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Mittwoch, 07.11.2018

Als der Punk nach Leningrad kam

In Moskau muss der schikanierte Regisseur Kirill Serebrennikow vor Gericht – am selben Tag kommt sein „Leto“ ins Kino.

Von Andreas Körner

Cool bis zum Umfallen: Mike (Roma Zver) ist der Szene-Star. Auch ihn gab es wirklich, wie fast alle Figuren des Films.
Cool bis zum Umfallen: Mike (Roma Zver) ist der Szene-Star. Auch ihn gab es wirklich, wie fast alle Figuren des Films.

© Filmpresskit

Just heute, falls es dabei bleibt, beginnt in Moskau die Anhörung des Film-, Theater- und Opernregisseurs Kirill Serebrennikow vor Gericht. Der Prozess gegen ihn wurde bereits eröffnet, darin geht es um die mutmaßliche Veruntreuung von staatlichen Geldern in Millionenrubelhöhe. Seit August 2017 sitzt Serebrennikow zudem im Moskauer Hausarrest, immer wieder werden die Fristen verlängert. Ein Ende? Offen. So offen, wie Russland niemals war.

Mit Kino hat das alles zunächst nichts zu tun, und Vorsicht ist geboten. Zu schnell wird öffentlich ver- und geurteilt, Faktenlagen werden, so überhaupt verfügbar, nur oberflächlich studiert. Dennoch gibt es Gründe zur Annahme, dass auch der 59-jährige Kirill Serebrennikow ein politisch motivierter Angeklagter ist. Wie sein ukrainischer Kollege Oleg Senzow, der längst in ein Arbeitslager überstellt wurde. Wie der Chinese Ai Weiwei, der wieder reisen darf, oder der iranische Filmemacher Jafar Panahi, dem das nicht vergönnt ist und dessen Werke außer Landes geschmuggelt werden müssen, damit sie auf Festivals laufen.

Nackt durch das Feuer

Es fällt schwer, die Arbeiten dieser Künstler – weitere Namen wären zu nennen – losgelöst von den Umständen, in denen sie entstanden, zu beurteilen. Es ist eine menschliche Reaktion, wenngleich nicht ganz fair. Denn in der Rezeption helfen sie den Werken kaum und den Urhebern nicht zwingend. Vor allem nicht, wenn sie künstlerisch eher schwächeln. „Leto“ aber, und damit soll es nur noch um den neuesten Film von Kirill Serebrennikow gehen, ist stark. Sehr stark! Auf wundersame, bezwingende Weise unterhaltsam, voller feiner Stimmungen und Atmosphären, so melancholisch wie musikalisch. Das kassengiftende Wort vom Musikfilm aber greift zu kurz.

Die Bässe verheißen, es ist Rock’n’Roll. Wie eine Fabrikhalle sieht der Saal von außen aus, in dem die Band Zoopark gerade vom „Miststück“ singt, das „meine Gitarre verschleudert und sich davon einen Mantel kauft“. Das Schwarz-Weiß verstärkt den Eindruck – Leningrad, frühe Achtziger. Sänger Mike Wassiljewitsch Naumenko röhrt unter der Sonnenbrille, das jugendliche Publikum ist im Sitzen enthusiastisch, die Ordner greifen nur ein, wenn Plakate entrollt werden. Auf einem ist ein Herz zu sehen, im Grunde eher niedlich denn konterrevolutionär.

„Leto“ wird weder die Musik noch die Musiker, nicht die Zeit, bevor die Perestroika kam, noch die Liebe unter den Menschen erklären. Kirill Serebrennikow klickt sich durch ein paar Jährchen Sowjetunion so, als hätte er zwei, drei, vielleicht zehn Magazine mit Dias herausgekramt. Auf Erinnerungen kommt es ihm an, auf Rückblenden und Gefühlslagen. Manch einer mag die Schärfe vermissen, gar die Anklage, doch selbst wenn es ums Abnehmen von Liedtexten durch Funktionäre geht, hält es der Regisseur eher mit Sarkasmus. Und wenn als Kunstgriff immer wieder zu lesen und zu hören ist, es sei „alles nicht so gewesen“, provoziert Serebrennikow damit seine Kritiker. Denn: Zoopark als Band, auch die Gruppe Kino und die Protagonisten von Mike Naumenko über seine Frau Natascha bis Viktor Tsoi gab oder gibt es in echt. „Leto“ gedenkt ihnen, eins zu eins aber wäre in der Reflektion zu langweilig.

Was für eine geniale erste Viertelstunde! Junge Menschen tanzen am Strand, singen, trinken „Moldawischen“, springen nackt durchs Feuer, reden, leben Lust. In ihren kargen Wohnungen übersetzen sie dann englische Texte von Blondie, Velvet Underground oder David Bowie ins Russische und lassen traditionelle Lyrik in rotzigen Punk kippen. Dort wächst das Baby von Mike und Natascha auf, hütet die Matka das Kind, wenn der Vater auf Tour und ins Studio geht. Dort entdeckt Natascha, dass sie zwei Männer lieben kann. Es verläuft in aller Milde.

Großartig sind Kirill Serebrennikows Ideen in videoclipartigen Sequenzen. Etwa dann, wenn er in einem öffentlichen Zug Passagiere „Psycho Killer“ der Talking Heads singen lässt oder später in einem Oberleitungsbus Iggy Pops Welthit „Passenger“ und Lou Reeds „Perfect Day“. Oder wenn die russischen Musiker berühmte Plattencover der Popgeschichte nachstellen. Das hat Schmiss, Tempo, macht einfach Spaß.

Und nein, es fällt überhaupt nicht auf, dass Kirill Serebrennikow seinen Film „Leto“ wie auch die Regie der Oper „Così fan tutte“, die am vergangenen Sonntag in Zürich Premiere hatte, vom Hausarrest aus final betreuen musste.

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