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Montag, 10.09.2018

Aus deutscher Sicht gibt es nichts zu feiern

Beim Filmfest Venedig gewinnt zum ersten Mal eine Produktion eines Streaming-Anbieters den Goldenen Löwen: Netflix nimmt ihn für „Roma“ entgegen.

Von Aliki Nassoufis

Venedig 2018: starker Fokus auf Frauen. Nicht nur im Siegerfilm „Roma“ stehen Heldinnen – unter anderem die Haushälterinnen – im Mittelpunkt. Auch der zweite große Gewinner, „The Ballad of Buster Scruggs“, blieb wegen seines überzeugenden weiblichen Ensembles und der auf Frauen fokussierten Geschichte in Erinnerung.
Venedig 2018: starker Fokus auf Frauen. Nicht nur im Siegerfilm „Roma“ stehen Heldinnen – unter anderem die Haushälterinnen – im Mittelpunkt. Auch der zweite große Gewinner, „The Ballad of Buster Scruggs“, blieb wegen seines überzeugenden weiblichen Ensembles und der auf Frauen fokussierten Geschichte in Erinnerung.

© dpa

Es ist wie ein Ritterschlag für Netflix. Bisher galt der Streaming-Dienst vor allem als Anbieter für Serien. Doch Netflix produziert immer mehr Filme – und konnte bei den Festspielen in Venedig nun einen enormen Erfolg feiern. Gleich zwei Hauptpreise gingen an Netflix-Werke, darunter zum ersten Mal in der Festivalgeschichte sogar die höchste Auszeichnung für den besten Film: „Roma“ des Oscar-Preisträgers Alfonso Cuarón gewann am Sonnabend den Goldenen Löwen. Außerdem ging die Trophäe für das beste Drehbuch an die Brüder Ethan und Joel Coen für „The Ballad of Buster Scruggs“, ebenfalls von Netflix produziert. Deutlich enttäuschender war die Bilanz für den deutschen Film. Florian Henckel von Donnersmarck, der mit „Das Leben der Anderen“ den Auslands-Oscar gewann, hatte es mit „Werk ohne Autor“ zwar in den Wettbewerb geschafft. Doch das Künstlerdrama mit Tom Schilling in der Hauptrolle fiel nicht nur bei vielen Kritikern durch, auch bei der Preisverleihung ging der Film schließlich komplett leer aus. Unter den Gewinnern war außerdem keine einzige deutsche Ko-Produktion.

„Roma“ ist ein vielschichtiges, wunderschön gefilmtes Werk über das Leben im Mexiko der 70er-Jahre. Regisseur Cuarón fokussiert dabei auf zwei junge Frauen, die als Haushälterinnen bei einer wohlhabenden Familie leben und sich dabei auch um die Kinder kümmern. Cuarón erklärte, sein Werk sei eine Hommage an sein früheres Kindermädchen. Der Preis für den Film ist der erste Goldene Löwe für Mexiko.

So verdient die Auszeichnung aber auch ist: Sie wird den Streit um die Rolle von Netflix in der Kinowelt fortsetzen. Denn warum wird ein Film mit dem höchsten Preis eines Festivals ausgezeichnet, wenn er anschließend nur in wenigen Kinos und dafür vor allem beim Streaming-Dienst zu sehen sein wird? Beim Festival Cannes sorgte die Auseinandersetzung in diesem Jahr dafür, dass Netflix letztendlich all seine eingereichten Beiträge wieder zurückzog, darunter auch Cuaróns jetzigen Löwen-Gewinner.

Allerdings muss man gleichzeitig honorieren, wie viel Geld Netflix mittlerweile für hochkarätige Regisseure und herausragende Filme bereitstellt: Auch „Roma“ sowie der episodisch erzählte Western-Beitrag „The Ballad of Buster Scruggs“ der Coen-Brüder sind beides bemerkenswerte Werke – offensichtlich sah das die Venedig-Jury ebenfalls so.

Spannend wird nun der Blick nach vorn. Immerhin waren die Filmfestspiele in Venedig in den vergangenen Jahren immer ein guter erster Indikator für die kommende Preissaison in Hollywood. Häufig konnten die Venedig-Teilnehmer – wie „Gravity“, „La La Land“ oder „Shape of Water“ – dann Golden Globes oder Oscars gewinnen. (dpa)

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