erweiterte Suche
Donnerstag, 13.09.2018 Aus dem Gerichtssaal

Kein Motiv für einen gezielten Angriff

Eine 24-Jährige musste sich dafür verantworten, weil sie ihren Hund nicht im Griff hatte. Es war ein schwerer Vorwurf. Sie soll den Rottweiler auf eine 19-jährige Asylbewerberin aus Äthiopien gehetzt haben.

Von Alexander Schneider

Blick auf die Haltestelle Merianplatz in Gorbitz.
Blick auf die Haltestelle Merianplatz in Gorbitz.

© Sven Ellger

Es waren schockierende Schlagzeilen, die im Januar bundesweit den Fokus wegen einer rassistischen Tat nach Dresden richteten. Eine Frau soll ihren Rottweiler auf eine 19-jährige Asylbewerberin aus Äthiopien gehetzt haben. Die Ermittlungen übernahmen sofort Staatsschützer des Landeskriminalamtes. Der schwere Vorwurf – gefährliche Körperverletzung – hatte sich jedoch nicht nachweisen lassen. Die 24-jährige Hundehalterin stand daher am Mittwoch nur wegen fahrlässiger Körperverletzung vor dem Amtsgericht Dresden.

Laut Anklage war die 24-Jährige – kein Beruf, keine Arbeit – am Merianplatz in eine Straßenbahn der Linie 7 gestiegen. Als der Ball ihres Hundes aus der Bahn kullerte, habe sie die Hundeleine losgelassen und sei dem Ball hintergergelaufen. Ihr Hund folgte und habe die 19-Jährige angesprungen. Die Asylbewerberin habe unter anderem Schürfwunden erlitten. Die 24-Jährige machte zunächst gar keine Angaben, weder zu den Vorwürfen, noch zu ihren Lebensverhältnissen. Ihre Facebook-Seiten strotzen vor ausländerfeindlichen Beiträgen, ganz offensichtlich teilt sie gerne Berichte angeblicher Gewalttaten von Ausländern dubioser Quellen.

Die 19-jährige Geschädigte berichtete, dass einer ihrer beiden Begleiter von einem Mann beleidigt wurde, als sie an jenem 9. Januar aus der Bahn gestiegen seien. Der 33-Jährige war der Freund der Angeklagten. Ein Verfahren wegen Beleidigung gegen ihn wurde angesichts einer Verurteilung wegen ebenfalls rassistisch motivierter Körperverletzung eingestellt.

Auch andere Zeugen beschrieben die Situation an der Straßenbahn-Tür als einen Tumult. Die 19-Jährige sagte, sie sei weitergegangen. Plötzlich habe sie der Hund von hinten erwischt, sie sei gestürzt. Das Tier habe ihr auch die Jacke zerbissen. Sie habe zunächst an einen Unfall geglaubt. Da sich die Angeklagte jedoch nicht um sie gekümmert, sondern sogar ihren Hund gelobt habe, sei sie davon ausgegangen, die Frau habe den Hund auf sie gehetzt.

Eine andere Zeugin sagte, sie habe den Streit an der Tür beobachtet, dann sah sie die 19-Jährige am Boden laut schreien. Der Hund sei jedoch an der Frau vorbeigelaufen. Die 22-jährige Asylbewerberin, die mit der 19-Jährigen unterwegs war, sagte dagegen, der Hund habe die Frau angesprungen und auch ihre Jacke im Maul gehabt.

Ob der Hund die Frau nun tatsächlich angesprungen hat, blieb offen. In einem Rechtsgespräch einigten sich die Beteiligten auf eine vorläufige Einstellung des Verfahrens. Als Auflage muss die Angeklagte der 19-Jährigen 300 Euro Schadenswiedergutmachung zahlen. Die 24-Jährige entschuldigte sich bei der Frau und versuchte aus ihrer Sicht – schwer nachvollziehbar – zu erklären, wie es zu dem Vorfall gekommen war. Später sagte der Richter, es sei ärgerlich, die Sache nicht klären zu können. Auf einem Bahn-Video seien sehr viele Zeugen zu sehen, doch kaum einer habe sich gemeldet. Die Angeklagte ist nicht vorbestraft, ein Motiv, ihren Hund auf die Frau gehetzt zu haben, sei nicht erkennbar. Es bleibe daher bei einer fahrlässigen Tat. Hätte sich die Hundehalterin vor Ort um die Geschädigte gekümmert, wäre es wohl nie zu diesem Verfahren gekommen.