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Donnerstag, 13.09.2018

Kohle ohne Ende

Auch wenn fast niemand mehr mit Briketts feuert, halten Lothar Funke und seine Frau in ihrem Betrieb die Stellung.

Von Henry Berndt

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Für diese beiden ist es längst zu spät, um noch aufzuhören: Lothar und Heide Funke wollen nicht von ihrem Kohlehandel in Plauen lassen.
Für diese beiden ist es längst zu spät, um noch aufzuhören: Lothar und Heide Funke wollen nicht von ihrem Kohlehandel in Plauen lassen.

© Christian Juppe

  • Für diese beiden ist es längst zu spät, um noch aufzuhören: Lothar und Heide Funke wollen nicht von ihrem Kohlehandel in Plauen lassen.
    Für diese beiden ist es längst zu spät, um noch aufzuhören: Lothar und Heide Funke wollen nicht von ihrem Kohlehandel in Plauen lassen.
  • Vor über 90 Jahren gründete Lothar Funkes Großvater Friedrich Hermann den Kohlehandel an der Chemnitzer Straße. Seitdem sind es nur weniger Briketts geworden.
    Vor über 90 Jahren gründete Lothar Funkes Großvater Friedrich Hermann den Kohlehandel an der Chemnitzer Straße. Seitdem sind es nur weniger Briketts geworden.

Gerade ist es mal ruhig. Es ist oft ruhig hier, eigentlich immer. Im Brennstoffhandel von Lothar Funke an der Chemnitzer Straße in Dresden-Plauen macht sich die Kundschaft schon lange rar. Doch auch, wenn die Kohle in der Kasse nicht mehr stimmt, so hat doch die Kohle im Herzen ihn immer weitermachen lassen, während die meisten anderen Kohlehändler in der Stadt schon vor 20 Jahren aufgaben. Nächster Jahr wird Lothar Funke 75. Er kann kaum noch laufen. „Die Knochen sind breet“, sagt er. Vor allem die Knie und das Kreuz machen nicht mehr mit. Jahrzehntelang schleppte er die 50 Kilo schweren Kohlesäcke auf der Schulter. „Wenn du das zu lange machst, dann kriegst du irgendwann die Quittung dafür.“

Die Quittung hat er längst, doch ans Aufhören hat Lothar Funke nie gedacht. In diesem Jahr überreichte ihm die Industrie- und Handelskammer eine Urkunde zum 25-jährigen Bestehen seines Betriebes. Zurück gehen die Wurzeln des Kohlehandels seiner Familie aber bis ins Jahr 1926. Damals übernahmen seine Großeltern für 200 Reichsmark einen anderen Betrieb in der Nähe, nachdem sie zuvor eine Schneidemühle an der Weißeritz betrieben hatten. Nun errichteten sie die Baracken im Hinterhof auf der Chemnitzer Straße, die bis heute fast unverändert erhalten geblieben sind. Auch den über 90 Jahre alten Geschäftsplan von damals haben die Funkes noch. Auf 854,05 Reichsmark summierten sich die Investitionen in das Geschäft.

Unter anderem wurde damals eine massive Kippwaage mit Gewichten angeschafft. Genau diese Waage steht noch immer im Hinterhof neben dem Berg aus Briketts, der heutzutage eher ein Häufchen ist. Ringsherum liegen kiloweise schwarze Brösel. „Die Qualität der Briketts ist nicht mehr dieselbe“, sagt Heide Funke. „Die Kohle ist einfach zu jung. Die hätte noch 50 Millionen Jahre in der Erde bleiben müssen.“ Vor wenigen Tagen hat sie mal wieder einen Multicar mit Kohlen vollgeschaufelt. Auch die 70-Jährige hat es im Kreuz, aber ein bisschen geht noch. Die Ladung wurde nach Johannstadt gefahren.

Zu DDR-Zeiten gingen die Lieferungen noch am laufenden Band raus. 1957 wurde der Betrieb zum VEB, bei dem Lothar Funkes Eltern angestellt waren. Nach der Wende stellte sich dann die Frage, wie es weitergehen sollte. Das 1300 Quadratmeter große Grundstück war schon damals in Familienbesitz. Alles stand bereit. Nach längerem Nachdenken schien es nur eine Option zu geben: „Wir mussten es selber machen“, sagt Lothar Funke. Andere Arbeit hätten sie mit 45 und 50 Jahren vermutlich nicht mehr bekommen.

„Lothar braucht das“

Am 1. März 1993 wurde sein Brennstoffhandel am traditionellen Ort offiziell gegründet. Dabei wollte Funke eigentlich nie Kohlehändler werden. Auch seine Eltern versuchten, ihn auf einen anderen Weg zu bringen. Er lernte Schlosser und arbeitete auch in dem Beruf. Am Ende war die Anziehungskraft der Kohle aber doch zu stark. Mit einem Angestellten machten sich Heide und Lothar Funke ans Werk. Anfangs brummte der Laden. Teilweise wurden 50 Tonnen in der Woche ausgefahren. Doch die Euphorie war von kurzer Dauer. Haus um Haus wurde im Gebiet zwischen Hauptbahnhof und Coschütz saniert. Alte Kohleöfen raus, Fernwärme rein. „Ab 1995 ging es kolossal bergab“, sagt Lothar Funke. Die Bestellungen brachen weg. Mehr schlecht als recht kämpften sie sich weiter. Der große Kredit für den MAN-Laster musste ja irgendwie abgezahlt werden. Vor allem TU-Gebäude, Gärtnereien und Schulen blieben ihnen zunächst noch. Mit 60 ging Heide Funke offiziell in Rente, weil sie nicht mehr bezahlt werden konnte.

Nun könnte man meinen, dass ein geschundener Körper und ein implodierter Markt Gründe genug seien, seinen Laden dichtzumachen. Die Funkes aber hielten und halten weiter die Stellung. „Wir müssen doch in Bewegung bleiben und können nicht bloß im Sessel sitzen“, sagt er. Und so treten sie jeden Morgen um 9 Uhr ihren Dienst im Kohlehandel an. Dass fast niemand mehr kommt und das Telefon nur selten klingelt, stört sie längst nicht mehr. „Wenn wir noch Geld verdienen müssten, dann wäre es schlimm“, sagt Heide, „aber zum Glück müssen wir das nicht mehr.“ Ab und zu verkaufen sie ein vorgepacktes Bündel Briketts oder ein Säckchen Feuerholz. Über ihren kleinen Getränkehandel wird auch mal eine Flasche Bier verbucht.

Dennoch ist ihr Betrieb längst zur Beschäftigungstherapie geworden. „Lothar muss immer ein bisschen drecksch sein und was zu muddeln haben“, sagt seine Frau. „Das braucht der.“ Selbst am Samstag machen sie sich von ihrem Haus in Freital aus auf den Weg in den Betrieb. Seit zehn Jahren bleiben die beiden wenigstens sonntags zu Hause. In den Urlaub fuhren sie jahrzehntelang fast nie. Es zählte immer nur die Kohle. Zum 50. Hochzeitstag ging es in diesem Jahr zumindest mal für eine Woche zur Kur.

Die Waggons mit den neuen Kohlelieferungen kommen inzwischen am Hafen an der Magdeburger Straße an. Dort haben die Funkes ein eigenes Förderband stehen, das ab und an noch angeworfen wird.

Kein Pinselstrich für die Zukunft

Wenn sich Lothar Funke die Schwarz-Weiß-Bilder von früher anschaut, dann ist bei ihm nicht viel von Wehmut zu spüren. „Das ist Geschichte“, sagt er nur. „Damit müssen wir leben. Beeinflussen können wir es sowieso nicht.“ Nur die Götter wüssten, wie es nun weitergehe. Ihre beiden Töchter werden mit Kohle nichts am Hut haben, so viel scheint klar zu sein. Eine ihrer Enkelinnen wohnt inzwischen mit drei Kindern im Dachgeschoss des Hauses, hinter dem die Baracken stehen. Dort im Hof wollen die Funkes keinen Pinselstrich mehr machen. Über Nacht könne hier schließlich mal Schluss sein, sagen sie. Oder es geht noch ein paar Jahre so weiter. Für Blumen und Beete hat Lothar jedenfalls keinen Nerv. Da ist ihm der Kohlestaub doch lieber.

Nachmittags fährt seine Frau nach Hause und bereitet das Abendessen vor. Abends holt sie dann ihren Lothar ab, nachdem sie ihn in der Baracke unter die Dusche gestellt hat. Der Badeofen wird bis heute mit Kohle beheizt. Immerhin der.

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