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Dienstag, 06.01.2015

Kommentar: Dresden ist mehr als Pegida

Uwe Vetterick über eine Stadt und den Protest

© Ronald Bonß

Achtzehntausend Menschen. Noch einmal mehr als beim letzten Mal. Nach diesem ersten Montag 2015 ist absehbar: Das islamkritische Bündnis Pegida wird die große Herausforderung des neuen Jahres für Dresden, für Sachsen.

Wie soll man umgehen mit dieser Bewegung, die aus dem Nichts kam, und heute so viele Gespräche bestimmt? Drei Erkenntnisse, gewonnen in den letzten Wochen.

Erkenntnis 1. Es ist richtig und wichtig zu unterscheiden: zwischen Anführern und Mitläufern.

Zunächst zu den Anführern, dem Orga-Team von Pegida. Dem Bild nach eine Kumpeltruppe, deren Mittelpunkt der Sachse Lutz Bachmann ist. Ein notorischer Kleinkrimineller mit so umfangreichem wie illustrem Strafregister. Wortschlau, gerissen und durchaus mit Ausstrahlung. Ein Lebenskünstler, der den großen Auftritt sucht. Nun hat er ihn. Pegida ist seine Bühne. Die Bühne, auf der er Regie führt. Wo sich Redner in vulgären Beleidigungen ergehen; dazwischen lässt er Adventslieder singen. Es scheint, das Thema Abendland/Islam/Asyl hat er dafür eher zufällig entdeckt. Nur, es wirkt.

Denn viele, die montags mitlaufen, oder die auch nur mit Pegida sympathisieren, teilen echte Ängste. Sie fürchten um den Wert ihres Hauses, weil die Stadt nebenan ein Asylbewerberheim herrichtet. Sie fürchten um ihren prekären Job, weil ihn jemand noch billiger erledigen könnte. Sie fürchten um ihre schmale Rente, weil der Staat nun Asylbewerber finanzieren müsse. Etliche dieser Ängste sind durchaus real. Andere sind natürlich Geschwätz, wie das vom Striezel, der bald nicht mehr Christstollen heißen dürfe.

Erkenntnis 2. Man muss reden. Aber nicht mit allen.

Es ist klug, das Gespräch mit den Verängstigten zu suchen. Nur muss das ehrlicher geschehen als bisher. Ja, in einem sächsischen 170-Einwohner-Dorf 50 junge Männer aus Tunesien unterzubringen, kann Ärger geben. Dieses wahre Wort braucht es jetzt. Und ebenso das klare: Der offiziöse Migrationsduktus wird von vielen Menschen nicht verstanden.

In etlichen Orten sind nun Bürgergespräche angelaufen. Sie können sich zu klärenden, konstruktiven Foren entwickeln, die in der Nachbarschaft etwas bewegen. Etwas, was Pegida weder will noch kann. Wer jetzt dennoch mit den Pegida-Anführern spricht, der ist nicht an Lösungen interessiert. Er ist interessiert an Machtgewinn – so wie die AfD.

Erkenntnis 3. Reden allein genügt nicht.

Auf die Politik warten ebenso nicht. Es wäre ein eindrucksvolles Bild, wenn das viel beschriebene Dresdner Bürgertum einmal aus seinen Türmen am Elbhang hinunterkommen würde auf die Straßen der Stadt. Nur für einen Montag. Um zu zeigen, dass Dresden mehr ist als Pegida.

Um zu zeigen, was Dresden, was Sachsen für so viele zur Wohlfühl-Heimat macht. Dieser Mix aus Intellekt, Lebensfreude und Tüchtigkeit. Alle, die dies schätzen, alle, die dies leben wollen, sie alle sollten in dieser Stadt, in diesem Land willkommen sein. Sie alle sollten die gleichen Chancen bekommen. Egal ob Sachse oder Syrer.