte in Los Angeles auf bestialische Weise getötet. Seine Mutter, ebenfalls schwanger, war in Auschwitz umgekommen. Polanski selbst konnte aus dem Krakauer Getto fliehen und überlebte auf dem Land bei Kleinbauern. Heute ist Polanski französischer Staatsbürger und seit 1989 mit der französischen Schauspielerin Emmanuelle Seigner verheiratet, mit der er zwei Kinder hat.

Seine Erfahrungen mit Gewalt, Tod und Wahnsinn spiegeln sich auch in den Filmen wider. In „Ekel“, einer seiner ersten Produktionen, entwickelt Catherine Deneuve Wahnvorstellungen und tötet zwei Männer. Ebenfalls in einem Blutbad und im Wahnsinn enden „Macbeth“ und sein zum Kultfilm gewordener Horrorstreifen „Rosemaries Baby“. „Chinatown“ ist ein schonungsloser und brutaler Detektiv-Thriller, „Venus im Pelzmantel“ ein Sadomaso-Drama.

Sein jüngster Film „Nach einer wahren Geschichte“ bleibt dem Thema der Wahrheit und Wahrnehmung treu. Darum geht es auch bei dem Missbrauch, der am 10. März 1977 in Hollywood im Haus des Schauspielers Jack Nicholson und Freund Polanskis passiert ist. Polanski hat zwar gestanden, die damals 13-Jährige mit Drogen und Champagner zum Sex verführt zu haben, doch habe sie eingewilligt, wie er bis heute behauptet. Das Opfer, Samantha Geimer, hingegen benutzt in ihrem 2013 erschienenen Buch „The Girl. Mein Leben im Schatten von Roman Polanski“ ausdrücklich das Wort Vergewaltigung. (dpa)