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Montag, 11.06.2018

Baltische Exkursion

Paavo Järvi, die Staatskapelle und Solist Gidon Kremer besichtigen einen fast vergessenen Weinberg.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Der Abend mit der Staatskapelle in der Semperoper hatte eine starke baltische Note. Zunächst erklang mit dem Swansong ein Werk des großen Esten Arvo Pärt, derzeit „Capell-Compositeur“, und es war ein berührender Moment, als der 82-Jährige danach auf die Bühne kam und seinen Landsmann Paavo Järvi umarmte, einen der gefragtesten Dirigenten unserer Zeit. Der stand nicht zum ersten Mal am Pult der Kapelle, und auch der Starsolist, Geiger Gidon Kremer, Lette mit jüdischen, schwedischen und deutschen Wurzeln, hat schon mehrfach hier gespielt.

Das Konzert vom Sonnabend, eine Kooperation mit den Festspielen, wird am Dienstag ab 20.05 von MDR Kultur und MDR Klassik ausgestrahlt. Dieses Ereignis nachzuhören, lohnt aus vielen Gründen. Schon Pärts schlankes Stück, die noch junge Orchester-Adaption einer Chorkantate, war ein intensives Erlebnis. Das sakrale Werk, dem ökumenischen Gedanken der Annäherung verpflichtet, erstrahlte in schlichter Schönheit, von Pärt als „Engelsmusik“ gedacht.

Kremer stellte dann das Violinkonzert in g-Moll vor, das Mieczyslaw Weinberg, ein heute fast vergessener Schützling Schostakowitschs, 1959 komponiert hat. Weinberg wurde 1919 in Warschau geboren, flüchtete vor den Nazis in die Sowjetunion, wo er 1953 in Haft geriet. Der Kontrast zwischen den treibenden Ecksätzen, dem schwingenden Allegretto und dem elegischen Adagio ist erheblich. Paavo Järvi, ein Maestro mit natürlicher Autorität, führte die Kapelle souverän durch die Strudel und Sprünge der Stimmung, ließ dem Solisten, aber auch den Bläsern spürbar klanglichen Freiraum. Als Zugaben spielte Kremer zwei von Weinbergs 24 Präludien für Cello, adaptiert für die Violine.

Nach der Pause schwelgten Järvi und Kapelle in den kühlen Klangfarben des Finnen Jean Sibelius, reizten mit der Lemminkäinen-Suite die eigenwillige Dramatik dieser nordischen Heldensaga aus der Kalevala nuanciert aus. Sibelius lässt Bässe und Celli dräuen, die Geigen flimmern und die Hörner fetzen, und er schenkt dem Englischhorn ein herzzerreißendes Solo. Järvi hielt die Zügel straff, schuf ein suggestives Pulsieren fern aller Pathetik. Riesiger Beifall.