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Sonntag, 11.03.2018

Cremiger Klang und vierfache Zufriedenheit

Vor 275 Jahren wurde in Leipzig das Gewandhausorchester gegründet. Längst ist es eine Marke, die global funktioniert.

Von Jörg Schurig

Der neue Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons ist begeistert von seinem Orchester: Von dessen Klang schwärmt er: „Da gibt es kein Schwarz und Weiß, alles ist durchsichtig.“
Der neue Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons ist begeistert von seinem Orchester: Von dessen Klang schwärmt er: „Da gibt es kein Schwarz und Weiß, alles ist durchsichtig.“

© dpa

Brahms war hier wie Tschaikowski, Grieg und Strauss. Mendelssohn trug zwölf Jahre den Titel Gewandhaus- kapellmeister. Mozart gab im Mai 1789 im Leipziger Gewandhaus ein zweistündiges Konzert. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Das Gewandhaus gehörte schon früh zu den allerersten Musikadressen. 275 Jahre nachdem Leipziger Bürger es aus der Taufe hoben, wird am Sonntag ordentlich gefeiert – mit namhaften Gästen, einem neuen Chef und viel Musik. „Das Gewandhausorchester ist heute eine globale Marke“, sagt Orchesterdirektor Andreas Schulz. Der 56-Jährige leitet seit 1998 als Intendant die Geschicke des traditionsreichen Klangkörpers und ordnet ihn unter die Top Ten ein. Tatsächlich sind die Leipziger unter ihren letzten Kapellmeistern Riccardo Chailly und Herbert Blomstedt wieder zum global gefragten Spitzenorchester gereift, nachdem es Kurt Masur bereits vor dem Fall der Mauer international platzieren konnte. 1974 reisten die Leipziger als erstes Orchester der DDR in die USA. Inzwischen ist man von Asien über Nord- und Südamerika bis nach Australien getourt.

In der DDR gehörte das Gewandhausorchester neben den Staatskapellen von Dresden und Berlin zu den großen drei im Konzertbetrieb. Für Musiker war es etwas Besonderes, in einem dieser Orchester zu spielen. Tourneen in den Westen gehörten fast schon zum Alltag. „Die künstlerische Arbeit war schon immer von einem hohen Niveau geprägt, unabhängig von der politischen Situation“, sagt der Erste Konzertmeister der Ersten Geigen, Frank-Michael Erben. Vor ein paar Jahren fragte ihn eine Journalistin aus Bayern, ob er nach der Wende Mendelssohn nun anders spiele: „Ich wusste anfangs gar nicht, was sie von mir will“, sagt der 52-Jährige. „Denn der Qualitätsanspruch war vor 30 Jahren nicht anders als heute“, betont Erben, der die Konzertmeisterstelle seit 1987 innehat. Natürlich hätten sich seither Dinge geändert – durch Kapellmeister, durch Musiker, die neue Einflüsse mitbrachten. Früher kam der Nachwuchs hauptsächlich aus der Musikhochschule in Leipzig. Inzwischen sind im Orchester 25 Nationen vertreten.

Andris Nelsons, seit wenigen Tagen 21. Gewandhauskapellmeister, macht es sichtlich Freude, über die Qualitäten seines neuen Orchesters zu sprechen. Bei der Frage nach dem speziellen Ton ist er um Attribute nicht verlegen. „Der Klang ist geprägt von einem Verständnis für Bach und andere. Er ist sehr flexibel, auf eine Art cremig, sehr empfindsam, samtig, transparent, aber tief. Da gibt es kein Schwarz und Weiß, alles ist durchsichtig“, sagt der 39-jährige Lette, ein Star ohne Allüren. Mit diesen Qualitäten will Nelsons nicht nur das musikalische Erbe bewahren, sondern auch die Moderne bedienen. Damit knüpft er an eine Tugend der Leipziger an. Viele Klassiker wurden einst im Gewandhaus uraufgeführt. Hier erblickte Beethovens „Tripelkonzert“ das Licht der Musikwelt. Gleiches gilt für Mendelssohn Bartholdys „Schottische Sinfonie“ und sein Violinkonzert, für mehrere Sinfonien von Schumann, Schuberts große C-Dur-Sinfonie, das Violinkonzert von Brahms, Bruckners 7. Sinfonie oder Wagners „Meistersinger“-Vorspiel. Fürs Jubiläum hat das Orchester Zeitgenossen mit Werken beauftragt. In der laufenden Saison wird Neues von Philip Glass, Jörg Widmann, Thomas Larcher und Steffen Schleiermacher zu hören sein.

Bratscher Anton Jivaev hat noch aus einem anderen Grund von einem Job in Leipzig geträumt. Es sei eine einmalige Konstellation, dass man hier als Musiker Sinfoniekonzerte im Gewandhaus, Musiktheater in der Oper und Bach-Kantaten in der Thomaskirche spielen könne, sagt der 41-Jährige. Hinzu komme die Kammermusik: „Das gibt praktisch eine vierfache Zufriedenheit.“ Wer hier eine Brahms-Sinfonie einstudiert, kann auf historisches Notenmaterial mit Anmerkungen zurückgreifen – so wie es Kapellmeister Arthur Nikisch schon vor 100 Jahren nutzte. Dabei ist das Gewandhaus im digitalen Zeitalter alles andere als ein musealer Betrieb. (dpa)

Das Festkonzert am Sonntag ab 11 Uhr aus dem Gewandhaus überträgt MDR-Kultur als Videostream unter www.mdr-kultur.de/live und ab 19.30 Uhr im Radio

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