erweiterte Suche
Donnerstag, 30.03.2017

Kein Frühlingserwachen fürs Lilienstein

Vorbei mit der Dreieinigkeit auf Dresdens Prager Straße: Königstein und Bastei müssen jetzt ohne ihren Drilling Lilienstein auskommen. Deshalb fallen jetzt über 300 Betten im Zentrum weg.

Von Sandro Rahrisch

Nach 48 Jahren ist im Hotel „Lilienstein“ Schluss. Die Zukunft des Hauses ist unklar.
Nach 48 Jahren ist im Hotel „Lilienstein“ Schluss. Die Zukunft des Hauses ist unklar.

© Sven Ellger

Wer es im DDR-Politbetrieb zu etwas gebracht hatte, stieg im Newa ab. Für Gewerkschaftsmitglieder war das Bastei-Hotel reserviert. Und Gäste aus dem sozialistischen Ausland durften in den benachbarten Zwölfgeschossern „Königstein“ und „Lilienstein“ nächtigen. Plan-Tourismus auf der Prager Straße. Im Gegensatz zur DDR haben die Platten-Herbergen überlebt, bis heute zumindest. Der Betreiber der drei Ibis-Häuser, die Kölner Event-Gruppe, hat das „Lilienstein“ neben der Centrum-Galerie bereits zum Jahresende geschlossen, wie das Unternehmen erst jetzt mitteilt. „Es gehört in Zukunft nicht mehr zum Hotelkomplex“, heißt es.

Wahrscheinlich ist es in den letzten Jahren immer schwerer geworden, die fast 1 000 Betten in allen drei Häusern zu belegen, da im Zentrum zahlreiche neue Hotels eröffnet haben. Das Unternehmen spricht offiziell von Marktveränderungen durch neue Mitbewerber. Wie gut besucht die Hotels im Herzen der Stadt sind, teilt „Event“ zwar nicht mit. Allerdings ist die Zimmerbelegung in ganz Dresden alles andere als gut. Sie lag im vergangenen Jahr bei durchschnittlich 65,5 Prozent. Pro Zimmer nahmen die Hoteliers 49,70 Euro ein. In keiner anderen großen deutschen Stadt verdienten die Betreiber weniger. Auch die Bettensteuer nennt das Unternehmen als einen Grund für die Schließung.

Was nun mit dem Haus passiert, ist unklar. Der Betreiber wollte sich auf Nachfrage nicht zu den weiteren Plänen äußern. Während „Event“ das Hotel lediglich betreibt, gehört die Immobilie seit Sommer vergangenen Jahres dem französischen Unternehmen „FDM Management“. Inzwischen ist dies der dritte Eigentümer innerhalb der letzten zwei Jahre. Zuvor hatten Amerikaner das Gebäude in ihrem Besitz. Für den Vorsitzenden des Tourismusverbands, Johannes Lohmeyer, sind derart häufige Wechsel kein Zeichen, dass die Geschäfte gut laufen. Als Drama will er die Schließung aber auch nicht bezeichnen. „In der Innenstadt gibt es ausreichend Hotelkapazitäten. Was da jetzt stattfindet, ist eine gewisse Marktbereinigung.“ Mit dem Aus des „Liliensteins“ fallen gut 300 Betten weg – von insgesamt über 22 000.

Die drei Ibis-Häuser entstanden zwischen 1967 und 1969 und gehörten früher zu den Interhotels der DDR. Bereits vor der Eröffnung waren sie auf Monate ausgebucht. Der Service reichte von der Autoreparatur über die Textilreinigung bis zur Ausleihe von Fotoapparaten. 80 Mark betrug üblicherweise der Übernachtungspreis. Nach der Wende wurden die Häuser Schritt für Schritt modernisiert. Die Weißeritzflut setzte 2002 Keller und Erdgeschosse unter Wasser. Ausgerechnet an jenem Tag, als die Hotels eine neue Sterneklassifizierung erhalten sollten. Schaden: rund fünf Millionen Euro. Die gesamte Haustechnik wurde zerstört. Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit gehen. Fast zwei Monate konnten keine Touristen einchecken. 2007 wurde im „Lilienstein“ der zweimillionste Gast begrüßt.

Bis zu 350 Mitarbeiter zählten die Hotels zu Bestzeiten. Zu ihnen hat unter anderem MDR-Sportreporter Gert Zimmermann gehört. Damals arbeitete er noch als Kellner. Auch Wolfgang Stumphs Ehefrau war dort beschäftigt, als Sekretärin. Von 1988 bis 1990 verantwortete Annett Fakas die Zimmerreservierungen für die Dresdner Interhotels. „Es ist einfach schade, dieses Haus zu schließen, ohne zu wissen, wie es damit weitergeht“, sagt sie. „Wenn schon nicht mehr als Hotel, so könnte das Gebäude doch zum Beispiel als Altersheim genutzt werden.“

Die beiden übrigen Häuser treten ab sofort unter dem Namen „Ibis Hotel Dresden Zentrum“ auf und bekommen eine gemeinsame Rezeption. Die zwei Restaurants für Frühstück und Halbpension bleiben bestehen. „Diese Veränderung lässt sich als Herausforderung und gleichzeitig als Chance sehen, um unsere Marktposition auszubauen“, sagt Hoteldirektor Antoni Knobloch. Auch die Sicherung der Arbeitsplätze habe oberste Priorität. Der gebürtige Dresdner leitet die Häuser seit 2007. Seine Hotellaufbahn begann er mit einer Ausbildung zum Restaurantfachmann – in einem Dresdner Interhotel.