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Samstag, 09.06.2018

Kapitän ohne Führerschein

Von Katrin Saft

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Das Bad mit e-Toilette, Waschbecken und Duscharmatur.
Das Bad mit e-Toilette, Waschbecken und Duscharmatur.
  • Das Bad mit e-Toilette, Waschbecken und Duscharmatur.
    Das Bad mit e-Toilette, Waschbecken und Duscharmatur.
  • Entschleunigen bei 9 km/h auf der Müritz-Havel-Wasserstraße.Fotos: Katrin Saft (3)/Kuhnle-Tours (4)
    Entschleunigen bei 9 km/h auf der Müritz-Havel-Wasserstraße.Fotos: Katrin Saft (3)/Kuhnle-Tours (4)
  • Prägt das Bild rings um die Müritz: Hausboote vom Typ Kormoran.
    Prägt das Bild rings um die Müritz: Hausboote vom Typ Kormoran.
  • Zum Sonnenuntergang mit einem Glas Wein am Oberdeck.
    Zum Sonnenuntergang mit einem Glas Wein am Oberdeck.
  • Geräumige Schlafkabine für zwei mit Innenschränken.
    Geräumige Schlafkabine für zwei mit Innenschränken.
  • Der beheizbare Salon mit Esstisch und Sofa.
    Der beheizbare Salon mit Esstisch und Sofa.
  • Herrin über 120 Boote: Dagmar Rockel-Kuhnle, die mit ihrem Mann zu den Hausboot-Pionieren an der Müritz gehört.
    Herrin über 120 Boote: Dagmar Rockel-Kuhnle, die mit ihrem Mann zu den Hausboot-Pionieren an der Müritz gehört.

Jetzt legen wir aber mal den Hebel auf den Tisch“, sagt Dagmar Rockel-Kuhnle. Drei Stunden lang hat sie Möchtegern-Skipper Axel erklärt, wie er ein schwimmendes Ferienhaus steuern kann, wie er drehen, ankern und einparken soll – ohne dabei die benachbarte Luxusjacht zu touchieren. Axel startet den Motor, seine Frau spielt die Leichtmatrosin und löst die Leinen. Die Kinder jubeln. Vorwärtsgang rein, und schon bewegt sich das Hausboot leise blubbernd aus der Marina. Axel korrigiert den Kurs mit dem Heckstrahlruder. Das Echolot zeigt 2,3 Meter Wassertiefe. Er schwitzt, denn er besitzt keinen Bootsführerschein. „Den braucht er auch nicht“, sagt Charterboot-Chefin Rockel-Kuhnle. „Für Hausboote mit bis zu 15 Metern Länge und maximal zwölf Personen reicht eine Einweisung. Und der gesunde Menschenverstand.“

Vor Axel und seiner Familie liegen sieben Tage Urlaub auf der Mecklenburgischen Seenplatte. Zwischen Schwerin und den Toren Berlins hat die letzte Eiszeit eines der größten und schönsten zusammenhängenden Wasserreviere Mitteleuropas geschaffen. Hunderte Seen reihen sich auf der Landkarte wie Kleckse aneinander. Verbunden durch Flüsse und Kanäle, ergeben sie ein Netz von Wasserstraßen, die abzufahren Wochen dauern würde. Seit die Ostseestrände immer voller werden, etabliert sich hier eine neue, entspannte Art von Bade- und vor allem Naturtourismus.

Axel hebt die Hand zum Gruß, als ein Floß mit unförmigem Überbau vorbeituckert. Schwimmende Übernachtungsstätten lassen sich vielerorts in allen erdenklichen Größen und Preisklassen mieten. Es ist sogar möglich, mit dem eigenen Wohnmobil auf ein Floß zu fahren und als Free Camper durch die Seenplatte zu reisen.

Axel hat sich für ein klassisches Hausboot vom Typ Kormoran entschieden. Jede der drei Schlafkabinen verfügt über eine eigene Nasszelle mit WC und fließend Warmwasser. Die Armatur lässt sich zur Dusche ausziehen. Der Salon mit Tisch und Sitzbank ist beheizbar und bietet Schutz, falls es regnet. In der offenen Küche mit Gasherd und Kühlschrank kann man problemlos die Mahlzeiten zubereiten. Geschirr steht wie daheim im Schrank. „Wir haben den Kormoran speziell für die Seenplatte entworfen“, sagt Dagmar Rockel-Kuhnle, „mit Sonnendeck und Badeplattform“. Ihr Mann Harald war der Erste, der nach der Wende an der Müritz einen Bootsverleih eröffnete. Inzwischen zählt seine Flotte 120 Boote, davon etwa 80 Kormorane. Sie werden in der eigenen Werft in Rechlin gebaut, die früher VEB Schiffswerft hieß. In der Halle steht ein halbfertiges Febo – sprich Ferienbootmobil: eine Art Floß mit kastenförmigem Aufbau. „Unser Einsteigermodell, das durch die ebene Fläche für Rollstuhlfahrer geeignet ist“, sagt Dagmar Rockel-Kuhnle. Seit dieser Saison gebe es das Febo auch als Cabrio – mit Seitenwänden und Dach aus robustem Stoff.

Mit 58 PS und 9 Kilometern pro Stunde steuert der Kormoran vom größten deutschen Binnensee, der Müritz, in die Kleine Müritz. Der Wind ebbt hier spürbar ab. Ruhe breitet sich aus. Schilf und blühende Wiesen säumen das Ufer. Axel holt das Fernglas heraus. Mit etwas Glück kann er Seeadler, Silberreiher und Eisvögel sehen. Die Handys sind aus, die Sinne eingeschaltet. Wie riecht der Wald? Wie schimpft der Eichelhäher? Die Weite und die Ursprünglichkeit der Landschaft helfen zu entschleunigen. Der Weg ist das Ziel. Wo die Wasserkarte dunkelblau zeigt, dürfen Motorboote fahren. Hellblau gehört den Stillen, den Kanuten.

„Das Schöne am Wasserwandern sind die vielen Möglichkeiten, mitten in der Natur aktiv zu sein“, sagt Bert Balke, Tourismuschef der Mecklenburgischen Seenplatte. Das funktioniere generationsübergreifend. So können auf dem Kormoran problemlos Fahrräder parken. Bei einem Bootsstopp finden sich dann überall gut ausgeschilderte Radwege – meist am Wasser entlang und längst nicht so überfüllt wie der Elberadweg. Laut Balke lässt sich im geschützten Müritz-Nationalpark nicht nur wandern, sondern auch auf Aldersafari oder Vogelstimmen-Tour gehen. Und wer sich vor Ort einen Touristenfischereischein besorgt, kann vom Boot aus Maränen, Karpfen oder Hechte angeln. Zander dagegen kommt in der Müritz nur noch selten vor. Denn der liebt trübe Gewässer. „Zum Glück ist die Wasserqualität seit der Wende erheblich besser geworden“, sagt Monika Strauß. Die Diplomsportlehrerin hat das Seengebiet 1990 für sich entdeckt, inzwischen Berlin den Rücken gekehrt und eine Segel- und Surfschule am Müritzufer eröffnet. Seit einigen Jahren lehrt sie auch Stand up paddling – den neuen Trendspaß für überall, wo es Wasser gibt. Axel leiht sich einen Neoprenanzug und probiert es aus. „Erst mal auf das Brett legen und mit den Händeln paddeln“, sagt Monika Strauß. „Dann hinknien und einen Punkt am Horizont fixieren. Und nun aufstehen.“ Axel gewinnt Höhe, hält sich schwankend aufrecht, bis der Seitenwind die nächste Welle auftürmt und er rückwärts ins Wasser platscht. Die Kinder wiehern.

Die Kleinseenplatte, wie das Gebiet südlich der Müritz bis ins Brandenburgische heißt, besteht im Wesentlichen aus der Müritz-Havel- und der Obere-Havel-Wasserstraße mit unzähligen Abzweigen. Der Kormoran gleitet an Schlössern, Gutshäusern und Kirchen in Backsteingotik vorbei. Oft lohnt es sich, anzuhalten. In der ehemaligen herzoglichen Residenz Mirow kann Axel direkt im Schlossgraben anlegen. Bei einer Führung durch das vom Land akribisch sanierte Schloss erzählt Kastellan Ralf Bäßler die Geschichte des letzten Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz, der sich 1918 selbst erschoss. Über die Gründe wird bis heute spekuliert.

Mehr als 30 bis 40 Kilometer sind an einem Bootsurlaubstag nicht drin, wenn man nicht ununterbrochen auf dem Wasser bleiben will. Jede Schleuse kostet etwa 30 Minuten. Doch wen stört’s? Noch ein Schwatz mit dem Schleuser, während die Leinen nachgeben. Nichts drängt.

Für den Abend hat sich die Familie einen Tischgrill gemietet. Die Liste der möglichen Hausboot-Extras ist lang: Beiboot, W-Lan, Navi, ja selbst eine Waschmaschine kann man buchen. Auf Wunsch seiner Frau will Axel über Nacht in einer Marina bleiben, denn dort kann sie ausgiebig duschen. Mit 1 bis 2 Euro pro Schiffsmeter sind die Liegegebühren deutlich günstiger als zum Beispiel in Kroatien.

In windstillen Nächten wirft Axel den Anker des Kormoran in einer der kleinen Buchten aus. Schlafen unterm Sternenhimmel, frühstücken zwischen Seerosen. Nur die Mücken, die nerven.

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