erweiterte Suche
Dienstag, 10.07.2018

Keine Lust aufs Handwerk

Hände schmutzig machen? Junge Leute in Görlitz gehen lieber ins Büro. Entsprechend schwer finden Firmen Lehrlinge.

Von Frank-Uwe Michel

Roberto Franke, Silvio Obermann und Emil Mykala (v. l.) von der Firma Bürgel & Schulze Haustechnik Markersdorf arbeiten beim Wohnprojekt G22 in Königshufen die Bäder auf. Berufsnachwuchs in den sogenannten „schmutzigen“ Handwerksberufen zu finden, ist nicht leicht.
Roberto Franke, Silvio Obermann und Emil Mykala (v. l.) von der Firma Bürgel & Schulze Haustechnik Markersdorf arbeiten beim Wohnprojekt G22 in Königshufen die Bäder auf. Berufsnachwuchs in den sogenannten „schmutzigen“ Handwerksberufen zu finden, ist nicht leicht.

© Pawel Sosnowski

Die Auftragsbücher der Handwerksbetriebe sind überwiegend voll, auch im Raum Görlitz und Niesky ist das so. Inzwischen freuen sich Bauherren sogar, wenn ihre Anliegen einigermaßen zeitnah bearbeitet werden. Doch die Wartezeiten könnten bald noch länger werden. Denn es mangelt an Nachwuchs, der zum einen geeignet und zum anderen auch noch interessiert ist. Die SZ hat nachgefragt, ob und warum es die traditionellen Handwerksbranchen gegenwärtig so schwer haben, Lehrlinge zu finden.

Jobcenter: Kenntnis über Berufsfelder bei jungen Leuten zu wenig ausgeprägt

Die Besetzung der Ausbildungsstellen im Landkreis Görlitz gestaltet sich laut Felix Breitenstein, dem Leiter des Jobcenters, insgesamt schwierig. Aktuell haben nur 503 von 1 533 gemeldeten Bewerbern einen Lehrvertrag unterschrieben. Abzüglich der Jugendlichen, die sich weiter schulisch bilden lassen oder direkt einen Job beginnen wollen, gibt es noch 894 Bewerber, die unter 1 109 freien Lehrstellen wählen können. Abgesehen vom Kfz-Mechatroniker auf Platz drei befindet sich keine einzige der sogenannten „unsauberen“ Handwerksbranchen in den Top Ten der beliebtesten Ausbildungsberufe im Kreis. Felix Breitenstein führt das unter anderem auf geringe Kenntnisse der jungen Leute über die jeweiligen Berufsfelder zurück. Den Unternehmern helfen soll dabei die vom Landkreis herausgegebene neue Broschüre „Wie bewerbe ich mich bei meinem Azubi“. Außerdem trage das persönliche Kennenlernen von Firmen positiv zur Berufswahl bei. Betriebe sollten unterschiedliche Wege nutzen, um sich bekannt zu machen: in Printmedien, sozialen Netzwerken, aber auch bei Azubi-Speed-Datings und auf der jedes Jahr stattfindenden Insider-Messe.

Handwerkskammer: Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge steigt

Nach Angaben der auch für den Landkreis Görlitz zuständigen Handwerkskammer Dresden ist die Kehrtwende in der Lehrlingsausbildung dagegen schon geschafft. Sprecher Daniel Bagehorn: „Seit fünf Jahren steigt die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge.“ Der positive Trend gelte insbesondere auch für die sogenannten „unsauberen“ Berufe, also für Tischler, Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Maler und Lackierer sowie Fliesen-, Platten- und Mosaikleger. Allein die Zahl der Tischlerlehrlinge sei im Landkreis Görlitz von 2015 bis 2017 von 18 auf 26 gestiegen, die der Maler habe sich von fünf auf zehn verdoppelt, bei den Anlagenmechanikern sei der Zuwachs von fünf auf 21 am größten gewesen. Dass sich immer weniger Jugendliche für diese Berufe interessierten, stimme einfach nicht, wenngleich es auch noch offene Lehrstellen gebe. Um sie zu besetzen, werde zum Beispiel in Schulen und auf Messen geworben. Auch die aktuelle Plakat-Kampagne unter dem Slogan „Wieder mal die Welt gerettet“ gehe in diese Richtung. Die Anforderungen an die Mitarbeiter in den Handwerksbetrieben würden kontinuierlich steigen, was die Berufe an sich interessanter mache, so Bagehorn.

Kreishandwerkerschaft: Akzeptanz in der Gesellschaft muss besser werden

Weit weniger positiv stellt sich die Situation für Kreishandwerksmeister Knut Scheibe dar: „Das Handwerk hat in Gesellschaft und Politik zu wenig Lobby.“ Und er schimpft auf die in seinen Augen verfehlte Bildungspolitik: „Früher gingen vielleicht fünf Prozent der Schüler aufs Gymnasium. Das waren Spitzenleute und die anderen schauten ehrfurchtsvoll zu ihnen auf. Wer heute nicht ans Gymi geht, gilt doch fast schon als asozial.“ Hier müsse dringend ein Umdenken einsetzen, nur die Elite solle wirklich den höchsten Bildungsweg gehen. Abgesehen von der Kfz-Branche hätten alle anderen Richtungen extreme Probleme. So würden zum Beispiel Klempner, Metallbauer oder Tischler viel zu wenige Lehrlinge finden. Aber auch hier werde, so Scheibe, inzwischen gutes Geld verdient. Vieles, besonders im Maschinenpark, laufe nur noch mit Hightech ab. „Dabei ist geistige Beweglichkeit gefragt.“ Die Betriebe selbst könnten für mehr Begeisterung unter den Jugendlichen natürlich auch einiges tun: „Praktika anbieten oder die Teilnahme beim Insider-Treff des Landkreises helfen schon viel.“ Allerdings appelliert Scheibe auch an die Eltern, bei ihren Kindern für eine größere Akzeptanz des Handwerks zu sorgen.

Handwerksbetriebe: Schulsystem bedarf dringend einer Veränderung

Jens Elsner sieht einen der Gründe für die schwierige Lehrlingssituation in der seiner Meinung nach verfehlten Schulpolitik. „Wer sich schon am Ende der vierten Klasse entscheiden muss, dem werden die Eltern immer sagen – auch wenn es nur gerade so möglich ist: Du gehst aufs Gymnasium. Wer das Abi dann aber nur mit vier schafft, der sollte sich nicht zum Studium berufen fühlen, der kann auch eine Lehre machen“, ist der Geschäftsführer der Schlaurother EBS Elektroinstallation und Blitzschutz-Service GmbH überzeugt. Und er regt einen Numerus clausus fürs Gymi an: „2,0 und gut. Wer das nicht schafft, kann nicht dorthin.“ Sicher, als Elektriker müsse man zum Teil schwere Arbeiten verrichten. Aber schon das Lehrlingsgeld von 750 Euro im ersten Ausbildungsjahr könne sich sehen lassen. Elsner fordert deshalb, die Berufsorientierung bei Kindern und Jugendlichen endlich zu verbessern. „Statt Stundenausfall in der Schule wäre ein kurzfristiges Praktikum sinnvoller. Um Ferienarbeit bemüht sich ja schon lange keiner mehr.“

Ob es der Zeitgeist ist, die Erziehung oder ob es noch andere Gründe gibt – Siegmund Schulze, Geschäftsführer der Bürgel & Schulze Haustechnik GmbH in Markersdorf kann sich nicht so recht festlegen. Er fasst das Dilemma so zusammen: „Möglichst viel Freizeit, wenig harte Arbeit, aber viel Geld am Ende des Monats – alles zusammen gibt es im Handwerk eben nicht.“ Immerhin sei man Dienstleister und müsse sich an Kundenwünschen orientieren. Trotz der IT-Affinität vieler Jugendlicher sei es wichtig, im Sinne des Handwerks gegenzusteuern: „Denn wir haben doch eine interessante Arbeit, Unser Job ist spannend und abwechslungsreich.“ Überhaupt habe das Handwerk, gerade in der Haustechnik, in der letzten Zeit eine dramatische Entwicklung vollzogen: „Nach dreieinhalb Jahren Lehre haben sich die jungen Leute nur einen Bruchteil des nötigen Wissens aneignen können. Im Beruf gilt es dann, ständig hinzuzulernen.“

Sabine Vetter vom gleichnamigen Malerbetrieb in Niesky sieht die Schwierigkeiten mit dem Lehrlingszustrom schon in der Zeit nach der Wende begründet. „Parallel zur Umstellung des Schulsystems auf Gymnasien und Mittelschulen ging das Interesse an Handwerksberufen zurück. In der Folge wurden auch Strukturen der Lehrlingsausbildung zurückgebaut.“ Jetzt sei die Situation angespannt, das Rad zurückzudrehen aber immens schwierig. „Der Zeitgeist geht hin zum Digitalen. Kinder wachsen mit Computerspielen auf, in diese Richtung regt sich das Interesse.“ Gleichzeitig werde es in den Firmen immer komplizierter, Lehrlinge bei bestimmten Arbeiten einzusetzen. „Die Löhne müssen erwirtschaftet werden, da geht alles nach Zeit und Leistung.“ Es seien viele Faktoren, die die Nachwuchsgewinnung aktuell so schwierig machten.

Starthilfe:

Brückenkurs: Künftige Lehrlinge können vom 30. Juli bis 3. August einen von der Handwerkskammer organisierten Brückenkurs in Anspruch nehmen. Dabei erhalten die Teilnehmer Informationen zum Ablauf des Ausbildungsalltages, den Anforderungen der Ausbildungsbetriebe und der Berufsschulen. Mathematische Kenntnisse werden aufgefrischt und berufsbezogene Grundlagen trainiert. Die Teilnahme ist kostenfrei. Anmeldung: Tel. 0351 8087552, E-Mail: annegret.umlauft@hwk-dresden.de