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Freitag, 09.11.2018

Atemberaubende Zeitsprünge

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Elicia Silverstein macht klassisches Geigenspiel auf YouTube populär. Foto: PR
Elicia Silverstein macht klassisches Geigenspiel auf YouTube populär. Foto: PR

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Diese zauberhafte Neuerscheinung mit Violinmusik von Biber, Bach und Berio ist bemerkenswert in mehrfacher Hinsicht. Sie überspannt musikalisch Jahrhunderte und schlägt den Bogen vom Internet zur traditionellen Verbreitung auf CD. Die Aufnahme hat eine interessante Vorgeschichte. Die junge Geigerin Elicia Silverstein, geboren und aufgewachsen in New York, stellte 2014 ein Video auf YouTube, das seither weit über 300 000-mal aufgerufen wurde. Die damals 24-Jährige spielte in einer leeren Kirche in Cambridge in Massachusetts die Passacaglia von Biber. Sie verlieh dem Werk von 1676 eine solch klare, erhabene Schönheit, dass man nicht mehr aufhören möchte, diesem eigenwillig entrückten, fast überirdisch anmutenden Spiel zu lauschen.

Anne-Sophie Mutter abgehängt

Die enorme Resonanz auf dieses Video ist insofern bemerkenswert, als der aus Böhmen stammende Barocker Heinrich Ignaz Franz Biber bei Weitem nicht so bekannt ist wie etwa Bach. Vergleichbare Mitschnitte von Weltstars wie Anne-Sophie Mutter oder Hilary Hahn, etwa die Gigues aus den Partiten Bachs, stehen auf YouTube bei knapp 80 000 Aufrufen, was natürlich auch etwas mit dem klassischen Publikum zu tun hat, für das dieses Medium immer noch recht neu ist. Doch die wachsende Schar jüngerer Klassik- und Barockfans hört und schaut dort sehr wohl hin.

Gewiss ist Elicia Silverstein alles andere als ein „Internet-Sternchen“. Sie spielt von klein auf Geige, studierte an der renommierten New Yorker Guillard School und dann in Los Angeles. Inzwischen ist die Amerikanerin nach Europa umgezogen und lebt, nach Stationen in London und in Amsterdam, wo sie den Master-Abschluss mit „highest honours“ machte, in Faenza bei Ravenna. Ihr Repertoire reicht vom 17. bis ins 21. Jahrhundert. Sie gastierte auf Festivals überwiegend barocker Musik, das Spektrum reicht vom „Early Music Festival“ im englischen Brighton übers „Poetica Festival“ in Krakow bis ins norwegische „Larvik Barokk Festival“. Sie hat mit Größen wie Richard Egarr, Paul Coletti und Robert Levin zusammengespielt und verdankt dem inzwischen verstorbenen Cembalisten und Musikologen Christopher Hogwood, einem Pionier „historischer Aufführungspraxis“, viel Zuspruch und Inspiration.

Ihre Entwicklung blieb nicht unbemerkt. Jüngst kürte das BBC Music Magazine sie für ihre frappierende Spielkunst an sich, aber auch für ihre Vielseitigkeit zum „Rising Star 2018“. Nachdem sie bereits an einigen Ensemble-Projekten mitgewirkt hatte, erschien nun ihre erste eigene Solo-CD, und wer „The Dreams and Fables I Fashion“ hört, wird die Ehrung als „Aufgehender Stern“ vorbehaltlos nachvollziehen können. Die „Träume und Neigungen“, denen sie hier frönt, wurden beizeiten geformt. Die Platten- und CD-Sammlung ihrer Eltern, die Elicia schon als Kleinkind Geige üben ließen, reichte, wie sie sich erinnert, von Monteverdi-Madrigalen über Rameau-Opern bis zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Mit der barocken Musik von Biber, Pandolfi oder Bach, die sie nun eingespielt hat, war sie in einem Alter vertraut, in dem andere Kinder Lesen lernen.

Zu hören ist zunächst eine von Bibers Rosenkranz-Sonaten, gefolgt von der erwähnten majestätischen Passacaglia. Die klingt hier partiell anders als in dem besagten Video, nicht ganz so entrückt und elegisch, dafür etwas dynamischer, nachdrücklicher, fokussierter. Auch hier geht ihr Spiel – auf der klangschönen Vuillaume von 1856, Nachbau einer Guarneri del Gesù vermutlich von etwa 1740 – tief unter die Haut. Dann geschieht etwas Verblüffendes: Die Passacaglia aus einer Zeit, da selbst Bach noch nicht geboren war, geht ohne Bruch in das 300 Jahre jüngere Capriccio No. 2 von Salvatore Sciarrino über. Dieser Komponist zählt ebenso zur italienischen Avantgarde wie Luciano Berio, dessen aufregende Sequenza VIII die Geigerin später Pandolfi Meallis Sonate No. 2 von 1660 folgen lässt.

Auch dieser Übergang ist homogen und schlüssig. Die Krönung der Aufnahme ist die grandiose Ciaconna aus Bachs d-Moll-Partita, spieltechnisch delikat, mit erlesenem Gespür für den Atem, den Puls, die Strenge und die Anmut dieses Meisterwerks.

Ein Bogen gar aus der Biber-Zeit

Elicia Silverstein spielt alle Stücke auf Darmsaiten und in der heute in allen Sinfonieorchestern geläufigen, aber historisch auch schon in Venedig üblichen hohen Stimmung mit dem Kammerton bei 440 Hertz, was bei Bach als Kompromiss gelten mag, der gemeinhin einen Halbton tiefer bei 415 Hertz seine profunde Wirkung entfaltet. Sie verwendet drei verschiedene Bögen, darunter ein Modell tatsächlich aus der Zeit von Biber. Das sind freilich technische Details – entscheidend ist ihr Gespür für das Wesentliche. Sie bringt in den jahrhundertealten Werken deren zeitlose Größe zum Schwingen und zeigt bei den modernen Stücken, dass sie nicht losgelöst existieren, sondern tief in der Musikgeschichte wurzeln.

Aufgenommen hat sie das gesamte Programm für das britische Label Rubicon Classics in einer Kirche in den Niederlanden. Ein Debüt, das dank der Vielschichtigkeit des Repertoires und der Ausdrucksstärke der Solistin nicht nur Freunde barocker Musik entzücken wird. Die Musik ist traditionell auf CD erhältlich, kann aber auch über Spotify oder i-Tunes konsumiert werden, aus Quellen, die der „Generation YouTube“ so geläufig sind wie unseren Vorfahren das Grammophon.

Elicia Silverstein: The Dreams & Fables I Fashion – Vio–

linmusik von Biber, Bach, Pandolfi, Sciarrino und Berio

(Rubicon Classics/harmonia mundi)

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