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Donnerstag, 08.12.2016

Botschafterin des „Weißen Goldes“

Julia Weber, neue Direktorin der Dresdner Porzellansammlung, mag das Material, aber dessen Erfinder nicht.

Von Birgit Grimm

Julia Weber ist die jüngste Museumsdirektorin an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Seit August leitet sie die Porzellansammlung im Dresdner Zwinger.
Julia Weber ist die jüngste Museumsdirektorin an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Seit August leitet sie die Porzellansammlung im Dresdner Zwinger.

© ronaldbonss.com

August der Starke litt an der Porzellankrankheit. Und Julia Weber hat es auch erwischt. Eine junge Frau! Sie ist erst 37 und leitet seit dem Sommer die Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD). Angesteckt hat sie sich, als sie noch Studentin war und ein Praktikum auf Schloss Waddesdon Manor, einem Rothschild-Anwesen zwischen London und Oxford, machte. In der dort beheimateten Sammlung war zu jener Zeit der Austausch von Porzellanen zwischen Frankreich und Sachsen anlässlich der Hochzeit der 15-jährigen Prinzessin Maria Josepha von Sachsen mit dem französischen Thronfolger Louis ein großes Thema. Julia Weber kniete sich rein und kam vom „Weißen Gold“ nicht mehr los.

Sie erzählt: „August III. ließ in Meißen mehrere Tafelservice fertigen und nach Frankreich schicken. Ludwig XV. fühlte sich herausgefordert, investierte in die Porzellanherstellung, und es kam zu einem regelrechten Schlagabtausch diplomatischer Geschenke“, erzählt Julia Weber. „Unseren wunderschönen Blumenstrauß hat Maria Josepha 1749 aus Frankreich an ihren Vater geschickt.“ Der hatte zuvor das Brautpaar mit prachtvollem Meissener beschenkt. Nun wollten die Franzosen zeigen, dass sie in Vincennes genauso gut oder gar besser waren als die Sachsen. „Mit einer Finanzspritze konnte Vincennes die Technologie des Fritten- oder Weichporzellans perfektionieren, sodass ein so großes Stück wie der Blumenstrauß überhaupt erst hergestellt werden konnte“, sagt Frau Weber. Der Blumenstrauß ist zusammengesetzt aus 470 filigranen Blüten. „In Meißen stellte man zu jener Zeit aber schon die großen Tierplastiken her. Außerdem fand ich heraus, dass die Figuren auf dem Sockel des Blumenstraußes Meissener Vorbilder haben. Der goldene Sockel wiederum ist eine französische Spezialität, die August mit einem großen goldenen Spiegelrahmen, den er nach Frankreich schickte, zu toppen versuchte.“

Mit einer App durch die Sammlung

Wenn Julia Weber davon erzählt, gerät sie leicht ins Schwärmen. „Diese Geschichten zu ergründen und zu erzählen, das war meine Attraktion für dieses besondere Material. Ich finde sehr spannend, welch hohe politische Bedeutung das Porzellan hatte, welche Botschaften es sandte, wie es verstanden und wertgeschätzt wurde.“ Das alles möchte sie den Besuchern „ihres“ Museums selbst erzählen und von Museumspädagoginnen, Schauspielern, Pantomimen, Musikern erzählen lassen. Dabei werden Fälschungsskandale aufgedeckt und Wirtschaftsspione enttarnt. Und wem der Kaiser von China eine Audienz gewährt, der wird eine abenteuerliche Seereise erleben. Die Geschichten und die Möglichkeiten, sie erzählen zu lassen, sind so vielfältig wie die Farben des Porzellans. „Mein Fernziel ist ein Audioguide oder eine App.“

Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Französische Philologie studierte Julia Weber an den Universitäten Augsburg und Bonn. 2011 promovierte sie an der Universität Basel. Über Dortmund kam sie ans Bayerische Nationalmuseum in München, wo sie im Jahre 2012 als stellvertretende Referentin die Verantwortung für die keramischen Sammlungen des Museums übernahm, insbesondere für die Meißener Porzellan-Sammlung Stiftung Ernst Schneider in Schloss Lustheim.

Nun also Dresden. Hier ist sie die jüngste Direktorin eines Museums der SKD und befasst sich mit so altmodischen Dingen wie Porzellan. Tassen, Teller, Vasen. Die Ausstellung im Zwinger wurde vor ein paar Jahren erst neu eingerichtet. Wo sieht sie Handlungsbedarf? „Auf lange Sicht schweben mir Veränderungen im Tiersaal vor“, sagt sie. Peter Marinos Inszenierung mit den Baldachinen und vergoldeten Felsen polarisiert Besucher und Fachwelt. Manche sind verzückt, manchen ist das zu kitschig. Julia Weber bleibt diplomatisch: „Das ist die sehr starke Setzung eines Künstlers. Er hat sich an den Präsentationsformen des 18. Jahrhunderts orientiert mit Lack und Seide. Ich finde es gut, dass er sich was traut. Die Ledertapeten mit der Andeutung von Geäst sind sehr stimmig. Aber bei den Baldachinen ist er übers Ziel hinausgeschossen. Die Tiere von Johann Joachim Kändler sind mit das Großartigste, was wir haben, aber sie gehen unter in all dem Klimbim und dem Gold. Da würde ich gern nachjustieren.“ Eile hat sie damit nicht. „Wenn man die SKD als Ganzes sieht und bedenkt, in welcher Situation das Kunstgewerbemuseum und die Völkerkunde untergebracht sind, dann ist klar, dass die Porzellansammlung keine Priorität hat.“

Gemeinsam mit ihrem Team denkt sie auch über eine mögliche Einrichtung des Turmzimmers im Schloss nach. „Es wird in der baulichen Form rekonstruiert werden anhand historischer Fotografien. Aber noch ist nicht entschieden, wie die Staatlichen Kunstsammlungen das Zimmer nutzen. Meine Kollegin Anette Lösch forscht zur Geschichte des Raumes.“

Im Zwinger möchte sie auch in der Langgalerie Veränderungen vornehmen. „Die Langgalerie wirkt auf mich wie eine unendliche Vitrinenreihe voller Geschirr. Dort möchte ich Höhepunkte schaffen und Flexibilität gewinnen. Bisher stehen das Meissener und das Ostasiatische Porzellan getrennt, aber das eine wurde vom anderen inspiriert. Diesen Zusammenhang möchte ich in der Ausstellung zeigen.“ Die Porzellansammlung ist ein Beispiel dafür, dass die Begegnung mit einer fremden Kultur Konflikte erzeugt, aber auch Kreativität freisetzt. „Museen können Neugier wecken, den Willen zur Offenheit befördern“, sagt sie.

Zeitgenössische Künstler könnten in einen Dialog mit der Sammlung treten. Zum Londoner Porzellankünstler und Schriftsteller Edmund de Waal hat sie bereits Kontakt aufgenommen. „Er könnte sein jüngstes Buch ,Die weiße Straße‘ im Zwinger vorstellen, schließlich hat es mit Dresden zu tun.“ Auf den grandiosen Erzähler ist Julia Weber „fast ein bissel neidisch, weil er zum Beispiel unverblümt sagen darf, dass er Böttger hasst.“ Oha! Die Direktorin der Dresdner Porzellansammlung mag also den Erfinder des „Weißen Goldes“ nicht?! Das dürfte Familie Tschirnhaus freuen.

Julia Weber schmunzelt und sagt versöhnlich: „Johann Friedrich Böttger ist mir nicht sympathisch, aber seine Unverdrossenheit und seine Unverschämtheit faszinieren mich. Ein wenig Selbstüberschätzung gehört wohl dazu, wenn man genial sein will.“

Das mit der Unverschämtheit und Unverdrossenheit mag auch für August den Starken gelten. „Außerdem war er ein Kosmopolit und fasziniert vom Fremden und Exotischen. Einmalige Kunstwerke sind daraus entstanden.“

Die Porzellansammlung im Zwinger ist geöffnet von

10 bis 18 Uhr, montags geschlossen, auch am 24. 12.