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Freitag, 09.03.2018

Am Grab des Konservativen

Viele haben immer noch nicht verstanden, was Konservatismus und Nationalismus unterscheidet, sagt Michael Bittner.

Von Michael Bittner

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SZ- Kolumnist Michael Bittner.
SZ- Kolumnist Michael Bittner.

© Ronald Bonß

Wer in Dresden den Alten Katholischen Friedhof besucht, der kann dort das Grab von Friedrich Schlegel entdecken. Dass dem Philosophen das Glück widerfuhr, in Sachsen seine letzte Ruhestätte zu finden, verdankt sich einem traurigen Zufall. Während er in Dresden im Jahr 1829 eine Vorlesung hielt, ereignete sich ein Unglück. Friedrichs alter Freund, der Dichter Ludwig Tieck, musste Schlegels Bruder August Wilhelm in einem Brief davon berichten: „In der Nacht nehmlich von Sonntag zu Montag, Montag nach 2 Uhr, den 12ten Januar ist Friedrich plötzlich, nach einem kurzen, aber harten Kampfe, der ihn ohngefähr eine Stunde geängstiget hat, am Schlage gestorben.“

Friedrich Schlegel war einer der renommiertesten, aber auch umstrittensten Intellektuellen seiner Zeit. In seiner Jugend begeisterte er sich für die Französische Revolution und schockte die deutschen Spießbürger mit einem erotischen Roman. Angesichts von Krieg und Chaos in Europa unter der Herrschaft Napoleons bekehrte er sich aber zum konservativen Denken und auch gleich noch zur katholischen Kirche. Von vielen Weggefährten wurde ihm dies als Verrat verübelt.

Dabei trieb ihn zu diesem Schritt die Sehnsucht nach Harmonie, die ihn schon immer bestimmt hatte. Dass er sich den dauernden Frieden nur in einer Gesellschaft nach dem Vorbild des Mittelalters vorstellen konnte, machte ihn zum Konservativen. Zum modernen Denker machte ihn sein klarer Blick für die zerstörerischen Wirkungen des Nationalismus. Schlegel träumte von einer Einigung Europas durch die Wiederherstellung des römischen Reiches, ja er wollte den von den Patrioten seiner Zeit gepredigten „Volkshass“ sogar schon durch eine „liebevolle Verschmelzung der Nationen“ überwinden.

Es ist kein Zufall, dass Schlegel hundert Jahre nach seinem Tod von einem gewissen Carl Schmitt als haltloser Ästhet und Fantast denunziert wurde, von jenem Staatsrechtler also, der den rassistischen Nationalismus zum Wesen deutscher Politik erklärte, im Jahr 1934 Hitlers Meuchelmorden die juristische Absolution erteilte und von den neuen Rechten unserer Tage als Säulenheiliger angebetet wird. Manchem Politiker könnte eine Pilgerfahrt zu Friedrich Schlegels Grab vielleicht in Erinnerung rufen, dass Konservatismus und Nationalismus nicht dasselbe sind.

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Joachim Herrmann

    "Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert- es kommt aber darauf an, sie zu verändern!"- welch grandioser Satz. Aber gerade der zweite Halbsatz ist die Krux jeder Geschichte. Viele haben ihn dem Zeitgeist unterworfen. Haben ihn den Systemen angedient, von denen sie abhingen- oder, denen sie gewogen waren. Ist man dem System materiell, ideell oder auch nur protagonistisch unterworfen, führt es zumeist zu einer Verwurzelung, die nächste Generationen umfänglich in Frage stellen. Damit bleibt die Frage nach der Wahrhaftigkeit einer Aussage oder Tuns. Es ist unerheblich, ob man sich von der Bibel oder einem anderen "Manifest" leiten lässt, von Chaostheoremen, von Konservatismus oder Nationalismus.Die Wahrheiten, die es zu leben, zu entwicklen und zu verbreiten gilt, sind letztlich immer dann erfolgreich und gebietend, wenn sie Alles auf unserem Erdenrund in den Fokus der Betrachtung stellt.Mensch,Flora,Fauna und Gesellschaft als ein nicht aufzulösendes Gemeinsames!

  2. Berg

    "Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert- es kommt aber darauf an, sie zu verändern!" Es war aber leider auch dem Urheber dieses klugen Satzes, Karl Marx selber, nicht gelungen, die Welt zu verändern. Wir können ihm die zutreffende Kritik des Kapitalismus entnehmen, nicht aber eine Anleitung für den Sozialismus, erst recht keine Erfahrungen. So gestaltete Lenin die UdSSR nach seinem eigenen Gutdünken. Und wir hier im Landes von Karl Marx mussten bis 1945 über zwei Weltkriege hinweg abwarten, bis wir daran gehen konnten, den Ausweg aus dem Kapitalismus, also einen Sozialismus, auszuprobieren. 40 Jahre am Eisernen Vorhang wurde probiert, ja, auch „Mensch, Flora, Fauna und Gesellschaft“ in einer Einheit, mit vielen schönen und unschönen Erfahrungen. Dann wurde dieser Versuch abgebrochen und der Kapitalismus erhielt die Oberhand – verschämt bemäntelt mit dem Begriff „soziale Marktwirtschaft“. Das schmälert die Marxsche Kritik erheblich.

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