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Dienstag, 03.07.2018

Kettensäge oft zu schnell parat

Es gibt immer weniger Bäume entlang von Straßen. Dieser sachsenweite Trend macht vor der „grünen Stadt“ Großenhain nicht halt.

Von Jörg Richter

Martin Reichel vom Stadtbauhof fällte letzte Woche eine kranke Kastanie auf der Mozartallee in Großenhain. Hier blieb nichts anderes übrig, als die Radikalmethode. Andernorts sei man aber zu schnell dabei, Straßenbäume zu fällen, argumentieren die Grünen.
Martin Reichel vom Stadtbauhof fällte letzte Woche eine kranke Kastanie auf der Mozartallee in Großenhain. Hier blieb nichts anderes übrig, als die Radikalmethode. Andernorts sei man aber zu schnell dabei, Straßenbäume zu fällen, argumentieren die Grünen.

© Kristin Richter

Großenhain. Großenhains Bäume haben es nicht leicht. Erst in der vergangenen Woche sind zwei Rosskastanien auf der Mozartallee notgefällt worden, weil sie krank und kahl waren. Ein heimtückisches Bakterium hatte sie befallen, verursachte eine Pilzerkrankung und ließ sämtliche Blätter fallen. Während die Stadtverwaltung interessiert ist, für die gefällten Bäume irgendwann Ersatz zu pflanzen, haben es Alleen und Baumreihen entlang von Landstraßen wesentlich schwerer, ihr Erscheinungsbild zu bewahren. Und daran haben noch nicht einmal der Pfingsttornado 2010 und die Stürme der zurückliegenden zwölf Monate ihre Schuld.

Wie aktuelle Zahlen aus dem sächsischen Verkehrsministerium bestätigten, geht landesweit die Zahl der Straßenbäume immer weiter zurück. Das ergab eine Kleine Anfrage des Grünen-Landtagsabgeordneten Wolfram Günther. Demnach wurden zwischen 2010 und 2017 an sächsischen Bundes- und Staatsstraßen rund 60 000 Bäume gefällt, im gleichen Zeitraum aber nur rund 22 000 Straßenbäume wieder gepflanzt. Für den Landkreis Meißen stehen 4555 gefällte und 1176 neu gepflanzte Straßenbäume zu Buche. Den absoluten Tiefpunkt bei den Neupflanzungen gab es 2015. Da wurden im gesamten Landkreis Meißen nur 13 Bäume an Bundes- und Staatsstraßen neu gepflanzt. Im vergangenen Jahr waren es immerhin wieder 76.

Pi Mal Daumen stimmt die Regel, dass nur jeder dritte gefällte Straßenbaum einen Nachfolger erhält. „Das ist ein dramatischer Verlust!“, erklärt Wolfram Günther, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Sächsischen Landtag. „Dabei schaut die Staatsregierung dem Kettensägenmassaker zunehmend apathischer zu.“

Die Baumbestände entlang von Straßen werden immer mehr ausgedünnt. „Dieser Trend geht unvermindert weiter“, kritisiert Günther. „Die Zahl der Neupflanzungen reicht noch nicht einmal aus, um den massiven Baumverlust zu bremsen, geschweige denn, den Baumbestand zu erhöhen.“ – Nur ein Trend? Oder bewusster Rückbau des Straßenbaumbestandes?

Das Landratsamt Meißen verweist auf das Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) als zuständige Behörde, was die Bäume an Bundes- und Staatsstraßen betrifft. „Wir sind nur der Dienstleister“, sagt Landkreissprecherin Kerstin Thöns. „Das Lasuv beauftragt uns beispielsweise mit Neupflanzungen oder auch Fällungen. Die Begutachtung und Entscheidung trifft aber das Landesamt.“

Lasuv-Sprecherin Isabell Siebert betont, dass Straßenbäume nur von den Straßenmeistereien der Landkreise gefällt werden, wenn sie krank, alt und verkehrsgefährdend sind und keine andere Abhilfe verfügbar sei. „Straßenbäume sind zudem nicht ersatzpflichtig, wenngleich die Landkreise und auch wir als Baulastträger das aus landschaftspflegerischen Gründen dennoch anstreben“, versichert die Pressesprecherin.

Sie verweist darauf, dass die Umweltbilanz besser ist, als es die nachgefragte Statistik des Verkehrsministeriums vermuten lässt. Viele Bäume, die an Straßen gefällt werden müssen, würden abseits der Straßenränder ersatzgepflanzt. Dabei handele es sich oft um Straßenbäume, die Baumaßnahmen weichen müssen, um Baufreiheit zu erhalten. Inzwischen würden, so Isabell Siebert, rund fünf Prozent der Baukosten für jedes Aus- und Neubauvorhaben für Umwelt- und landschaftspflegerische Arbeiten aufgewendet.

Günther hält dagegen. „Im Landkreis Meißen zeigt sich ein katastrophales Bild: Langfristig hat der Landkreis den zweitgeringsten Anteil an Nachpflanzungen an Straßenbäumen an Staats- und Bundesstraßen seit 2010 im Vergleich aller sächsischen Landkreise“, sagt er. Schlimmer sehe es nur im Landkreis Mittelsachsen aus.

In der Stadt Großenhain ist man sich dieses Problems bewusst. „Wir haben ein großes Interesse daran, Pflanzstandorte mit Bäumen zu belegen, inner- wie außerorts“, sagt Stadtsprecherin Diana Schulze. Voraussetzung sei allerdings, dass ausreichend Wurzelraum und Platz im Verkehrsraum zur Verfügung stehen. An vielen Straßen und landwirtschaftlichen Wegen außerhalb von Ortschaften sei die Hauptursache einer Nichtwiederbepflanzung die Eigentumsfrage. Entsprechende Vorschriften geben Pflanzabstände zum Straßenbereich vor, wonach häufig kaum bis gar kein Platz mehr für eine Neupflanzung verbleibt. „Als Stadt freuen wir uns über Privatinitiativen wie in Kleinthiemig oder Skäßchen, die mit dem Einverständnis der Anlieger Baumpflanzungen durchgeführt haben“, so die Stadtsprecherin.

Bei Privatinitiativen will es Grünen-Faktionschef Günther nicht belassen. „Straßenbäume sind nicht nur von hoher ökologischer Bedeutung, sondern als Baumalleen auch landschaftsprägend. Leider haben sie bei der sächsischen Staatsregierung keine Lobby.“ Schnell sei die Säge angesetzt, um Bäume als Hindernis für Baumaßnahmen oder aus Gründen der Verkehrssicherung zu beseitigen.