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Mittwoch, 13.06.2018

Als Nächstes freue ich mich auf „Stille Nacht“

Der Dresdner Trompeter Ludwig Güttler feiert den 75. mit einer Europa-CD. Bereits jetzt plant er Weihnachtliches.

Von Bernd Klempnow

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Visionär und auch Schlitzohr: Ludwig Güttler
Visionär und auch Schlitzohr: Ludwig Güttler

© dpa

Ludwig Güttler meint es ernst. „Ich halte nichts von der einfallslosen Floskel Startrompeter. Ich bin Musiker, kein Star. Bei Staren denke ich an Vögel, an sonst nichts“, sagt der Mann, der sich seit Jahrzehnten in der Musikwelt sehr erfolgreich behauptet. Musikfans schwärmen vom besonderen Klang seines zudem virtuosen Spiels auf der Trompete und dem italienischen Jagdhorn Corno da caccia. Bis heute mache es ihn glücklich „Teil einer Aufführung zu sein“. Dafür übt der Frühaufsteher gern auch mehrmals am Tag. Auch an diesem Mittwoch wird er zum Instrument greifen – obwohl es sein 75. Geburtstag ist und er mit der Familie feiert.

Die Zahl sei schon eine Zäsur. „Man schaut ein bisschen zurück und bekommt das zunehmende Gefühl der Dankbarkeit, was alles gelungen ist. Selbstverständlich ist das nicht“, sagt der Jubilar. „Und es gilt jene zu würdigen, die dazu beigetragen haben: Verbündete, die Ensembles, die Komponisten, an deren Werken ich wachsen konnte, und meine fantastischen Lehrer.“

Güttler-typisch verbindet er vieles von dem. So ist er mit seinem Blechbläserensemble – einem von drei von ihm gegründeten und geleiteten Ensembles – am 23. Juni in Lohmen zu erleben. Das Konzert im Rahmen des von ihm künstlerisch geprägten Festivals „Sandstein und Musik“ bietet Renaissancetänze, barocke Suiten und Canzonen – also jene Musik, die er liebt und fördert. Und das dieses Festkonzert in der schönen evangelischen Dorfkirche stattfindet, freue ihn am meisten. „Alle in der Bastei-Region haben uns, als wir mit der Idee eines Festivals kamen, ausgelacht. Das werde sowieso nichts!“ Jetzt existiert das vitale Festival bereits seit 26 Jahren.

Bei Widerstand wird er zum Ochsen

Spürt er Widerstand, dann wächst sein Wille erst recht, sagt er. „Dann erwacht in mir der Ochse.“ Wie kaum ein anderer hat der Trompeter den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche vorangetrieben, gründete zunächst die Bürgerinitiative mit. „Wir waren der erste Schritt, ein Häuflein klein. Bedenken, ob der Wiederaufbau gelingen kann, hatten wir auch, es war uns aber egal, ob es 50 oder 500 Jahre dauert.“

Dass das Projekt schneller vorankam als gedacht und zu einer beispiellosen Spendenkampagne führte, hat sicher auch mit dem Vermarktungsgeschick Güttlers zu tun. Er kann mit seinem Humor und mit seiner – durchaus auch nervenden – Hartnäckigkeit Politiker wie Wirtschaftsbosse einfangen. Er ist Schlitzohr und Visionär in einem. So knackte er auch Helmut Kohl.

Dabei half ihm, dass er einer der wenigen gesamtdeutschen Künstler ist. Seine Schallplatten und Konzerte waren auch im Westen gefragt. In den 1980er-Jahren zählte er zu den DDR-Vorzeigekünstlern – er durfte reisen. 1987 gründete er die Musikwoche im niedersächsischen Hitzacker mit und war 29 Jahre lang ihr Leiter. Er sammelte in Ost wie West Geld für Orgeln und Kirchen – und tut es bis heute.

Parallel zum Wiederaufbau der Frauenkirche sorgte er mit dafür, das Gotteshaus als geistiges Zentrum zu etablieren. Regelmäßig initiiert er Uraufführungen für den George-Bähr-Bau. Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt sagt: „Es braucht solche Personen, um schier Unmögliches möglich zu machen.“ Güttler habe „über bauliche und auch gesellschaftliche Ruinen hinaus gesehen“. Er habe Mut gemacht und Hoffnung, indem er auf Versöhnung setzte. Und diese lebe er auch.

Als Kind lernte Güttler auch Flöte, Klavier, Orgel und Cello. Dass er sich der Trompete verschrieb, lag am Rat eines Lehrers. Der sagte dem 14-Jährigen: „So wie du die Trompete bläst, mach das.“ Dass er aber mit 75 immer noch an die 70 bis 80 Konzerte pro Jahr gibt, „erfüllt mich mit Demut“.

Was oft übersehen wird: Güttler ist ein leidenschaftlicher Musikforscher. Durch seine intensiven Recherchen in Archiven auf dem ganzen Kontinent führte er viele vergessene Werke zurück in die Konzertsäle und in das Bewusstsein der Zuhörer. Vor allem hat er sich der Wiederbelebung der sächsischen Hofmusik des 18. Jahrhunderts verschrieben. Dutzende seiner über 120 Tonträger zeugen davon. Er hat noch einiges an musikalischen Schätzen vor sich und gräbt auch weiter. Doch, so sagt er, „wenn ich das alles spielen wollte, müsste ich 140 Jahre alt werden“.

Er sucht Schätze, die tief berühren

Zum Geburtstag legte sein Stammhaus Berlin Classics gerade die „Edition Europa. Ein Kontinent geeint durch die Musik“ vor. Vier CDs – „eigentlich hätten es mindestens zehn sein müssen“ – sollen zeigen, wie der ungemein fruchtbare Austausch der Komponisten nach dem 30-jährigen Krieg das politische Zusammenwachsen Europas vorweggenommen habe. „Grenzen gab es in der Musik nicht, sie sind territorial künstlich gezogen worden.“ Die ausgewählten, von ihm eingespielten Werke von Komponisten wie Bach, Haydn und Dvorák stünden stellvertretend für Tausende Werke und Musikschaffende. „Diese Meisterwerke wurden weitergegeben, gierig aufgegriffen, weiterentwickelt. Der Austausch war so selbstverständlich, dass man heute, und gerade in Zeiten nationaler Töne, Mühe hat, dieses Phänomen zu erklären.“

Auch das nächste Projekt ist typisch für ihn. Ihn beschäftigt das Weihnachtslied „Stille Nacht“, das vor 200 Jahren erstmals erklang. Güttler untersucht, was andere Komponisten beim Hören des Liedes von Franz Xaver Gruber „wohl im Ohr gehabt haben“ – von Vivaldis Hornsolo bis zum Abschlusschoral in Bachs „Weihnachtsoratorium“. „Mich interessieren die direkten und die Querverbindungen.“ „Stille Nacht“ sei die Wurzel. „Daraus erwuchs eine unglaubliche Fülle an Schätzen, die uns bis heute tief berühren.“

CD-Tipp: Ludwig Güttler: „Edition Europa – Ein Kontinent geeint durch die Musik“ mit Werken von Bach, Dvorak, Händel, Mozart, Neruda, Pisendel, Telemann, Vivaldi und Zelenka (4er-CD-Box/Berlin Classics)

Konzert-Tipp: Ludwig Güttler spielt mit seinem Blechbläserensemble am 23. Juni, ab 17 Uhr in Lohmen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Uta

    DANKE!

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