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Donnerstag, 11.01.2018

Bekannte Unbekannte

Leoni Wirth entwarf den Pusteblumenbrunnen für Dresdens Prager Straße und schuf eigenwillige Kunst in einigen Städten der DDR.

Von Birgit Grimm

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Am Dresdner Albert-Wolf-Platz wurde Leoni Wirths Pusteblumenbrunnen so rekonstruiert, wie er einst auf der Prager Straße stand.
Am Dresdner Albert-Wolf-Platz wurde Leoni Wirths Pusteblumenbrunnen so rekonstruiert, wie er einst auf der Prager Straße stand.

© André Wirsig

Die Pusteblumen von Leoni Wirth gehören zu Dresden wie die Eierschecke. Nur sind sie sehr viel dauerhafter als der leckere Kuchen mit der fluffigen, goldgelben Oberschicht. Nach dem Hochwasser 2002 wurde der Pusteblumenbrunnen auf der Prager Straße abgebaut und eingelagert. Doch der Brunnen fehlte, als hätte man der Prager Straße ein Loch gerissen. In abgespeckter Variante, mit nur drei Sprühblumen und ohne die kleineren Pilze, hat die Stadt den Brunnen wieder aufgestellt. Das hat viele Dresdner gefreut, doch würde man sie fragen, wer Leoni Wirth sei, würden sie sich fragend anschauen und mit den Schultern zucken.

Die Künstlerin war im Kunstbetrieb der DDR keine von den Berühmtheiten. Nun ist ihrem Lebenswerk – nach einer Ausstellung vor einigen Jahren im Kunsthaus Dresden – ein Buch gewidmet. Torsten Birne, Barbara Tlusty und Silke Wagler haben Leben und Werk von Leoni Wirth erforscht. Mithilfe des Sohnes Hans Wirth trugen sie Fotografien, Zeichnungen, Modelle zusammen und brachten im Form+Zweck Verlag das Buch heraus, das sich zum ersten Mal dieser eigenwilligen Künstlerin widmet und aufzeigt, wie sie arbeitete, wie sie von natürlichen und gebauten Strukturen zu ihren höchst eigenwilligen, abstrahierenden Formen findet.

Das große Rätsel, warum eine so unbekannte Künstlerin Ende der 1960er-Jahre einen so wichtigen Auftrag in Dresden erhält, konnte bisher nicht gelöst werden.

Leoni Wirth, geboren 1935, studierte in Dresden an der Technischen Universität zwei Jahre Architektur, ehe sie in die Bildhauerklasse an die Hochschule für Bildende Künste wechselte. Zwischen 1968 und 1978 entwarf sie fünf Brunnen. Drei realisierte sie in Dresden, einer wurde in Rostock gebaut, ein anderer in Greifswald. Sie starb 2012. Ihre Zeichnungen und Modelle ausgestellt hat sie nie. Doch ihre wichtigsten Arbeiten kennt jeder Dresdner: Es sind zwei Wasserspiele auf der Prager Straße, der Pusteblumen- und der Schalenbrunnen sowie der gläserne Hyazinthenbrunnen vor der ehemaligen Hauptverwaltung des VEB Robotron am Pirnaischen Platz.

Der Natur war sie immer nah, nicht erst, als sie sich ab 1990 für den Tierschutz engagierte. Die abstrahierenden Formen, die sie entwickelte, hat sie der Natur abgeschaut. In ihren Modellen schuf Leoni Wirth aus Alltagsdingen wie Klingeldraht, Puffreis, Schneebesen die Vorbilder für ihre Brunnen aus Edelstahl. Im Spiel mit den Elementen Wasser, Wind und Licht zeigen sie ihre ganze Schönheit.

Als auf der Prager Straße die Brunnenanlage nach dem Hochwasser 2002 Schaden genommen hatte, schließlich abgebaut und 2004 in abgespeckter Variante wieder aufgebaut werden sollte, wehrte sich Leoni Wirth vehement dagegen. Das Ensemble wurde rekonstruiert und steht seit 2009 wieder komplett in Dresden, allerdings im Stadtteil Prohlis am Albert-Wolf-Platz. Auf der Prager Straße steht jetzt ein kleineres Becken und mit drei originalen, aber in der Höhe verkürzten Pusteblumen. Und am Dippoldiswalder Platz soll der Schalenbrunnen, der ebenfalls bis zum Hochwasser 2002 auf der Prager Straße plätscherte, als Teil eines neuen Promenadenrings, etwa 500 Meter entfernt von seinem ursprünglichen Platz, wieder aufgestellt werden.

Torsten Birne, Barbara Tlusty, Silke Wagler (Hg.) Leoni Wirth: Spiel mit den Elementen. Brunnen. Objekte. Zeichnungen; Form+Zweck Verlag, 128 Seiten, 24 Euro.

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Pendlerin

    Ich finde es mehr als traurig, dass die Pilze nicht mehr auf der Prager Straße stehen, wo sie hingehören. Der Albert-Wolf-Platz ist trotz des Brunnens kein schöner Anblick und viel zu weit weg vom Zentrum. Dieser Brunnen soll alle Dresdner erfreuen, das kann er am Besten im Zentrum, und nicht in Prohlis! Welcher Depp hat das so entschieden?

  2. Mal eine Anmerkung

    Richtig ,die Stadt Dresden hat Teile des Brunnens wieder aufgestellt.Aber der "Neue Ort" -Albert Wolf Platz ist leider zu einem Sammelort von Menschengruppen geworden ,die an schönen Tagen (Frühjahr bis Herbst durchgängig)bereits ab morgens dem Alkohol frönen ,lärmen und den Platz verschmutzen! Die nach reichlich Alkoholgenuss notwendige Notdurft wird in die angrenzenden Grünanlagen verrichtet.Im Sommer stinkt es wie auf einer unsauberen Toilette. Auch kommt es oft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen! Diese Zustände sind den entsprechenden Stellen bekannt und es geschieht NICHTS! Diese Umstände tragen nicht dazu bei sich an den wirklich schönen Springbrunnen zu erfreuen!99 % der Anwohner und Besucher dieser Ecke Prohlis haben kein Verständnis für so einen "Sammelplatz" von Menschen mit durchgehender Tagesfreizeit ! Und ich finde Frau Wirth ,wenn sie noch am Leben wäre ,würde IHRE Brunen sofort an einen anderen Ort umsiedeln lassen! Dieser Ort ist einer der Brennpunkte in Prohlis!

  3. knut knebel

    Architekt Hatzfeld aus Dresden hat uns im Auftrage der Stadtverwaltung die Prager Straße im Mittelteil marktkonform umgestaltet und die Dresdner(innen) gleichmit um dieses Brunnenwerk der Pusteblumen beraubt. Seither siehts kahl und trostlos aus, ich meide wie viele andere diesen unwirtlich-verschlimmbesserten Ort, folglich war die Umgestaltung für die Katz. Der heutige etwas marktkonformer getrimmte Prager Platz schwächelt sowieso in seiner grundsätzlichen Plattenbauödnis. Da solche Unorte den sog. Architekten gefallen, sie derlei planen und bauen wollen, der weitaus größte Teil der Bevölkerung dies aber bekanntlich völlig konträr sieht, ist so einiges bei der Architektenausbildung der letzten Dekaden gründlich schief gelaufen. Auch das ist heute ausreichend nachgewiesen, begründet und nicht mehr in Frage zu stellen. Die Pusteblumen hätten vollständig bleiben könen, Platz war genug, und er besteht nach wie vor. Der Brunnen ist problemlos wieder herzustellen, wie einst. Nu dann ...

  4. Heinz-Peter Herzog

    Siegbert Langner von Hatzfeld ist mit Sicherheit kein "Dresdner Architekt". Der wurde nach der Wende mit dem Umbau der Prager Straße beauftragt und hatte den Namen Leonie Wirth wie auch die Namen aller anderen beteiligten Architekten der Prager Straße nie gehört, geschweige denn ihr Konzept verstanden, noch war er bereit, sich damit auseinanderzusetzen. Dafür hatte er die gesichtslosen Einkaufsmeilen westdeutscher Innenstädte tief verinnerlicht.

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