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Donnerstag, 05.11.2009 Im Blickpunkt

Kostbare Verletzlichkeit

Die Schauspielerin Angelica Domröse kämpft in einem Sanatorium mit ihrer Tablettensucht.

Von Dietrich Nixdorf

Es ist eine Rolle, die in ihr Leben hineinragt: 1973 wurde Angelica Domröse in Heiner Carows „Die Legende von Paul und Paula“ zu Paula, einer lebenshungrigen wie tragikbehafteten Frau in einem Film über die unsichere Liebe eines ungleichen Paares. Man verstand beim Ansehen plötzlich, wie groß und schmerzhaft die Suche nach dem Glück sein kann. Und es gab schon damals nicht wenige, die in Domröse etwas von der Verletzlichkeit der Paula sahen. Diese Tiefe in den Augen, die Schutzlosigkeit.

Die Domröse lebt nicht leicht, durfte man vermuten – und sie tut es bis heute nicht: Nach einem Nervenzusammenbruch hat sich Angelica Domröse vor sechs Wochen in ein Sanatorium einweisen lassen, meldet jetzt „Das Neue Blatt“. Sie werde dort von Psychotherapeuten betreut. Näheres ist nicht bekannt. Nur so viel: Auch ihre Tablettensucht werde behandelt. „Angelica hat von Kindheit an Schlafprobleme. Vielleicht, weil sie im Krieg gezeugt wurde“, sagte ihr Ehemann, der Schauspieler Hilmar Thate (78), der Zeitschrift. „Vielleicht empfindet sie daher diese Unruhe und konnte nie ohne Pillen schlafen.“

Angelica Domröse, 1941 in Berlin geboren und vaterlos aufgewachsen, sagt von sich selbst, sie habe erst mit 15 Jahren Lachen gelernt. Vielleicht ist das Teil jener Zerrissenheit, die sie seit jeher in sich zu tragen scheint, auch nach außen. Auf der einen Seite der DDR-Star, als solcher bekommt sie den Nationalpreis, reist nach Venedig, Stuttgart, Wien – eine Privilegierte mit „ewiger Lust auf Boheme“, auf Leben und schnelle Autos. Auf der anderen Seite unterzeichnet sie die Protestresolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, schimpft über den Staat als „Karnickelstall“. 1979 reist sie aus. Doch der Westen macht es ihr nicht leicht. Sie zweifelt weiter. „Man braucht uns nicht in dieser Gesellschaft“, schreibt sie 2003 in ihrer Autobiografie „Ich fang mich selbst ein“. Es ist das Jahr, in dem sie die „Goldene Henne“ bekommt. Sie spielt in Filmen, am Theater, ist Dozentin an der Schauspielschule Ernst Busch – und kämpft mit Lebenskrisen und Alkohol. 2006 ein viel beachtet Absturz: Ihr Ehemann findet sie leblos im Badezimmer. Domröse kommt in die Klinik – auch damals Schlaftabletten.

Vor ihrer jetzigen Therapie sei sie überarbeitet gewesen, heißt es. Derzeit bessere sich ihr Zustand. „Sie ist wieder klar im Ton und hat sich vorgenommen, durchzuhalten“, zitiert „Das Neue Blatt“ Hilmar Thate. In drei Wochen könnte Domröse wieder zu Hause sein. Niemand weiß, ob sie sich dann selbst eingefangen haben wird. Doch ihr langes Ringen darum offenbart etwas Kostbares: das Gefühl tiefer Verletzlichkeit.