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Mittwoch, 23.05.2018

Kontakt zur Außenwelt

Ein Radebeuler ist regelmäßig im Knast. Zusammen mit seinen Mitstreitern unterstützt er Gefangene und kämpft für ein Resozialisierungsgesetz.

Von Nina Schirmer

Redaktionskonferenz hinter Gittern: Alle 14 Tage treffen sich Häftlinge der Dresdner Justizvollzugsanstalt und Ehrenamtliche vom Hammerweg e.V., um die neue Riegel-Ausgabe zu besprechen. Ein Radebeuler leitet die Knastredaktion.
Redaktionskonferenz hinter Gittern: Alle 14 Tage treffen sich Häftlinge der Dresdner Justizvollzugsanstalt und Ehrenamtliche vom Hammerweg e.V., um die neue Riegel-Ausgabe zu besprechen. Ein Radebeuler leitet die Knastredaktion.

© Ulfrid Kleinert

Radebeul/Dresden. Wieso gibt es für Gefangene keine Sportveranstaltungen mehr? Wird überlagertes Essen ausgegeben und weshalb dürfen sich die Häftlinge keine eigenen Kopfkissen kaufen? Die Fragen, die in der neusten Ausgabe des Riegels eine Rolle spielen, sind nicht gerade typische für eine Zeitschrift. Doch der Riegel ist auch keine normale Zeitung.

Er wird von Gefangenen der Justizvollzugsanstalt Dresden geschrieben. Mit Themen rund um das Leben im Knast. Alle 14 Tage treffen sich die Autoren zur Redaktionskonferenz. Immer mit dabei: der Radebeuler Ulfrid Kleinert. Der 77-Jährige ist Herausgeber der Gefangenenzeitschrift, die vierteljährlich erscheint. 700 Abonnenten hat das Blatt im Knast, außerdem 60 weitere außerhalb der Gefängnismauern.

Der Riegel ist eines von vielen Angeboten des Vereins Hammerweg e.V., dessen Vorsitzender Ulfrid Kleinert ist. Die 40 ehrenamtlichen Mitglieder treffen sich regelmäßig mit Gefangenen in der Vollzugsanstalt. Vor allem mit jenen, die sonst keinen Kontakt nach draußen haben. Weil Familien und Freunde von früher nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen. Oder weil die Angehörigen weit weg leben. Etwa hundert Gefangene betreffe das, sagt Kleinert.

Sitzen sie mehrere Jahre in Haft, fehlt ihnen jeglicher Kontakt zur Außenwelt. Die Mitglieder des Hammerweg e.V. wollen das ändern. Möchte ein Häftling Kontakt, kann er sich an den Verein wenden. Aussuchen, wer einen im Gefängnis besucht, geht aber nicht einfach. „Viele wünschen sich eine junge Frau“, sagt Kleinert. Davon gibt es zwar einige im Verein, aber eben nicht ausschließlich. Schlussendlich muss es für beide Seiten, Häftling wie Ehrenamtlichen, passen.

„Es läuft nicht nach dem Motto, wir sind die Guten und die sind die Schlechten“, sagt Kleinert. Für ihm spielt bei seiner ehrenamtlichen Arbeit deshalb auch keine Rolle, warum die Männer einsitzen. Oft habe er monatelang mit einem Häftling Kontakt, ohne die Straftat zu kennen, die ihn ins Gefängnis gebracht hat. Die Nachfrage der Gefangenen ist groß. Der Verein sucht noch nach ehrenamtlichen Helfern.

Für Leute, die zum ersten Mal im Gefängnis sitzen, hat der Hammerweg e.V. das Projekt „Leuchtturm“ ins Leben gerufen. Die Ehrenamtlichen kommen dafür auf die Zellen der Häftlinge, um mit ihnen zu sprechen. „Das ist für viele Gefangenen unglaublich wichtig“, sagt der Radebeuler. Denn sie sind verunsichert, trauen sich nicht, sich den Bediensteten oder den anderen Häftlingen anzuvertrauen. Oft geht es nur darum, endlich einmal zu erzählen, was wirklich passiert ist. „80 Prozent sind arme Schweine“, sagt Kleinert. Gelegenheitsdiebe oder notorische Schwarzfahrer zum Beispiel. Nicht, dass der Vereinsvorsitzende das entschuldigen will. Aber er hat die Erfahrung gemacht, dass schon lange, bevor die Männer straffällig geworden sind, in ihrem Leben etwas schief gelaufen ist. Gewalt in der Familie, drogensüchtige Eltern, Misshandlungen. Der Knast ist da nur die Spitze des Eisberges. Und für viele Straftäter die falsche Lösung, findet Kleinert.

Der Vereinsvorsitzende setzt sich deshalb für ein Resozialisierungsgesetz in Sachsen ein. Seiner Meinung nach müssten die allermeisten der Gefangenen gar nicht im Gefängnis sein. Dort lernten sie meist erst noch, wie man richtig kriminell wird. Die „Ansteckungsgefahr“, wie Kleinert es nennt, sei hoch. Der Verein schlägt Alternativen, wie den offenen Vollzug oder dezentrale Unterbringungen von Straftätern vor.

Kleinert sagt das auch mit Blick auf die Kosten. In das Dresdner Gefängnis würden 2018 rund 1,8 Millionen Euro allein für Baumaßnahmen investiert. Geld, das viel sinnvoller eingesetzt werden könnte, um die Täter zu resozialisieren, findet er.

Noch ist offen, ob in Sachsen eine Kommission eingesetzt wird, die ein mögliches Resozialisierungsgesetz prüft. Am 22. und 23. Juni wird das Thema wieder bei einer Tagung in Meißen besprochen, die der Verein gemeinsam mit der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung organisiert.