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Freitag, 07.09.2018

Alle Schuld den Linken

Anderen Völkern gelingt es offenbar besser als den Deutschen, ihren Zorn zu zügeln. Ein Beitrag von Michael Bittner aus der Reihe „Besorgte Bürger“.

Von Michael Bittner

SZ- Kolumnist Michael Bittner
SZ- Kolumnist Michael Bittner

© Ronald Bonß

Zwei Grundsätze scheinen sich in der Debatte über politische Gewalt gerade durchzusetzen: Wenn Linksradikale gewalttätig werden, wie bei den Protesten gegen den G-20-Gipfel in Hamburg, dann sind die Linken daran schuld, die sich nicht ausreichend von den Randalierern distanzieren. Wenn hingegen Rechte gewalttätig werden, wie vielfach in den letzten Jahren – dann sind daran auch die Linken schuld, weil sie die Sorgen dieser Menschen nicht ernst genug genommen haben. Diese armen, verstörten Seelen sind einfach so verzweifelt, dass ihnen als Hilferuf nur der Hitlergruß bleibt. Ihr Hang zum Pöbeln und Prügeln – eine bedauerliche Folge der verfehlten Migrationspolitik der linksliberalen Eliten.

Ich kann mich leider nicht so dumm stellen, dass mir diese Theorie vom berechtigten Volkszorn einleuchten würde. Mir fällt es schon schwer, an die Abneigung von Menschen gegen Kriminalität zu glauben, die einem Berufsverbrecher zujubeln und sich mit Nazi-Schlägern verbrüdern. Auch zeigt sich der spontane Volkszorn überraschend wählerisch in seinem Wallen: Als 2009 die ägyptische Pharmazeutin Marwa El-Sherbini in Dresden von einem Deutschen erstochen wurde, fanden nur wenige der Wutbürger zur Trauerfeier.

Außerdem gelingt es anderen Völkern offenbar besser, ihren Zorn zu zügeln. Soweit ich weiß, gab es in China keine Massenproteste gegen Deutsche, nachdem der Stiefsohn des Dessauer Polizeichefs eine chinesische Studentin vergewaltigt und zu Tode gefoltert hatte. Nicht einmal die Angehörigen der Opfer des NSU haben zur rächenden Jagd auf junge Thüringer geblasen.

In Wirklichkeit sieht es so aus: Es gibt einen Bodensatz von Deutschen, die von jeher die Ausländer hassen wie die Pest. Jedes Verbrechen eines Ausländers ist für sie nur willkommener Anlass, ihrem Hass gegen Fremde freien Lauf zu lassen. Die Stimmung in der Gesellschaft ist für diese Leute mal mehr, mal weniger günstig, um gehört zu werden und unter Verwirrten und Frustrierten Mitläufer anzuwerben. Aber es gäbe sie auch, wenn alle Einwanderer Engel wären. Politiker, die das Recht aufs „Ausrasten“ propagieren, geben den militanten Rechten das gute Gefühl: Wir müssen nur laut genug brüllen und genügend Häuser anzünden, dann wird schon irgendwann getan, was wir wollen.

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.