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Montag, 14.05.2018

Blumengärtner aus Liebe

Der argentinische Startenor José Cura singt freudvoll und leidvoll Lieder seiner Heimat.

Von Rainer Kasselt

Willkommen in Deutschland! José Cura schüttelt verwundert den Kopf. „Hier wird am Sonntag, 11 Uhr, gearbeitet.“ Auch wenn die Zeit für ihn ungewohnt ist, musikalisch ist er sofort voll da. Der weltweit gefragte argentinische Tenor, 55, bestreitet in der Semperoper mit seinen „wunderbaren Freunden“, den Dresdner Kapellsolisten, eine umjubelte Matinee. Kapellchef Helmut Branny verfolgt im Parkett das Konzert mit argentinischen Liedern. José Cura leitet die Aufführung, gibt feinfühlige Einsätze und rollt sich als Dirigent selbst den Klangteppich aus.

Seit dreißig Jahren arbeitet der Sänger, Regisseur und Komponist in Europa, lebt mit seiner Familie in Madrid. Aber immer zieht es ihn zurück zu den Melodien seiner Heimat. Er besingt Pampasgras und Perlmutt im Wind, wird zum Blumengärtner aus Liebe, sehnt sich nach Wasserlilie und Purpur-Fuchsie. Cura lacht, sagt staunend: „Auf dieser Bühne habe ich als Otello gestanden, heute lobe ich das Blau der Prunkwinde.“ Mit charismatischer Ausstrahlung und beeindruckender Bühnenpräsenz führt er in englischer Sprache durch den Vormittag. Seine Stimme kann wohl alles: Sie flüstert und schwelgt, ist voller Sehnsucht und Dramatik, zart und melancholisch, keck und heiter. „Musik soll Vergnügen bereiten“, sagt der vielseitige Künstler mit den dichten, grau melierten Haaren und dem Schalk in den Augen.

José Cura singt selbstkomponierte Lieder an die Liebste, nach poetischen Texten von Pablo Neruda. Die Verse verraten, was er im Alter „verlorener Verwunderung“ fühlt, und erinnern an den „scharfen Stachel der Begierde“ in der Jugend. Sie erzählen von der Sanftheit einer Liebe, dem Glück der Treue und dem Kummer des Verlassenseins. Cura rühmt den Reichtum argentinischer Volks- und Kunstmusik.

Was für die Deutschen Schubert oder Schumann, sind für ihn Kompositionen von Hilde Herrera oder Carlos Gustavino. Er versteht sich als Kulturbotschafter seiner Heimat. Auf Tango verzichtet er im Programm. Vor Jahren gaben Besucher einer nicht genannten deutschen Stadt deshalb enttäuscht ihre Karten zurück, erzählt Cura amüsiert. Davon konnte am Sonntag keine Rede sein.

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