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Mittwoch, 10.10.2018

Als der schüchterne Philipp zum Breakdancer wurde

Von Henry Berndt

Dramatische Szenen spielen sich schon vor Beginn ab, draußen an der Leipziger Straße nahe des Alten Schlachthofs. Verzweifelte junge Mädchen suchen einen Platz für ihren Fiesta, doch selbst die Bahnhaltestelle ist schon zugeparkt. Es ist kurz vor acht und sie müssen da rein. Jetzt. Philipp Poisel ist zurück. Irgendwie stellen die Mädchen ihren Wagen schräg auf den Fußweg und rennen in Richtung Eingang.

So voll wie an diesem Montagabend hat man den Alten Schlachthof selten erlebt. Bis in die hintersten Reihen drängen sich die in der Mehrzahl weiblichen Fans. Viele haben ihre Freunde von damals mitgebracht, von denen inzwischen vermutlich viele ihre Männer und Väter ihrer Kinder sind. Philipp Poisel wirkt zwar auf den ersten Blick immer noch wie ein Geschichtsstudent vor der Zwischenprüfung, ist aber ein alter Hase im Musikgeschäft.

Poisel war schon da, als von all den Max Giesingers und Michael Schultes von heute noch keine Rede war. Vor fast genau zehn Jahren sang er als Newcomer vor etwa 100 Besuchern im Dresdner Neustadtklub Groove Station. Danach wurde er fast aus Versehen ein Popstar und ist nun regelmäßiger Gast bei den Filmnächten am Elbufer. Nach einer längeren kreativen Auszeit brachte er im vergangenen Jahr sein drittes Studioalbum „Mein Amerika“ heraus, das prompt auf Platz eins der deutschen Charts stieg.

Im Gedränge des Schlachthofs kommen die neuen Songs ganz okay an, doch es ist offensichtlich, dass die meisten Fans noch immer besonders an seinen alten Hits hängen: „Halt mich“, „Mit jedem deiner Fehler“, „Ich will nur“. Seine leise und zerbrechliche Stimme ist sein Markenzeichen. Wenn Philipp Poisel seine kurzen Ansagen zwischen den Liedern macht, möchte man ihm zurufen: Nun nimm doch mal den Tischtennisball aus dem Mund. Auch die Songtexte sind kaum zu verstehen. Fast scheint es, als sehe sich Poisel mehr denn je als Kunstfigur, die die Stimme zum nuschelnden Instrument macht und deren Körper, in dichten Nebel gehüllt, meist nur als Kontur auf der Bühne zu sehen ist. Die ausschweifenden Lichteffekte und der manchmal fast hypnotische Rhythmus tun ihr Übriges, um den ganzen Raum für die Sache zu gewinnen.

Beim Klassiker „Damals im Zirkus“ beweist Philipp Poisel, dass aus dem schüchternen Kerl aus der Groove Station anno 2008 ein tanzender Popstar geworden ist, der in Ekstase auch mal für Breakdance auf dem Bühnenboden zu haben ist. Auch die besonders rockige Version von „Zünde alle Feuer“ dürfte die fünf bis sechs über 50-Jährigen im Publikum verblüfft haben. Die meisten Fans würden von Zeit zu Zeit auch gern tanzen – doch hier drinnen fehlt dafür schlicht der Platz. Und so lauschen sie lieber gebannt und saugen jedes Wort auf – wenn sie es denn verstehen.

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