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Sonntag, 11.03.2018 Leipziger Buchmesse

Als Kind auf dem Amboss

Bernd Wagner erzählt in kräftigen Farben und vielen Details von seiner Familie. Damit liefert er zugleich ein Zeitbild aus Sachsen. Ein Gespräch mit dem Autor.

Von Karin Großmann

Rund zehn Jahre lang hat Bernd Wagner an seinem Roman gearbeitet.
Rund zehn Jahre lang hat Bernd Wagner an seinem Roman gearbeitet.

© Nikolai Makarow

Die kompottpflichtigen Sonntage gehören genauso zur Kindheit wie der Zellwollanzug, der die Schenkel rot scheuerte. Bevor die Mutter zum Tanz ging, tupfte sie sich mit dem Zeigefinger Kölnisch Wasser hinter das Ohr. Die Gesten, Gerüche und Geräusche von gestern hält Bernd Wagner in seinem Buch fest. Er wurde 1948 in Wurzen geboren und kehrt nun dahin zurück. Sein Roman „Die Sintflut in Sachsen“ hatte diese Woche Premiere. Der Autor spannt den Bogen über fünf Jahrzehnte. Ins Zentrum des kleinstädtischen Panoramas stellt er die Schmiede-Familie Wagner mit all ihren Brüchen und Widersprüchen. Sohn Max hat fast alles mit ihm gemeinsam, auch das Lehrerstudium und die Ausreise aus der DDR in den Achtzigern. Seit dem Erzähldebüt „Das Treffen“, 1976 beim Aufbau-Verlag erschienen, hat Bernd Wagner rund zwanzig Bücher herausgebracht.

Der Familienclan im Roman behauptet, er sei mit Richard Wagner verwandt. Haben Sie das mal nachgeprüft, Herr Wagner?

Es ist wie oft in solchen Fällen: Eine Generation reicht das Gerücht an die nächste weiter, bis es zur Legende wird. Glaubwürdig erscheint mir, dass mein Großvater aus dem Dorf stammt, in dem ein Verwandter des Komponisten Kantor war.

Sie heißen mit dem zweiten Vornamen Max wie Ihr Romanheld und wie dessen Großvater?

Richtig.

Sie zeigen den Alten als eine imposante Figur. Er hat es vom Waisenjungen in Wurzen zum Schmiedemeister gebracht. Enkel Max war sein Goldjunge. War es so?

So kann man es sagen. Wenn er dabei war, musste ich die Milchsuppe nicht essen.

Als Schriftsteller geben Sie jeder Romanfigur etwas von sich selbst mit. Wie viel hat Max von Ihnen?

Da braucht man nicht drum herumzureden. Der Max bin ich. Da geht es um meine Erlebnisse. In den Nebenfiguren steckt eine Menge Erfindung. Als Schriftsteller nehme ich mir die Freiheit, die Geschichte so zurechtzulegen, dass sie erzählbar wird – und für andere gut lesbar.

Wie lässt sich denn beim Schreiben das Erfinden vom Erinnern trennen?

Das ließ sich schon bei uns zu Hause kaum trennen. Als Kind saß ich oft in der Schmiede auf dem Amboss und hörte zu, was sich die Männer in den Pausen erzählten. Auch am Küchentisch wurde viel erzählt. Bekannte Geschichten tauchten in neuen Varianten auf. Daran erinnere ich mich. Weil es aber ein Erinnern ohne Zeitzeugen ist, da fast niemand mehr von damals lebt, paart es sich mit dem Erfinden.

Warum bedarf es mehr Mut, gegen die Familie anzuschreiben als gegen den Staat, wie es im Roman heißt?

Die Furchtlosigkeit gegenüber dem Staat, die ist mir mitgegeben worden. Das heißt nicht, dass ich versucht hätte, ein Held zu sein oder ein Märtyrer. Der Staat ist etwas Anonymes, ich kann meine individuelle Wahrheit dagegensetzen. In der Familie aber kollidiert sie mit den Wahrheiten der anderen. Die Menschen, mit denen man am engsten verbunden ist, kann man am leichtesten verletzen. Der Kosmos der Familie ist von Missverständnissen, Beleidigungen, Übertreibungen mit geprägt.

Und welcher Glücksmoment fällt Ihnen beim Blick zurück ein?

Der Sonntag, an dem die Hämmer in der Schmiede schweigen und eine Amsel singt, der ist mir permanent gegenwärtig.

Sie beschreiben die Vergangenheit unerhört farbig, die Gartenfeste, die Kartoffelernte, das Seifenkistenrennen, den Topfschnitt zur Einschulung. Haben Sie die Details noch so präsent?

Ja, und deshalb ist das Wort Erinnerung eigentlich falsch – ich lebe damit, und das seit Jahren mit einer ungeheuren Intensität. Weil ich glaube, dass es hier nicht nur um Persönliches geht, sondern um eine Lebenswelt, die am Verschwinden ist, wollte ich etwas davon mitteilen.

Im Roman ist von dem Versuch die Rede, das Leben schreibend zu bewältigen. Was mussten Sie bewältigen?

Ich habe mit Menschen gelebt, deren Nähe ich intensiv spüre, obwohl sie abwesend sind. Dafür musste ich einen Ausdruck finden. Und natürlich musste ich noch einmal all die dramatischen Ereignisse der Kindheit bewältigen. Das begann mit dem Tod der kleinen Nichte, die aus dem Fenster stürzte, und setzte sich in weiteren Todesfällen fort, bis zum frühen Verlust des Vaters. Jedes Mal wurde das Leben in neue Bahnen gelenkt.

In Ihrem Buch ist es die todkranke Mutter, die den Sohn Max bittet, von der Familie zu erzählen. Das klingt, als sei Ihr Text ein Auftragswerk.

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das Betriebsgeheimnis verraten soll. Meine Mutter ist erheblich früher gestorben. Ich habe sie zwanzig Jahre länger leben lassen, um auch die Nachwendezeit und das Hochwasser von 2002 zu erfassen. Diese Lebensverlängerung kommt mir fast wie ein nachträgliches Geschenk vor. Meine Mutter war die Person, mit der ich am intensivsten verbunden war. Ich habe unter ihr gelitten, und ich habe sie geliebt.

Stimmt es, dass die Mutter ihre Autobiografie begonnen hat?

Nach fünf Seiten hat sie wieder aufgehört. Aber sie hatte ein Ohr für Geschichten und ein Talent zum Erzählen. Ich sehe die Szene noch vor mir, die sie von ihrem Großvater überlieferte. Er war sehr klein, doch in einem Anfall von Jähzorn sprang er in die Höhe und biss einem Pferd ins Ohr. Vielleicht brauchten die Vorfahren einen ungeheuren Adrenalin-Vorrat, um in den harten Zeiten durchs Leben zu kommen. Davon hab ich was mitgekriegt.

Wie zeigt sich denn der Jähzorn bei Ihnen?

Oh, ich könnte all die technischen Geräte, mit denen ich mich neuerdings beschäftigen muss, mit Wollust an die Wand werfen. Aber die Schule des Lebens und im Besonderen die Schule des Schreibens haben mich gelehrt, mit dem Jähzorn umzugehen. Was die Vorfahren bei körperlicher Arbeit auslebten, reagiere ich bei Gartenarbeit und langen Wanderungen ab. Aber es sind ja auch Genüsse damit verbunden.

Max teilt Ihre Skepsis gegen die Technik und schreibt auf einer „Erika“. Er behauptet, der Laptop verführt zur Weitschweifigkeit. Stimmt das?

Es ist ja offensichtlich, dass die Romane seit Erfindung des Computers immer dicker werden. Von meinen Schreibanfängen mit der „Erika“ weiß ich, dass sie zur Prägnanz zwingt. Man kann nicht pausenlos und problemfrei korrigieren. Inzwischen schreibe ich mit dem Computer und übertrage auch meine Notizzettel dort ins Tagebuch.

Ertappen Sie sich dabei, dass Sie auch die alten Familiensprüche notieren, wie etwa nach einem Klopfen: Herein, herein, wenn’s kein Schneider ist?

Ich ertappe mich nicht, ich pflege sie! In den kurzen Sinnsprüchen lassen sich Erfahrungen von Generationen weitergeben. Das ist eine große Leistung der Sprache. Ich glaube, meine Töchter spielen so gerne Skat mit mir, um solche Sprüche zu hören.

Sie schimpfen im Buch darüber, dass Sie als Chronist mit dem Sächsischen zu tun haben. Die Mischung aus Sentimentalität und Brutalität sei fürchterlich. Haben Sie ein Beispiel dafür?

Einmal bin ich die Mulde entlang zu den Quellen gelaufen und musste nach einem Abzweig fragen. Zwei Männer erklärten mir geduldig den Weg, und dann raunzte einer: Aber ni mit den Latschen! Das meine ich. Ich trug Flipflops.

Ist das Muldental noch Heimat für Sie?

Wenn es mir nicht so schwerfiele, würde ich das Wort verwenden. Zum einen ist mir die Landschaft unendlich nahe, zum anderen aber ist sie unendlich weit entfernt. Schon als Kind hab ich mich fremd gefühlt in dieser Welt, wie hineingestellt. Wenn ich jetzt nach Wurzen komme, ist dieses Gefühl der Fremdheit besonders stark. Wahrscheinlich bin ich inzwischen ein konvertierter Preuße geworden. Die Berliner Umgebung ist mir nähergerückt als das Muldental. In jedem Fall finde ich das Regionale wichtig in einer Welt, die immer anonymer und austauschbarer wird.

Die Nachwendebilder, die Sie von Wurzen zeigen, passen für viele ostdeutsche Kleinstädte: Die neue Vitalität wurde ihnen durch die Stilllegung der Betriebe gleich wieder entzogen. Fühlt sich der Osten auch deshalb abgehängt?

Ich glaube, dieser Prozess hat schon viel früher begonnen, als Resultat der Nachkriegszeit. In Richtung Osten war der Austausch begrenzt, nach Westen gab es ihn gar nicht, so kam es zu dieser extremen Provinzialisierung. Schon in der DDR wurden die Kleinstädte durch Kollektivierung und Uniformierung zerstört.

Sie meinen, die Unzufriedenheit heute hat ihren Ursprung gar nicht in den letzten zwei Jahrzehnten?

Die Ursprünge liegen in den Menschen selbst. Sie hatten die Hoffnung, dass ihr Leben nach ’89 reicher und intensiver würde. Das ist aber durch äußere Veränderungen nicht automatisch gegeben. Nun verspüren sie ein großes Manko. Sie verspüren einen Sinnverlust, einen Bedeutungsverlust und den Verlust des Miteinanders. Das sollte man ernst nehmen. Jeder Schwund von Leben ist eine bittere Erfahrung, auch der Schwund von Arbeit.

In Wurzen gab es das Gefühl des Miteinanders wohl zum letzten Mal beim Hochwasser 2002. Es spielt nur eine Nebenrolle, obwohl Ihr Roman „Die Sintflut in Sachsen“ heißt. Sie denken den alttestamentarischen Bezug mit?

Als mir der Titel einfiel, war er mir wegen der doppelten Bedeutung interessant. Es schwingt der Unterton der Gefahr mit, und zugleich geht es über das konkrete historische Ereignis hinaus mit einem Anklang zum Mythischen. Erzähler sind auch Mythenerzähler.

Lektüretipp

Bernd Wagner: Die Sintflut in Sachsen. Schöffling & Co., 432 Seiten, 24 Euro

Lesungen in Leipzig: 15. 3., 11.30 Uhr, Messegelände, LVZ-Arena; 15. 3., 20 Uhr, Buchhandlung Südvorstadt; 17. 3., 18.30 Uhr, Tapetenwerk; 17. 3., 20 Uhr Galerie ARTAe

Lesung in Berlin: 28. 3., 19 Uhr, Sächsische Landesvertretung, Brüderstraße 11

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