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Donnerstag, 07.06.2018

Buchsucht in Meißen

In Kellergewölben und Ateliers, Kirchen und Kneipen wird vier Tage lang vorgelesen. Etliche Leichen sind eingeplant.

Von Karin Großmann

Spannende Geschichten beim Literaturfest Meißen 2015.
Spannende Geschichten beim Literaturfest Meißen 2015.

© Hübschmann

Studenten machen beim Wandern einen grausigen Fund. Im Naturschutzgebiet liegt eine Tote, weggeworfen wie Müll. Ein Rieslingfan wird als Mörder verdächtigt. Auch sonst wirkt die Welt der Winzer nicht eben heil. Zwischen Gier, Neid und Größenwahn wird der Chemiebaukasten geplündert. Glücklicherweise ereignet sich das alles weit weg am Mittelrhein. So kann die Lesung aus dem Krimi „Tod in der Steillage“ unbeschwert stattfinden. An diesem Donnerstag lädt das Weingut Mariaberg in Meißen dazu ein.

Es ist eine von 180 Lesungen an über 40 Orten. Zum neunten Mal veranstaltet Meißen ein großes Literaturfest. Bis zum Sonntag dreht sich alles ums Buch. Viele Bühnen wurden ins Freie gebaut. Daneben öffnen Künstler ihre Ateliers. Kneipenwirte geraten ins Blättern. Vereine bieten ein Podium. Ein Bäcker stellt Strittmatters „Laden“ vor, und was läge näher als die Romantrilogie, die in einer Backstube ihren Anfang nimmt. Solche Bezüge finden sich im Programm häufig. Die Direktorin der Dresdner Porzellansammlung hat nicht zufällig den Roman „Utz“ im Gepäck. Das Vorbild für die Hauptfigur lieferte der Sammler Rudolf Just, der in den 1930er-Jahren einen Schatz von über 300 Stücken Meissner Porzellans des 18. Jahrhunderts zusammentrug. „Das meiste Porzellan ist bourgeoiser Bullshit“, würde der Schriftsteller Edmund de Waal dazu sagen. Er verfasste ein Buch über den zerbrechlichen Stoff und wird in Meißen fleißig herbeizitiert.

Die Zuhörer haben häufig die Qual der Wahl – allein an diesem Donnerstagabend finden neun Lesungen statt. Zur offiziellen Eröffnung am Freitag stellt Ex-Minister Thomas de Maizière den Roman „Landnahme“ von Christoph Hein vor. Im Mittelpunkt steht ein Mann aus Schlesien, der aus seiner Heimat vertrieben wurde und nur mühsam am neuen Ort heimisch wird. Das Thema wird in anderen Veranstaltungen unter aktuellem Aspekt fortgesetzt. Erstmals wird auch in arabischer, persischer und dänischer Sprache vorgelesen. Flüchtlinge, die in Afghanistan und im Libanon geboren wurden, stellen Texte vor.

Zu den Höhepunkten gehört der Poetry Slam am Samstagabend unter dem Titel „Revoluzzer und Rebellinnen“. Auch sonst spielen die Unruhestifter der Geschichte eine Rolle. So geraten Karl Marx und die Achtundsechziger in die Gesellschaft der Frauenrechtlerin Louise Otto und der sächsischen Herzogin Elisabeth, die als Spionin und Netzwerkerin bekannt war.

Und natürlich wird es bei einer Leiche nicht bleiben. Dafür garantieren Krimiautoren wie Frank Goldammer, Christine Sylvester, Elisabeth Herrmann, Heike Stöhr. Sie lassen nicht lesen, sie lesen selbst.

www.literaturfest-meissen.de

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