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Mittwoch, 13.01.2016

Auf der Suche nach Otto Griebel

Die Städtische Galerie Dresden bereitet die Ausstellung eines Dresdner Künstlers vor. Dazu gehört auch die Fahndung nach verschollenen Werken.

Von Birgit Grimm

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Otto Griebel war „ein Mann der Straße“. Er wohnte in Dresden-Pieschen und porträtierte die Leute in seinem Viertel. Dabei überzeichnete er sie nicht wie sein Zeitgenosse Otto Dix. „Mädchen im Hemd“, eine Mischtechnik von 1923 auf dicker Pappe, soll 2017 in der Ausstellung der Städtischen Galerie Dresden zu sehen sein. Es gehört dem Dresdner Kupferstich-Kabinett. Gut zu sehen ist oben links die Signatur. Hier wirkt sie wie gestempelt; auf dem anderen Mädchenbildnis rechts wie gezeichnet.
Otto Griebel war „ein Mann der Straße“. Er wohnte in Dresden-Pieschen und porträtierte die Leute in seinem Viertel. Dabei überzeichnete er sie nicht wie sein Zeitgenosse Otto Dix. „Mädchen im Hemd“, eine Mischtechnik von 1923 auf dicker Pappe, soll 2017 in der Ausstellung der Städtischen Galerie Dresden zu sehen sein. Es gehört dem Dresdner Kupferstich-Kabinett. Gut zu sehen ist oben links die Signatur. Hier wirkt sie wie gestempelt; auf dem anderen Mädchenbildnis rechts wie gezeichnet.

© Herbert-Otto Boswank

  • Otto Griebel war „ein Mann der Straße“. Er wohnte in Dresden-Pieschen und porträtierte die Leute in seinem Viertel. Dabei überzeichnete er sie nicht wie sein Zeitgenosse Otto Dix. „Mädchen im Hemd“, eine Mischtechnik von 1923 auf dicker Pappe, soll 2017 in der Ausstellung der Städtischen Galerie Dresden zu sehen sein. Es gehört dem Dresdner Kupferstich-Kabinett. Gut zu sehen ist oben links die Signatur. Hier wirkt sie wie gestempelt; auf dem anderen Mädchenbildnis rechts wie gezeichnet.
    Otto Griebel war „ein Mann der Straße“. Er wohnte in Dresden-Pieschen und porträtierte die Leute in seinem Viertel. Dabei überzeichnete er sie nicht wie sein Zeitgenosse Otto Dix. „Mädchen im Hemd“, eine Mischtechnik von 1923 auf dicker Pappe, soll 2017 in der Ausstellung der Städtischen Galerie Dresden zu sehen sein. Es gehört dem Dresdner Kupferstich-Kabinett. Gut zu sehen ist oben links die Signatur. Hier wirkt sie wie gestempelt; auf dem anderen Mädchenbildnis rechts wie gezeichnet.
  • Dieses Landschaftsaquarell von 1928 gehörte zur Sammlung von Hermann Liebsch, der ehemals im Langenauer Weg 15 in Dresden wohnte. Verbleib unbekannt.
    Dieses Landschaftsaquarell von 1928 gehörte zur Sammlung von Hermann Liebsch, der ehemals im Langenauer Weg 15 in Dresden wohnte. Verbleib unbekannt.
  • Das Blatt „Sitzende“ von 1923 (Bleistift, aquarelliert) gehörte zur Sammlung von Georg Curt Bauch und wurde 1994 bei Neumeister versteigert.
    Das Blatt „Sitzende“ von 1923 (Bleistift, aquarelliert) gehörte zur Sammlung von Georg Curt Bauch und wurde 1994 bei Neumeister versteigert.
  • Das Aquarell „Der Lorettokämpfer“ von 1929 kam laut Aufzeichnungen von Otto Griebel in den Besitz einer Frau Nitsche in Dresden. Verbleib unbekannt.
    Das Aquarell „Der Lorettokämpfer“ von 1929 kam laut Aufzeichnungen von Otto Griebel in den Besitz einer Frau Nitsche in Dresden. Verbleib unbekannt.
  • Das Aquarell „Alter Landstreicher“ (1933) ging bei einer Ausstellung 1946 in Bautzen an Heinz Köhler . Verbleib unbekannt.
    Das Aquarell „Alter Landstreicher“ (1933) ging bei einer Ausstellung 1946 in Bautzen an Heinz Köhler . Verbleib unbekannt.

Wichtige Ausstellungen werden nicht in einer Nacht eingerichtet. Sie brauchen einen langen Planungsvorlauf. Johannes Schmidt, Kustos für Malerei und Neue Medien, weiß, welche Bilder er in der Ausstellung des Dresdner Künstlers Otto Griebel zeigen will. Am 3. Februar 2017 soll sie eröffnet werden. Das Konzept steht, die Leihanfragen sind formuliert und verschickt, erste Rückmeldungen in der Städtischen Galerie Dresden eingetroffen. „Es wird die größte Griebel-Ausstellung, die es je gab“. sagt Schmidt. „Wir wollen den Künstler wieder ins Bewusstsein der Dresdner rücken.“ Vor zwanzig Jahren war im Dresdner Stadtmuseum die letzte Otto-Griebel-Ausstellung zu sehen, gestaltet überwiegend aus eigenem Bestand. Damals hatte Matthias Griebel, einer von Ottos Söhnen und Direktor des Stadtmuseums, begonnen, ein Werkverzeichnis seines Vaters zu erarbeiten, das Johannes Schmidt in seiner Dissertation nun vervollständigt.

Nach dem Krieg verstummt

„Es gab ein Werkverzeichnis der Gemälde, Otto Griebel hat es selbst angefertigt und von Hand geschrieben“, sagt Johannes Schmidt. Später begann er damit, auch die Aquarelle und Zeichnungen und seine Arbeiten fürs Puppentheater systematisch zu erfassen. Das dürften die wesentlich umfangreicheren und schwieriger zu recherchierenden Werkgruppen sein, denn Griebel hat überwiegend aquarelliert.

Mit den 20er-Jahren beginnt Griebels Werk. Schmidt will in der Ausstellung den Bogen spannen über die Zeit bei den Dresdner Dadaisten, die Arbeiten in neusachlicher Manier und sein kritisch-politisches Werk bis hin zu Griebels bekanntem Selbstporträt von 1945, das ihn vor dem brennenden Dresden zeigt. Damals wurde der größte Teil seines Werkes vernichtet. „Danach verstummte er als Künstler“, sagt Schmidt.

Otto Griebel, geboren am 31. März 1895 in Meerane, hatte zunächst Dekorationsmaler gelernt. 1910 ging er nach Dresden an die Königliche Zeichenschule, studierte dann Glasmalerei an der Dresdner Kunstgewerbeschule, bis er 1915 als Soldat in den Ersten Weltkrieg geschickt wurde. 1919 kehrte er zurück und setzte sein Studium als Meisterschüler bei Robert Sterl an der Kunstakademie fort.

Er wurde Mitglied der KPD, engagierte sich in diversen linken Künstlervereinigungen, war mit George Grosz und John Heartfield befreundet und hat sich als Kommunist und Anarchist „öfter in den Schlamm geritten“, wie es Schmidt formuliert. Sympathie schwingt in diesen Worten mit für einen hartnäckigen Künstler, der Haltung bewahrte.

1929/30 malte Griebel sein berühmtes Bild „Die Internationale“. Es hängt heute im Deutschen Historischen Museum Berlin als herausragendes Beispiel proletarisch-revolutionärer Kunst: Unzählige Arbeiter verschiedener Nationen stehen da im Schulterschluss. Griebel selbst ist auch im Bild und legt seine Hand auf die Schulter eines Bergmannes. 1933 durchsuchte die Gestapo Griebels Haus, verhaftete den Künstler und beschlagnahmte das Gemälde. Als er es 1945 zurückbekam, hängte er es ins Schlafzimmer. Dresden wollte „Die Internationale“ nicht. So kam das Bild nach Berlin und muss nun für die Ausstellung in Griebels Heimatstadt ausgeliehen werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Otto Griebel als Lehrer. „Es gibt in Dresden keinen Künstler, der 1945 derart abgebrochen wurde“, konstatiert Johannes Schmidt. „Griebel war 50. Zeitzeugen meinen, dass er nicht mehr die Kraft hatte, als Künstler neu zu starten. Er selbst sagte, dass seine Zeit als Künstler vorbei sei und er sich vorkommen würde wie ein alter Prärie-Indianer, der in der Zirkusmanege auftritt.“ Außerdem hatte er eine große Familie zu versorgen. Im Krieg war er noch mal Vater von Zwillingen geworden. Das jüngste Griebelkind kam im September 1945 zur Welt.

Dank eines Mäzens sind Fotografien vieler Werke überliefert, die Johannes Schmidt nun helfen, vermissten Blättern auf die Spur zu kommen. Einige Werke von Otto Griebel, deren Verbleib ungewiss ist, könnten sich in Privatbesitz befinden. „Es gab einen Sammler Otto Schäfer, der war Chemiker und wohnte am Fürstenplatz. Seine Sammlung lagerte er im Zweiten Weltkrieg auf ein Rittergut außerhalb Dresdens aus. Griebel bekam 1945 die Vollmacht, die Sachen abzuholen. Aber es war nichts mehr da“, sagt Schmidt.

Ein anderer großer Griebel-Förderer war der Textilfabrikant Herbert Kurz aus Meerane. Als er enteignet werden sollte, setzte er sich nach Westdeutschland ab, ließ aber seine Kunstsammlung in Meerane. Der Maler Bernhard Kretzschmar will in den 1950er-Jahren Arbeiten von Griebel auf dem Dachboden des Rathauses von Meerane gesehen haben. Dann verliert sich die Spur, die sich jetzt, Jahrzehnte später, nur schwierig wieder aufnehmen lässt. Johannes Schmidt recherchiert hartnäckig, hat seine Suchanfragen auf eine Internet-Plattform für Kunsthistoriker gestellt und geht jedem Hinweis nach – bei Kunsthändlern, Sammlern, Familien, mit denen Griebel in Kontakt stand. „Ich denke, dass noch einiges vorhanden ist, vor allem Aquarelle und Zeichnungen, auch kleinere Arbeiten in Briefen.“

Griebels Blätter sind an der Signatur gut zu erkennen. Johannes Schmidt hofft, dass sich Besitzer von Griebels Werken bei ihm melden und ihm so helfen, das Werkverzeichnis zu vervollständigen.

Hinweise an Johannes Schmidt, Städtische Galerie Dresden, Tel. 0351 4887 385, [email protected]