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Auf der Suche nach Kubas Zukunft

Der gebürtige Dresdner Landolf Scherzer ist durch Kuba gereist. In seinem Buch stellt er auch die Überlebensfrage.

26.06.2018
Von Frank Grubitzsch

uche nach Kubas Zukunft
Kuba ist berühmt für die zahlreichen Oldtimer, die noch immer über die Straßen der Karibikinseln fahren. Doch wohin steuert das Land in Zukunft? Hält es am Sozialismus fest oder öffnet es sich weiter Richtung Westen?

© dpa

Es mutet einigermaßen merkwürdig an, wenn ein Kuba-Reisender seinen ersten Besuch auf der Insel ausgerechnet auf einem Friedhof beginnt. Landolf Scherzer hat das getan, ohne zu ahnen, was ihn am Morgen danach erwartet. Da hört er im Radio die Nachricht vom Tod des Revolutionsführers Fidel Castro. Er erlebt ein ganzes Land in Trauer. So beginnt der 77-Jährige seine Reportage über Kuba.

Der gebürtige Dresdner, der 1988 mit seinem Buch „Der Erste“ in der DDR Aufsehen erregt hatte, ist sechs Wochen durch Kuba gereist. Er suchte nach Antworten auf die Frage, ob das sozialistische Gesellschaftsmodell auf der Karibikinsel noch eine Zukunft hat.

Wer eine umfassende Bestandsaufnahme der politischen und sozialen Verhältnisse in Kuba erwartet, wird enttäuscht. Das wollte und konnte Scherzer mit seinem Buch auch gar nicht leisten. Er hat mit vielen Kubanern gesprochen, nach ihren Erwartungen und Träumen gefragt. Einen Wunsch hört er immer wieder: Die meisten Kubaner hoffen darauf, dass es auch für die nächste Generation kostenlose Bildung und Gesundheitsversorgung gibt. Dass niemand auf Müllkippen nach Essensresten suchen oder seinen Lebensunterhalt mit Drogenverkauf sichern muss.

Scherzer entwirft das Stimmungsbild eines Landes, das vor einem Umbruch steht. Wohin der führt, weiß allerdings niemand. Der neue Staatspräsident Miguel Díaz-Canel, der vor wenigen Wochen die Nachfolge von Raul Castro angetreten hat, gilt als farbloser Apparatschik. Von ihm verspricht sich kaum jemand spürbare Veränderungen. Viele Kubaner vermuten eher, dass hinter den Kulissen Raul Castro weiter die Fäden in den Händen hält.

Mit eigenen Wertungen hält sich Scherzer zurück. Als ihn ein Kubaner fragt, ob er sich ein Urteil über Kuba gebildet habe, sagt er: „Ich will nicht urteilen.“ Das überlässt Scherzer anderen – wie dem Restaurator Michael Diegmann, der bei der Sanierung des Kapitols in Havanna mitarbeitet. „Kuba kann man nur hassen oder lieben. Ich liebe es“, sagt der Mann aus dem Eichsfeld, der seit Jahren auf der Insel lebt. Derlei Bekenntnisse vermeidet Scherzer. Dennoch lässt er keinen Zweifel daran, auf welcher Seite seine Sympathien liegen – bei all jenen, die ungeachtet aller Irrtümer, Fehler und Verbrechen keine prinzipiellen Einwände gegen den Sozialismus kubanischer Prägung haben. Wie der Pizzabäcker Arnaldo. „Das Beste, was Fidel getan hat, war der Bau von Schulen und Arztpraxen in allen Dörfern. Das Revolutionärste aber war die Erlaubnis, Pizza auch privat verkaufen zu dürfen.“

„Das lachen wir weg“

Pizza und Revolution? Meint er das ernst? Denn das erscheint abwegig angesichts der wirtschaftlichen Misere, deren Zeichen nicht zu übersehen sind. Was die vorsichtige Reform bewirken kann, bleibt offen.

Äußerungen wie die des Pizzabäckers passen zu einer Mentalität, die den Widrigkeiten des Alltags Lebensfreude entgegensetzt. Lazaro, ein Bauarbeiter, hat viele Jahre in Spanien und der Schweiz gearbeitet. Für ihn war es gar keine Frage, wieder in die Heimat zurückzukehren. Nicht allein, weil kubanisches Blut in seinen Adern fließt. Vielleicht war es auch die Kälte im Umgang miteinander, die er in der Fremde erlebte. „Klopfe in der Schweiz an eine Tür, weil der Nachbar dir Mehl borgen soll. Da öffnet dir niemand. Hier in unserer Straße wird dir jeder aufmachen.“

Probleme gibt es auf der Insel zur Genüge. „Die lachen wir weg“, sagt Lazaro. Wenn das so einfach wäre – angesichts der Mangelwirtschaft, der politischen Bevormundung und der Ungerechtigkeiten. Schwer erträglich ist die Existenz zweier Währungen, die die meisten Kubaner zu Bürgern zweiter Klasse macht. Peso nacional und CUC, der konvertierbare Peso: Für das „harte Geld“ gibt es Extra-Geschäfte, wo man alles bekommt.

Scherzer bekennt, sich keine Mühe gegeben zu haben, dieses System sofort zu begreifen. Dabei ist das nicht schwer zu verstehen, gerade für einen früheren DDR-Bürger. Die einen hatten D-Mark von Verwandten oder aus dubiosen Quellen; die anderen eben nicht. Scherzer muss sich auch den Einwand gefallen lassen, ein lückenhaftes Bild geliefert zu haben. Denn er hat sich vorwiegend in einem gesellschaftlichen Milieu bewegt, das von grundsätzlicher Kritik an den Verhältnissen weit entfernt ist. Und dennoch: Scherzer hat auch Menschen wie Joaquin getroffen, die enttäuscht auf die vergangenen knapp sechs Jahrzehnte zurückblicken. Mit seinem Vater habe er die Ideale der Revolution unter der Grabplatte beerdigt. Der hatte sich einst den Rebellen um Fidel und Che angeschlossen. Er zog mit ihnen als Sieger in Havanna ein. Doch was haben sie nur aus der Revolution gemacht, fragt Joaquin verbittert.

Das Buch lässt den Leser ratlos zurück. Welchen Weg wird Kuba einschlagen? „Wir werden den Sozialismus niemals und niemandem preisgeben“, sagte Raul Castro bei der Trauerkundgebung für seinen Bruder in Havanna. Es klingt wie ein trotziger Appell an jene, die noch an dieser Idee festhalten.

Landolf Scherzer, Buenos Dias, Kuba: Reise durch ein Land im Umbruch. Aufbau Verlag, 367 Seiten, 22 Euro