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Mittwoch, 11.07.2018

Auf ein Tänzchen mit dem Sturmgewehr

Von Andreas Körner

Abkommandiert auf einen verlassenen Grenzposten im Nirgendwo, übt Jonathan Feldman (Yonatan Shiray) schon mal mit seinem Gewehr ein paar Tanzschritte. Wenig später wird der junge israelische Soldat das Opfer einer fatalen Entscheidung. Foto: Foto: Giora Bejach/NFP
Abkommandiert auf einen verlassenen Grenzposten im Nirgendwo, übt Jonathan Feldman (Yonatan Shiray) schon mal mit seinem Gewehr ein paar Tanzschritte. Wenig später wird der junge israelische Soldat das Opfer einer fatalen Entscheidung. Foto: Foto: Giora Bejach/NFP

Zerstörerischer Mist sei es. Israels Kulturministerin Miri Regev hat „Foxtrot“ anlässlich der Weltpremiere 2017 in Venedig in der Luft zerrissen und Regisseur Samuel Moaz – sinnbildlich – gleich mit. Besonders jene Szenen, in denen israelische Soldaten ein palästinensisches Dorf überfallen, seien ihr schwer aufgestoßen. Heikel nur, dass es diese Szenen in „Foxtrot“ gar nicht gibt. Das konnte die Ministerin nicht wissen, sie hatte den Film nicht gesehen.

Sie habe auch nie Tschechow gelesen, verkündet Miri Regev ohne Mühe. „Wer Tschechow nicht liest“, sagt Samuel Moaz, „von dem erwarte ich nicht viel.“ Am Ende aber steckt mehr hinter dem Verhalten einer offiziell Regierenden: Israel kämpft vor allem im Inneren. Mit den traumatischen Erinnerungen der aussterbenden Holocaust-Überlebenden und den Auswirkungen auf nachfolgende Generationen. Die erste, die man in eigene Kriege schickte wie die zweite auch. Generationen also, die eigene traumatische Erlebnisse haben. „Endlose“, meint Regisseur Moaz dazu, der selbst gedient hat. Und gelitten. Zwischen seinem Vorgängerfilm „Lebanon“ und „Foxtrot“ liegen acht Jahre. Das Thema, über individuelle Situationen auf gesellschaftliche Wunden zu schauen, lässt Samuel Moaz nicht los. Es scheint die Bestimmung des 55-Jährigen zu sein. „Lebanon“ ließ er komplett im Innenraum eines Panzers spielen. Beklemmender ging es nicht für die, die noch nie in einem Panzer saßen und draußen tobten Kämpfe. „Foxtrot“ legt Moaz hingegen an wie eine griechische Tragödie. In drei Akten wird von einer israelischen Familie erzählt, deren einziger Sohn gerade seinen Militärdienst zu leisten hat. Bis es eines Tages an der Wohnungstür klingelt.

„Wir müssen Ihnen mitteilen …“ Nur wenige Worte von Armeeoffiziellen genügen, bis Dafna Feldman in Ohnmacht fällt. Der Blick ihres Mannes Michael hält den grausamen Worten stand. Noch. Doch bald füllt sich Michael mit Wut. Die kommenden fünf Stunden dauern in „Foxtrot“ 30 Minuten. Streng komponiert sind sie, mit dem Gleiten durch Räume, an Türrahmen und Gesichtern vorbei, von oben vertikal auf Möbel und Körper herunter geblickt. Es ist grandioses Bilderkino mit Luft für eigenes Denken und sinnliches Erfahren. Worte werden dezent verdrängt, auch als Zeichen von Sprachlosigkeit.

Familie Feldman, so scheint es, bekommt von der Armee nur eine Nummer. Kalte Routine untermauert die Präsenz des Militärs im israelischen Alltag. Man weiß, wie man sich zu verhalten hat. Eine Beruhigungsspritze hat die kleine Abordnung schon parat, den Ratschlag nicht minder, stündlich ein Glas Wasser zu trinken. Der Beerdigungsoffizier vom Militär-Rabinat käme bald vorbei, um die Details der Beisetzung zu besprechen. Die Feldmans sind ab jetzt nicht mehr Herr ihrer kleinen Familie. Michael ärgert sich am meisten über sich selbst, dass es so schwer ist, sich dagegen zu wehren. Und wie bizarr ist es, was nach diesen fünf Stunden geschehen wird! Wieder nur ein Satz, nur eine Nachricht.

Bevor „Foxtrot“ in die Feldman’sche Wohnung zurückkehren wird, büxt er aus. Der zweite Akt spielt draußen. Vier Soldaten bewachen im Wüstensand des Nirgendwo eine Schranke. Langeweile regiert die Szenerie. Man öffnet nur für Kamele und seltene Autos. Eine Blechbüchse rollt im Aufenthaltscontainer, um seine Schieflage zu checken. Gestern brauchte sie acht Sekunden von Wand zu Wand, heute sieben. Der Sumpf fordert Tribut. Kann sein, bald versinkt die ganze Chose. Jonathan Feldman heißt einer der Soldaten. Er tanzt mit dem Gewehr einen Foxtrott: Vor, zurück, seitwärts, vor, zurück. Am Ende sind seine Füße also dort, wo sie begonnen haben. Und sage noch einer, diese Metapher des Regisseurs für sein Land wäre zu auffällig codiert. Dann ein Wagen, wieder eine Büchse und eine fatale Entscheidung.

„Foxtrot“ analysiert auf exzellente Weise und mit nicht minder exzellenten Leistungen von Schauspielerinnen und Schauspielern ein gesellschaftliches Gefüge. Samuel Moaz begibt sich im Inszenieren seiner Innenräume in die Nähe solch brillanter Erzähler wie dem Iraner Asghar Farhadi und des Türken Nuri Bilge Ceylan, während er für den Außen-Akt an Emir Kusturicas (in guten Tagen) pfiffiges Spiel mit der Groteske erinnert.

Und, ja: „Foxtrot“ mag als Anti-Kriegs-Parabel in ihrer klugen Schärfe schmerzen. Zerstörerisch aber ist etwas völlig anderes.

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