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Freitag, 18.05.2018

Auch der Nobelpreis für Literatur ist keine Garantie

Hans Magnus Enzensberger verfasst ein handliches Lexikon der besonderen Art: Er lässt sich von Vorliebe und Ekel leiten.

Von Michael Wüstefeld

Hans Magnus Enzensberger stellt Autoren vor, die Staatsterror und Säuberungen überlebten.
Hans Magnus Enzensberger stellt Autoren vor, die Staatsterror und Säuberungen überlebten.

© dpa

Hans Magnus Enzensberger war gerade dreißig Jahre alt, als 1960 das von ihm eingerichtete „Museum der modernen Poesie“ erschien, eine Lyrik-Anthologie, die binnen Kurzem zum Klassiker wurde. Dabei gerieten die beigefügten Angaben zu den Dichtern zur schönsten Nebensache dieses „Museums“, lasen sie sich doch wie kostbare biografische Miniaturen.

Jetzt, da der unermüdlich produzierende Autor auf dem Sprung ins methusalemische Alter ist, kommt er auf das biografische Prinzip zurück. In „99 literarischen Vignetten aus dem 20. Jahrhundert“, so der Untertitel, skizziert er Leben und Werk „von Schriftstellern, die Staatsterror und Säuberungen überlebt haben“. Die Grundlagen seiner Herangehensweise sind ebenso einfach wie einleuchtend. Ordnungsprinzip ist die Chronologie der Geburtsjahre. Es wird „kein Romanführer geliefert“. Das Vorhaben bedarf der Ich-Form und der Subjektivität. „Vorliebe und Ekel, Bewunderung und Abneigung“ fließen in die Darstellung ein. „Die Literatur ist keine Olympiade, und einen Medaillenspiegel gibt es nicht ... Der Nobelpreis für Literatur wird zwar erwähnt, ist aber keine Garantie.“

Florettstiche statt Holzhammer

Autorenfotos in Form von Vignetten leiten die Porträts ein. Entstanden sind wunderbare Texte über berühmte, unbekannte und vergessene Autoren. Es beginnt mit dem Norweger Knut Hamsun. Schon hier legt Enzensberger ein „kleines, banales Geständnis“ ab. Durch Ersteigerung hat er sich in den Besitz einer Postkarte aus dem Jahr 1929 gebracht, auf der Hamsun dem deutschen Erzähler Bernhard Kellermann für dessen Bewunderung dankt. Nicht unerwähnt bleibt, dass Hamsun am letzten Tag des Zweiten Weltkriegs in der größten norwegischen Zeitung einen Nachruf auf Hitler platzierte.

Aber auch für Hamsun gilt, was Enzensberger für alle Nachfolgenden zur Regel erhebt: „Moralische Urteile stehen einem Nachgeborenen, der die Situationen und Prüfungen nicht bestehen mußte … nicht zu.“ Also ist Zurückhaltung angesagt, wird versucht, „fair zu sein“, ohne in Neutralität zu erstarren. Wohltuend überwiegen kleine Florettstiche. Der Holzhammer des Großinquisitors kommt nicht zum Einsatz. Von Gerhart Hauptmann heißt es, dass „seine Vorlieben wunderlich“ waren und ihn „das Goethe-Syndrom ereilte“. Vom Italiener Gabriele D’Annunzio ist zu erfahren, dass er „ursprünglich Francesco Rapagnetta (‚kleine Rübe‘) geheißen hatte“ und seine Kunst in „seinen Posen, seinem Kitsch und seinen Allüren“ bestand.

Kennen heutige Leser noch Alexander von Gleichen-Rußwurm, P. G. Wodehouse, Lu Xun, Gustav Regler oder Hans Baumann? Letzterer war als Dichter prominent vertreten im „Liederbuch der Bundeswehr“, von Franz Josef Strauß „Quell der Freude“ genannt, und jeder Wehrmachtslandser dürfte nach dem Baumann-Hit „Es zittern die morschen Knochen“ gen Untergang marschiert sein.

Neben Russen, Amerikanern, West- und Ost-Europäern gibt es von frühen DDR-Exemplaren vergleichsweise wenig zu berichten. „Er wäre ja so gern ein Dichter geworden, doch das hat nie richtig geklappt“: Johannes R. Becher. „Er war jemand, der zu bewundern und zu vermeiden war“: Bertolt Brecht. „Im Kommunismus fand sie, was sie suchte: eine atheistische Religion“: Anna Seghers. „Ich bin ihm nicht nur in Moskau und Budapest begegnet … Er war versiert, sprach fließend Französisch, trug gute Anzüge und besaß einen roten Sportwagen“: Stephan Hermlin. „Einmal traf ich ihn in New York an einer Tafel, wo ich einen Toast auf ihn ausbrachte, indem ich ihn seinen Bewunderern als den ‚führenden Sado-Marxisten‘ ans Herz legte“: Heiner Müller.

Germanistisch überfrachtete Besserwisserei, die jegliche Leselust zumeist gründlich verdirbt, kommt hier nicht vor. Diese von einem Vielleser geschriebenen „Vignetten“ entfachen eine unbändige Neugier auf die Welt der Bücher. Es darf behauptet werden, selten wurde so kenntnisreich und einfühlend über Schriftsteller geschrieben wie in diesem Fall.

Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstler. Suhrkamp Verlag, 350 Seiten, 24 Euro

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