erweiterte Suche
Dienstag, 01.08.2017

Angstfrei ins Abenteuer

Der Schauspieler Hannes Jaenicke spricht über sein Umweltengagement, die Tücken der Schauspielerei und den Mangel an Vorbildern.

1

„Man hat die Pflicht, sein Glück weiter zu streuen“, findet der Schauspieler Hannes Jaenicke.
„Man hat die Pflicht, sein Glück weiter zu streuen“, findet der Schauspieler Hannes Jaenicke.

© Jens Kalaene

Schauspieler, Umweltaktivist, Bestsellerautor: Hannes Jaenicke ist in mehreren Disziplinen sehr erfolgreich. Populär wurde der in Frankfurt am Main geborene Deutsch-Amerikaner durch seine mehr als 100 Rollen in TV-Serien, Fernseh- und Kinofilmen. Seit 2008 schreibt er Sachbücher über Umweltschutz und Gesellschaftspolitik („Wut allein reicht nicht“, „Die große Volksverarsche“). Vor Kurzem erschien sein Bestseller „Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche“. Für das ZDF dreht Jaenicke Dokumentationen über aussterbende Tierarten und setzt sich für den Artenschutz ein. Für sein Engagement wurde er mehrfach ausgezeichnet. Jaenicke lebt abwechselnd in Kalifornien und Deutschland.

Herr Jaenicke, Sie äußern sich zu politischen Themen, engagieren sich für Umweltschutz und gegen Rassismus. Woher kommt diese Lust auf Kritik und Diskussion?

In den 1970er-Jahren ging ich auf das Albertus-Magnus-Gymnasium in Regensburg, eine extrem konservative Schule. Dort hatte ich wenig Spaß, denn von uns Schülern wurde in einem übertriebenem Maße Disziplin und Gehorsam eingefordert. Man durfte keinen Mucks machen, es war wirklich schrecklich. Da bei uns zu Hause aber schon immer sehr offen und tolerant diskutiert wurde, haben mich diese Normierung und der Zwang zum Konformismus gestört. Die Eltern haben uns vermittelt, dass man zu seinen Überzeugungen stehen und Missstände kritisieren sollte. Also hielten wir drei Geschwister mit unserer Meinung nicht hinterm Berg – mit der Folge, dass ich mehrmals die Schule gewechselt habe.

Warum sind Sie mit dieser Offenheit unter prominenten Schauspielern die Ausnahme?

Manche Kollegen sind politisch nicht interessiert, oder sie haben Angst, sich politisch zu äußern. Vielleicht fürchten sie, weniger Aufträge zu bekommen, denn bei einigen TV-Sendern spielt es ja durchaus eine Rolle, welches Parteibuch man hat. Da vermutet so mancher, es sei besser, sich bedeckt zu halten. Ich fand es allerdings schon immer befremdlich, aus Angst die Klappe zu halten. Schließlich fördert Anecken ein dickes Fell.

Hat Ihr Engagement denn keine negativen Folgen für Ihre Auftragslage?

Ich kann über mangelnde Beschäftigung nicht klagen. Meine Branche reagiert offenbar nicht darauf. Beim Publikum sieht es anders aus: von begeistertem Zuspruch bis zu beleidigenden Shitstürmern ist alles dabei, Yin und Yang, wie überall im Leben.

In Ihrem neuen Buch monieren Sie, dass es in Deutschland zu wenig Querdenker gibt. Wie kommen Sie darauf?

Wir Deutschen haben im Vergleich etwa zu angelsächsischen Ländern einen Hang zum Herdentrieb und zur Ängstlichkeit, oft auch zu Neid und Missgunst. Das ist ein Klima, in dem es Nonkonformisten natürlich schwer haben und eine gewisse Mittelmäßigkeit prima gedeihen kann. Wir sind viel zu sehr damit beschäftigt, was andere denken oder sagen könnten. Den wenigsten Deutschen fallen Landsleute ein, wenn sie nach Vorbildern und Helden gefragt werden – eine weitere Folge des missverstandenen Herdentriebs. Es ist doch frustrierend: Sobald jemand sich traut, aus der Masse auszuscheren und eine neue, gute Idee zu artikulieren, wird er erst mal zurückgepfiffen. Bitte nicht stören, die Herde will in Ruhe weitergrasen!

Aber es scheint dabei Ausnahmen zu geben.

Absolut! Wir haben jede Menge Vorbilder, sowohl völlig unbekannte wie prominente. In meinem Buch erzähle ich von ihnen: Taxifahrer, Flüchtlingshelfer, Umweltschützer, Erfinder. Das Problem ist allerdings: Über sie wird entweder gar nicht oder zu wenig berichtet oder man mäkelt an ihnen herum, wenn sie prominent sind. Auf der anderen Seite werden vermeintliche Top-Manager wie Wendelin Wedekind, Ferdinand Piech, Martin Winterkorn, Josef Ackermann oder „Lichtgestalten“ wie Guttenberg oder Beckenbauer jahrelang von den Medien gefeiert – bis sich herausstellt, dass sie eher unangenehme Menschen mit durchaus krimineller Energie sind.

„Eigentum verpflichtet“ heißt es im Grundgesetz. Basiert Ihr Engagement auf diesem moralischen Anspruch?

Vermutlich. Wenn man wie ich Glück hat, einen Beruf auszuüben, der unglaublichen Spaß macht und mit dem ich auch noch Geld verdienen kann, dann hat man die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sein Glück weiter zu streuen. Auf welche Weise, ist unwichtig, ob mit Spenden, Petitionen, aktivem Einsatz, egal. Hauptsache, man tut was.

In Ihrer zweiten Heimat USA scheint die Bereitschaft von Reichen und Prominenten zu Spenden größer zu sein als in Deutschland. Wie erklären Sie sich das?

In Amerika gehört es einfach zum guten Ton, etwas Gutes zu tun und darüber zu sprechen, auch unter Schauspielern. Denken Sie an George Clooney, Brad Pitt, Leonardo DiCaprio, Jeff Bridges, Robert Redford oder Paul Newman. Sicherlich hat es auch damit zu tun, dass der Staat grundsätzlich weniger in Soziales investiert als in Deutschland. Aber eben nicht nur – das Geben hat Tradition.

Fühlen Sie sich mehr als Amerikaner oder als Deutscher?

Das ist schwer zu beantworten. Ich liebe die deutsche Gründlichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, aber ich mag auch das positive amerikanische Denken, den dortigen Optimismus und den Glauben, dass man etwas verändern kann. Die Mischung beider Kulturen ist perfekt.

In Ihren ZDF-Dokumentationen waren Sie unter schwierigsten Drehbedingungen für Eisbären, Haie und Gorillas im Einsatz. Mögen Sie Abenteuer?

Sonst würde ich diese Filme nicht drehen! Mich gelegentlich jenseits des zivilisierten Lebens und der Komfort-Zone zu bewegen, macht mir nicht nur Spaß, ich finde es wichtig. Was wir bei den Dreharbeiten zu sehen kriegen, ist oft am Rande des Aushaltbaren. Ist aber nötig, wenn man zeigen will, wie wir mit der Natur umgehen. Ohne diese Aufnahmen vom Abschlachten der Elefanten, Nashörner und Haie, dem Aussterben der Gorillas, Löwen und Eisbären könnten wir nicht auf das katastrophale Artensterben aufmerksam machen.

Hat der Kampf gegen das Aussterben vieler Tierarten Erfolg?

Vereinzelt gibt es positive Entwicklungen, etwa beim Storch oder einigen wenigen Wal-Arten. Ansonsten bin ich wenig optimistisch. Das Artensterben ist nicht zu stoppen, es scheint weder die Politik noch die Wirtschaft oder die Verbraucher zu interessieren. Auch in Deutschland geht der Trend noch immer in eine fatale Richtung: Jeden Tag rasieren wir Grünflächen in der Größe von etwa fünf Fußballfeldern ab, um sie zu asphaltieren oder neue Firmen darauf zu bauen. Das ist absurd. Allein Bayern opfert jährlich die Fläche des Ammersees. Wir drehen ab Herbst eine neue ZDF-Doku über das Aussterben der deutschen Sing- und Zugvögel. Kaum jemand weiß, dass selbst der Spatz, das Rotkehlchen oder Rebhuhn akut vom Aussterben bedroht sind. Wir vernichten ihre Lebensräume und Nahrungsquellen, und es wird nichts dagegen unternommen. Im Gegenteil.

Macht Ihnen diese Entwicklung Angst?

Die Umweltzerstörung macht mir Angst. Aber dagegen kann man ja Filme drehen, Bücher schreiben, sich engagieren. Ich bin sonst ein relativ angstfreier Mensch. Während meines Studiums in Wien habe ich in einer U-Bahn-Station ein Punk-Graffito gesehen: „Angst ist das Tor zur Freiheit.“ Ich hab eine Weile gebraucht, um es zu verstehen. Heute kann ich diese Aussage aus voller Überzeugung unterschreiben, sie ist ein wesentlicher Bestandteil meines aktuellen Buches. Man hat mir oft prophezeit, dass meine Karriere vorbei sei, wenn ich in die USA zurückgehen oder monatelang Dokus am Ende der Welt drehen würde. Aber Ängstlichkeit ist ein schlechter Berater. Ich habe meist genau das Gegenteil dessen getan, was „man“ mir geraten hat. Damit bin ich immer gut gefahren.

Interview: Günter Keil

Hannes Jaenicke: Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche. Gütersloher Verlagshaus, 192 Seiten, 19,99 Euro

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

Alle Kommentare anzeigen

  1. RU

    Hannes Jaenicke macht die grassierende Umweltzerstörung Angst. Es gibt aber heute noch viele weitere Bereiche der gesellschaftlichen Entwicklung, die einem Angst machen können. Muss immer erst das Kind im Brunnen liegen, bevor nachgedacht wird, wie es heute leider übliche Politik ist?

Alle Kommentare anzeigen

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.