erweiterte Suche
Freitag, 10.08.2018

König Arthur und sein Weinkrampf

Am Abschiedsabend von Robert Harting übernimmt kurzerhand ein Zehnkämpfer die Hauptrolle und wird zum Helden.

Von Michaela Widder, Berlin

Der sichtlich aufgewühlte Zehnkampf-Sieger Arthur Abele wird nach seinem Triumph in der Hauptstadt von Maskottchen Berlino beglückwünscht.
Der sichtlich aufgewühlte Zehnkampf-Sieger Arthur Abele wird nach seinem Triumph in der Hauptstadt von Maskottchen Berlino beglückwünscht.

© Sven Simon

Zu später Stunde konnten die Zuschauer schon mal den Überblick verlieren, auf wen sie die Augen nun richten sollten. Monatelang sprach man über diesen Mittwoch, den 8. August, den großen Abschiedsabend von Diskus-Olympiasieger Robert Harting. Viele hatten sich nur seinetwegen eine Eintrittskarte für die Europameisterschaft gekauft. Auch das erste deutsche Gold bei der EM schien sicher, weil nebenan fast zeitgleich Europas Jahresbeste, Christina Schwanitz, selbstsicher in den Kugelstoß-Ring gestiegen war.

Doch dann kam alles anders – und das Beste zum Schluss. Die geplanten Hauptdarsteller hatten plötzlich neue Rollen. Im letzten Versuch wurde Schwanitz noch von der Polin Pauline Guba überholt, sie wusste nicht so recht, ob sie sich über das verlorene Gold mit mäßiger Weite ärgern oder doch über das gewonnene Silber im Jahr ihres Comebacks nach der Babypause mit Zwillingen freuen sollte. Also blieb sie erst einmal eingehüllt in die Deutschlandfahne alleine auf der Bank neben dem Ring sitzen und hing ihren Gedanken nach. Schwanitz wollte aber auch Diskus-Olympiasieger Harting „die Ehre erweisen“ bei seinem letzten Wurf im Nationaltrikot. „Für mich ist der Robert immer noch ein Vorbild“, sagt die Chemnitzerin, die mit ihren Erfolgen dem 33-Jährigen selbst kaum nachsteht.

Als dann aber ein etwas zerknirschter Harting nach Platz sechs auf seiner Ehrenrunde die Ovationen des Publikums entgegennahm, feierte sich schon Weitspringer Fabian Heinle als Zweiter, den vorher kaum jemand auf der Rechnung hatte. Und dann die Krönung: Arthur Abele rannte zum überraschenden Zehnkampf-Gold. Die Mehrkämpfer gehen im Trubel anderer Entscheidungen an ihrem ersten Wettkampftag meist ein wenig unter, dabei sind sie die Könige der Leichtathleten. Doch bei ihrer letzten Disziplin standen sie um 21.35 Uhr allein im Rampenlicht, und ein Deutscher war nach den abschließenden 1 500 Metern plötzlich in die Rolle des Hauptdarstellers gerückt.

Abele bekam die Pappkrone vom Maskottchen Berlino aufgesetzt – und kurz darauf seinen ersten Weinkrampf. Als sich die Zehnkämpfer traditionell noch auf eine Zusatzrunde begaben, schallte es aus den Boxen „Heroes“ von David Bowie, sie sind die Helden nach zwei kräftezehrenden Tage. „Der Traum von vielen Jahren ist in Erfüllung gegangen. Es war jetzt mal Zeit, sich zu belohnen“, sagte Abele, „vor zehn Jahren wäre es eigentlich auch schon Zeit gewesen.“

Aufgewacht mit Gesichtslähmung

Mit seinen 32 Jahren ist er nun der älteste Europameister im Zehnkampf, aber die Geschichte ist eine andere.

Es ist die Geschichte vom Hinfallen und wieder Aufstehen. „Arthur zeigt eine der wichtigsten Tugenden des Mehrkampfs: nämlich niemals aufzugeben“, hatte Mehrkampf-Bundestrainer Claus Marek kürzlich über seinen Athleten gesagt. Immer wieder warfen Abele Verletzungen zurück. Fünf Jahre lang, von 2008 bis 2013, beendete er keinen Zehnkampf. „Da sind schon einige heftige Dinge dabei gewesen. Das Highlight war der Achillessehnenriss 2015.“ Wo andere aufgegeben hätten, machte er weiter – jetzt bis Tokio 2020. „Die Message ist, einfach nie aufzugeben, wenn man einen Traum hat.“ Auch der vergangene Winter sei unfassbar schwer gewesen Eines Morgens wachte er auf und war auf der linken Gesichtshälfte gelähmt. „Ich dachte schon, ich habe einen Schlaganfall.“ Er kam ins Bundeswehrkrankenhaus nach Ulm. „Das war heftig, da bin ich erst mal weggeklappt.“

Sein Sohn hatte aus dem Kindergarten einen Infekt mit nach Hause gebracht, die Symptome der Erkrankung haben sich dann von den Mandeln auf den Kiefer bis zum Mittelohr ausgebreitet, „und hinterm Mittelohr sitzt der Gesichtsnerv, der die ganze Mimik steuert“, erklärt er. Die Behandlung mit Cortison schlug zwar an, aber er nahm dadurch sechs Kilogramm zu. Und dann kamen wieder Achillessehnenprobleme hinzu. „Erst ab März konnte ich peu a peu wieder Gas geben.“

Zum ersten Qualifikationsmeeting in Götzis erhielt Abele nicht einmal eine Einladung, doch dann verblüffte er mit seinem Sieg in Ratingen und sicherte sich einen Platz im EM-Team.

Die Stunde der anderen

Als Vizeweltmeister Rico Freimuth und der WM-Dritte Kai Kazmirek für Berlin ausfielen, war er zur deutschen Nummer eins aufgestiegen. Dann verabschiedete sich bei der EM der unbezwingbar scheinende Weltmeister Kevin Mayer aus Frankreich nach drei Fehlversuchen im Weitsprung, der eigentlich angetreten war, um den Weltrekord zu brechen. „Da war einfach mal die Stunde der anderen, zu performen. Die Chance habe ich genutzt. Ich war hellwach“, sagte Abele. In seinem Schatten wurde der erste 20-jährige Niklas Kaul noch sensationell Vierter. Der Junioren-Weltmeister hatte erst vor einer Woche von seinem Start erfahren und dürfte eine große Zukunft vor sich haben.

Der Moment aber gehörte seinem zwölf Jahre älteren Teamkollegen. Auch am Morgen nach dem Triumph war Abele noch immer gerührt. Als er über den Abend sprechen soll, gerät er kurz ins Stocken. „Ja, Wahnsinn. Schitte, ich könnte schon wieder losheulen.“ Das tat König Arthur dann auch.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
    Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.