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Mittwoch, 05.09.2018

Kinobesuch für Kita-Kinder wird zum Politikum

Das Unternehmen ODEG kann nicht garantieren, dass 94 Kinder aus Weißwasser eine Mitfahrgelegenheit erhalten.

Von Christian Köhler

Ob am Mittwoch, dem 12.September, alle Weißwasseraner Kita-Kinder in den Zug nach Görlitz und zurück passen, weiß niemand.
Ob am Mittwoch, dem 12. September, alle Weißwasseraner Kita-Kinder in den Zug nach Görlitz und zurück passen, weiß niemand.

© nikolaischmidt.de

Weißwasser. Was hiesige Bürger meinen, wenn sie sagen: „Wir im ländlichen Raum fühlen uns abgehängt“, lässt sich an einem aktuellen Fall aus Weißwasser zeigen: Die Stadt hat kein Kino mehr. Und wer keinen Führerschein und / oder kein Auto besitzt oder minderjährig ist, ist auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen.

Und wenn Kita-Kinder einen Kinobesuch unternehmen wollen? Dann brauchen sie Bus oder Bahn. Falls die genügend Kapazität haben, 94 Kinder bis nach Görlitz, Cottbus oder Spremberg zu bringen. Das Rietschener Kino befindet sich gerade im Umbau, müsste aber auch per Öffentlichem Nahverkehr angefahren werden.

Große Vorfreude der Kinder

„Seit Ende Mai haben wir uns auf einen Kinobesuch in Görlitz mit unseren Kindern vorbereitet“, erklärt die Leiterin der Weißwasseraner Kita „Ulja“, Nina Exner. Auf die Kita nämlich ist eine Media-Agentur zugekommen, die angeboten hat, den Kids den Kinderfilm „Pettersson und Findus – Findus zieht um“ vor der eigentlichen Deutschlandpremiere am 12. September im Görlitzer Filmpalast-Theater zu zeigen. Die Mädchen und Jungen haben in Vorbereitung auf ihren ersten Kinobesuch Vorlese-Stunden aus dem dazugehörigen Kinderbuch erhalten, haben Hörspiele gehört und sich im Allgemeinen mit dem Thema Kino beschäftigt. „Die Eltern und Kinder haben richtig gut mitgezogen“, berichtet „Ulja“-Erzieherin Beate Mettke.

Weil nicht genügend Kinder fürs Kino in Görlitz zusammengekommen sind, hat die Leiterin gemeinsam mit der Stadtverwaltung auch die Kita „Regenbogen“ mit ins Boot geholt – beide Einrichtungen befinden sich in Trägerschaft der Stadt. Gemeinsam wollen nun also 94 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren nach Görlitz. Der Zug soll um 8.36 Uhr fahren. Die ganze Aktion aber könnte wegen der Ostdeutschen Eisenbahngesellschaft mbH (ODEG) ins Wasser fallen.

Keine Beförderungsgarantie

„Ich habe mich am 24. August an die ODEG gewandt“, berichtet Nina Exner. Sie kenne es „von früher“ so, dass man eine größere Gruppe an Personen anmelden musste, damit auch genügend Platz für alle kleinen Reisenden vorhanden ist. Auf ihre Anfrage habe sie von der ODEG folgende Antwort erhalten: „Auf Grund eines oftmals erhöhten Fahrgastaufkommens und begrenzter Kapazitäten in unseren ODEG-Zügen sind bis auf weiteres keine Gruppenanmeldungen und Anmeldungen von Fahrradgruppen mehr möglich.“ Weil die Leiterin dies nicht glauben konnte, meldete sie sich noch einmal telefonisch bei der ODEG. „Schwer genug, da einen Ansprechpartner zu finden“, sagt die Kita-Leiterin. „Auf die Frage, wie ich reagieren sollte, wenn wir an dem Morgen am Bahnhof stehen und der Zug sehr voll ist, erhielt ich die Antwort: „Dann müssen Sie halt eine Hälfte der Gruppe stehen lassen“, erzählt Nina Exner.

Kita-Erzieher und Leiterin sind fassungslos nach dieser Antwort. Sie wenden sich an die Stadtverwaltung, die allerdings wenig machen kann, wie Ina Kokel, Referatsleiterin für Soziales, einräumt. „Wir werden uns noch einmal an das Unternehmen wenden“, sagt sie. Sie selbst habe auch keine Lösung; könne auch nicht glauben, dass das Unternehmen keine Plätze frei halten kann. „Wenn dies so ist, dass die ODEG nichts tun kann, ist das ein weiteres Beispiel dafür, wie Menschen auf dem Land abgehängt werden“, sagt sie. Wer nämlich in einer größeren Stadt wohnt, fährt mit dem Bus oder der Straßenbahn ins Kino.

ODEG bestätigt: Keine Garantie!

ODEG-Geschäftsführer Arnulf Schuchmann kann sich in die Lage der Erzieher gut hineinversetzen, versteht ihren Ärger. „Wir können jedoch nicht zusichern, dass die Plätze frei sind“, erklärt er auf TAGEBLATT-Nachfrage. Wenn ein Zug belegt ist, könnten die Wartenden nicht mehr rein. Das sei bei Busunternehmen auch so. „Wir können auch keine Plätze reservieren, weil wir kein Reservierungssystem haben“, sagt Schuchmann. Auch einen weiteren Waggon anhängen funktioniere nicht. „Erstens haben wir keinen weiteren Anhänger und zweitens steht die Frage im Raum, wer dies bezahlen sollte.“ Man mache sonst alles für die Kundschaft möglich, hier aber sei die Sache „unabänderbar“. Schuchmann schlägt vor, die Gruppe zu teilen, „dann wäre die Wahrscheinlichkeit höher, dass alle nach Görlitz kommen“.

Keine Lösung absehbar

Das aber bedeute hohen Aufwand für Erzieher. Denn was machen sie mit den Kids in Görlitz, bis die zweite Gruppe eine Stunde später hinterherkommt? „Kinder können kostenlos mit dem Zug fahren“, sagt Nina Exner und fragt, „aber was kostet es die Eltern, wenn wir zwei Busse für die Kinder und die 15 Betreuer bestellen?“ Ganz abgesehen von der Frage, ob so kurzfristig Busse zu bekommen sind.

„Es wäre wirklich schade, wenn das Kino für die Kinder ausfällt“, sagt Ina Kokel. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass hier wohl ein generelles Beförderung-Problem im ländlichen Raum vorliege. „Trotzdem brauchen wir bis Montag eine Lösung, sonst sagen wir ab.“