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Dienstag, 12.06.2018

Kein Showprogramm, sondern das Original

Von Silke Richter

Kartoffeln spielten damals nicht nur auf dem Feld, sondern auch in vielen Kochtöpfen eine entscheidende Rolle. Die kohlenhydratreichen Knollen mach(t)en satt und gaben / geben Kraft. Das war entscheidend, um die körperlich schwere Arbeit auf den Feldern leisten zu können.Foto: Silke Richter
Kartoffeln spielten damals nicht nur auf dem Feld, sondern auch in vielen Kochtöpfen eine entscheidende Rolle. Die kohlenhydratreichen Knollen mach(t)en satt und gaben / geben Kraft. Das war entscheidend, um die körperlich schwere Arbeit auf den Feldern leisten zu können.Foto: Silke Richter

Essen am Feldrain. Wer diese Einladung liest und es bislang noch nie geschafft hatte live dabei zu sein, könnte vielleicht eine falsche Vorstellung von dieser Tradition haben. Sitzen da tatsächlich Dorfbewohner und Besucher an einem Feldrand, um „nur“ gemeinsam zu reden, zu essen und vielleicht in Erinnerungen an frühere Zeiten zu schwelgen?

Einst blieb die Küche sommers kalt

Der Vorsitzende der hiesigen sorbischen Trachtengruppe, Uwe Schuster, gibt Antwort: „Ein direktes landwirtschaftliches Feld gibt es bei der Veranstaltung nicht. Aber alles andere schon“, erklärt er und spannt den Bogen in die Vergangenheit, in der sich die Dorfbewohner größtenteils mit Feldarbeit ihr Lohn und Brot verdienten und kleine Jungen wie er bei der Kartoffellese mithalfen und nach getaner Arbeit Knollenfrüchte auf Stöcke aufgespießt wurden um diese über dem Feuer zu garen. Denn Zeit, um Essen zu kochen, blieb in den Sommermonaten nicht. Deshalb blieben auch viele Küchen kalt und die Pausen wurden, um wertvolle Arbeitszeit sparen zu können, direkt am Feldrand eingelegt. Pizzadienste, Catering und Dönerschnellimbissbuden gab es damals ja noch nicht.

Seit 23 Jahren „im Geschäft“

Genau deshalb wolle man jene damalige Feldatmosphäre mit dieser Tradition des „Essens am Feldrain“ wieder ein Stück aufleben lassen und den nächsten Generationen weitergeben, um sie auch Künftigen erhalten zu können, meinte Uwe Schuster, der am Sonntag mit vielen Helfern das Gelände rund um die Alte Schule dafür vorbereitet hatte.

Diese Veranstaltung, die auch gleichzeitig als Vereinsfest genutzt wird, gibt es bereits seit 23 Jahren. Eigentlich findet sie immer am ersten Juni-Wochenende statt. Doch in diesem Jahr habe man der Stadt Hoyerswerda dafür den Vortritt beim 750-Jahr-Festgeschehen überlassen, damit nicht alle Veranstaltungen an einem Tag stattfinden. Der Plan ging auf. Nutzten doch wieder hunderte Besucher das Angebot, bei dem neben dem typischen „Feld-Essen“ viele weitere Erinnerungen mit Leben erfüllt wurden. So zeigten Männer, wie einst Gerätschaften für die Feldarbeit hergestellt wurden. Damals zählte noch stabile Handarbeit, deren Erzeugnisse möglichst lange halten mussten, um in erster Linie den Bedingungen der schweren Arbeit bei jeglichen Witterungsbedingungen standhalten zu können.

Steven Gutsche war einer der Handwerker, die den Besuchern präsentierten, wie Harken aus Holz damals hergestellt wurden. Ein herrlicher Anblick, als zwei Frauen in sorbischer Arbeitstracht und weißen Kopftüchern auf modernen Fahrrädern über das Festgelände fahren. Eine Dame wird gleich noch einmal verschwinden, um einen der vielen übereinander getragenen Röcke wieder auszuziehen. Denn für das Tragen der kompletten Tracht, die aus mehreren Röcken besteht, ist es am Sonntagnachmittag einfach viel zu warm. Dennoch legen die Damen viel Wert auf das korrekte Gesamtbild. Dazu gehört auch, dass der Rand des Unterrockes nicht unter dem Hauptrock hervorschauen sollte. Auch die Bluse, verziert mit typischem Blaudruckmuster, muss richtig sitzen. Hier und da streichen sich die Frauen deshalb die ein oder andere Falte in den Kleidungsstücken sorgsam heraus, bevor sie mit ihrer Arbeit fortfahren.

Das ist kein Imbissstand!

Heike Gutsche betreut einen Essensstand. Keinen Imbissstand! Das ist ihr wichtig. Hier gibt es typisch sorbische Gerichte wie Pellkartoffeln mit Zwiebeln, Quark und Leinöl. Aber auch Nudeln mit Bolognese. Man komme schließlich nicht drumherum, auch die gegenwärtigen Lieblingsspeisen zahlreicher Kinder mit ins Angebot zu nehmen, begründet die 45-Jährige, die an diesem Tag vorrangig als sogenannte Nudelfrau tätig ist und für Nachschub sorgen wird. Katrin Speisekorn ist hingegen für das Anrühren des Quarks zuständig.

Quark braucht seine Zeit

Das braucht etwas Zeit. Dieser sollte, um richtig zu schmecken, nämlich gut durchgezogen sein, bevor er auf den Tellern der Besucher serviert wird. Das Tragen der Tracht erfüllt Heike Gutsche jedes Mal aufs Neue mit Stolz: „Wir leben die sorbischen Traditionen bei Festen wie diesen sehr gern. Dazu gehört auch das Tanzen. Wir sind dabei nicht perfekt, aber das müssen wir ja auch nicht sein. Es soll ja kein Showprogramm, sondern gelebte Tradition sein“, bekräftigt die 45-Jährige.

Am Abend, als der Festtrubel vorbei war, wanderte die Tracht von Heike Gutsche nach der Reinigung wieder sorgfältig zusammengelegt in den Schrank. Bis zum nächsten festlichen Höhepunkt.