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Montag, 22.10.2018

Auf den melodischen Spuren Vivaldis

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Das Concerto war eine italienische Schöpfung, mit der der junge Johann Sebastian Bach um 1715 in Weimar in Berührung kam. Der musikbegabte Prinz Johann Ernst, Neffe von Bachs Dienstherr, hatte unter anderem Werke von Antonio Vivaldi erworben. Bach kopierte Concerti des Venezianers, arrangierte sie neu, schrieb selbst im „stile concertando“, bei dem Solisten sich mit der Tutti-Gruppe spielerisch streiten und versöhnen. Zwei reine Violinkonzerte Bachs sind überliefert, die er vermutlich in Köthen komponiert hat, wo er ab 1717 für sechs Jahre Kapellmeister war. Das a-Moll-Konzert ist in einer Leipziger Kopie erhalten, das E-Dur-Konzert fand sich im Nachlass von Sohn Carl Philipp Emanuel. Diese beiden Perlen Bach’scher Prägung waren die Glanzstücke am Sonnabend in der Dresdner Frauenkirche, wo mit dem 1985 gegründeten Concerto Köln und dem Geiger Giuliano Carmignola erfahrene Spezialisten der historischen Aufführungspraxis gastierten.

In der gut gefüllten Kirche erklang zum Auftakt ein Concerto grosso von Pietro Locatelli, der 17 Jahre jünger als Vivaldi war und aus Bergamo stammte. Anders als die meisten hier gastierenden Originalklang-Ensembles hatte sich Concerto Köln mit Konzertmeisterin Mayumi Hirasaki dafür entschieden, am Fuße des Altars zu musizieren und nicht direkt vorm Publikum, unter der Kuppel. Die Position dort hat sich bewährt, weil sich der Klang besser entfalten kann. So aber hörte sich der Vortrag bisweilen eigentümlich gedämpft an. Die aus Sicht der Parkettreihen verdeckt spielende Basso-continuo-Gruppe aus Cembalo, Kontrabass, Celli und Laute wirkte recht leise, wodurch es partiell an rhythmischer Prägnanz mangelte. Jedenfalls sprang der Funke nur zögerlich über. Besser wurde das auch nicht beim G-Dur-Konzert des Briten Charles Avison, der einst als Kritiker Händels für Wirbel gesorgt hatte. Ein hübsches, kurzweiliges Werk, nicht mehr.

Dann aber kam der Auftritt von Carmignola, der schon oft in Dresden war und die Frauenkirche gut kennt. Faszinierend, wie er in Bachs d-Moll-Konzert für zwei Violinen seine Guarneri singen ließ, die deutlich wärmer und voller klang und präsenter war als das Instrument von Hirasaki mit seinem silbrigen Timbre.

Nach der Pause folgte zunächst eine interessante Sinfonia des Venezianers Benedetto Marcello, die in reizend torkelnden Glissandi ausklang. Das Ensemble war nun präsenter, und in den beiden erwähnten Solokonzerten Bachs, mit einem bestens aufgelegten Carmignola, fand der Abend noch zu bewegendem Format. Der aus dem Veneto stammende Geiger setzte Vibrato sparsam und ausschließlich auf lange Noten, hielt mit melodischem Fluss Kontrast zum hier nun stärker groovenden Kammerorchester. Als Zugabe erklang nochmals der Finalsatz des Doppelkonzertes. Rauschender, wenn auch nicht euphorischer Beifall, was wohl letztlich doch dem der strittigen Aufstellung geschuldeten verhangenen Grundklang anzulasten war.

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