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Samstag, 05.08.2017

Keine Angst mehr

David Sickert verunglückte vor 14 Jahren auf der Straße nach Kleinthiemig. Mit dem Handbike fährt er dort entspannt entlang.

Von Jörg Richter

David Sickert aus Bauda mit dem Handbike auf dem Radweg von Kleinthiemig nach Großenhain. Auf dieser Straße wurde er als 17-Jähriger mit seinem Fahrrad von einem Auto überfahren.
David Sickert aus Bauda mit dem Handbike auf dem Radweg von Kleinthiemig nach Großenhain. Auf dieser Straße wurde er als 17-Jähriger mit seinem Fahrrad von einem Auto überfahren.

© Klaus-Dieter Brühl

Bauda/Kleinthiemig. Etwas waghalsig ist er immer noch. Allerdings ungewollt. Wenn David Sickert mit seinem Handbike die Landstraßen zwischen seinem Heimatort Bauda und Großenhain entlang fährt, ist ihm nicht wohl dabei. Er bevorzugt Radwege. Die sind ihm lieber, weil ungefährlicher. Der 30-Jährige hat schon darüber nachgedacht, sich einen Wimpel hinten an sein dreirädriges Gefährt zu schrauben, auch wenn das so ziemlich albern nach ABC-Schütze aussieht. Aber immerhin würde er so schon von Weitem von Autofahrern gesehen. Außerdem fahren selbst Handbike-Profis mit solchen Fähnchen, um sich auf Straßen auf große Wettkämpfe vorbereiten zu können und bemerkbar zu machen. Also warum nicht auch er?

An unübersichtlichen Stellen, wie zum Beispiel die enge Kurve an der Neumühle bei Skassa, fährt bei David Sickert immer etwas Angst mit, übersehen werden zu können. So wie damals im Dezember 2003. Genau eine Woche vor Heiligabend geschah der Unfall, der von einem auf den anderen Moment sein Leben veränderte.

Damals war David Sickert gerademal 17 Jahre. Er hatte erst drei Monate zuvor eine Fleischerlehre begonnen. Sein Traumberuf. Auch weil es der Beruf seines Vaters Silko ist, der in Bauda eine Schlachterei betreibt. David wollte ihm nacheifern, die Familientradition übernehmen. Doch dann geschah das Unglück.

An jenem 17. Dezember 2003 kam David Sickert von der Berufsschule in Dresden. Mit dem Zug am Cottbuser Bahnhof angekommen, wollte er mit dem Fahrrad auf dem schnellsten Weg zurück nach Hause. Es war schon dunkel. Als er aus der Stadt heraus war, zog Nebel auf. Die Sicht war schlecht. Auf der Straße nach Walda-Kleinthiemig näherten sich plötzlich Autos von hinten. „Das Erste hat mich noch gesehen, das Zweite nicht mehr“, erzählt er. „Es hat mich voll mit dem Außenspiegel erfasst.“ Viel mehr weiß er selbst nicht.

Zwei Tage später stand im Polizeibericht in der SZ Großenhain, das ihn ein 61-jähriger Renault-Fahrer erfasst hatte. Doch den Mann traf keine Schuld. Der 17-Jährige hatte kein funktionierendes Licht am Rad. Heute weiß David Sickert, dass das dumm war.

Durch die Wucht des Aufpralls flog er nach vorn und landete mit dem Kopf auf der Motorhaube. „Ich war zum Glück sofort im Koma und habe nichts mitbekommen“, sagt David Sickert und kann dabei sogar etwas lächeln. Dabei hätte es das Ende seines noch jungen Lebens bedeuten können. Mehr als 20 Minuten stand sein Herz still, musste reanimiert werden.

Ein Rettungshubschrauber flog ihn in die Uniklinik Dresden, wo er operiert und ins künstliche Koma versetzt wurde. Knapp zwei Monate blieb er in Dresden, ehe er in die Bavaria-Klinik in Kreischau verlegt wurde. Zur Reha. „Erst dort bin ich aus dem Koma aufgewacht“, sagt er. Zwei Monate seines Lebens fehlen. Aber immerhin hat er noch eines.

Elf Monate musste er in Kreischa bleiben. Sein Vater Silko besuchte ihn so oft er konnte. Und seine Oma Heidi kümmerte sich dort rund um die Uhr um ihn. „Sie haben mir sehr viel Rückhalt gegeben“, sagt David Sickert. „Ohne sie hätte ich es nicht geschafft, wieder einigermaßen mobil zu werden.“ Außerdem wollte er ja immer noch Fleischer werden. Dieser Wunsch trieb ihn an. Und auch etwas Scham spielte beim Heilungsprozess eine wichtige Rolle. „Es war mir peinlich, wenn mir junge Schwestern beim Anziehen helfen mussten“, erzählt er. Das wollte er doch so schnell wie möglich wieder alleine können. Doch bis dahin sollten noch sechs Jahre vergehen.

Jetzt kann er sogar wieder alleine stehen. Aber nur für kurze Zeit. Sein rechtes Bein ist nicht so lange belastbar. „Es gibt immer noch kleine Verbesserungsmöglichkeiten“, sagt David Sickert. „Ganz wie früher wird es nie wieder.“ Aber er ist ein Kämpfer und eine Frohnatur.

Das wissen die Leute in Bauda und Umgebung. Viele Menschen grüßen ihn, wenn sie ihn mit seinem Handbike durch die Dörfer fahren sehen. Das Gefährt, das per Armkraft angetrieben wird, hat er vor ein paar Jahren von seiner Berufsgenossenschaft erhalten. Jeden Tag ist er damit mindestens zwei, drei Stunden unterwegs. „Ich lasse mich nicht gerne hängen“, sagt er. Seine Oberarme sind Beweis dafür, dass er ziemlich fit ist. Zudem geht er regelmäßig in den Großenhainer Fitnessverein KAB. Und bis zu drei Stunden am Tag darf er im Büro der Schlachterei Sickert mitarbeiten. Auch das gehört für ihn zum Weg zurück in die Eigenständigkeit. Als Nächstes möchte er Rollstuhlbasketball lernen. Dazu hat er sich bereits bei einem Dresdner Verein angemeldet. Er bleibt aktiv – trotz Behinderung.

Die Straße von Kleinthiemig nach Großenhain, auf der sich vor knapp 14 Jahren sein Leben veränderte, fährt er heute mit am liebsten. Denn sie besitzt seit einem Jahr einen Radweg. Und wenn er ab und zu vom 17. Dezember als seinen zweiten Geburtstag spricht, so meint er es nicht wirklich ernst. Für David Sickert gibt es nur einen Geburtstag: den 19. August 1986.