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Samstag, 14.07.2018

Kakteen für Rothenburgs Wüstenklima

Andreas Pallesches Preziosen blühen im Verborgenen. Seine Idee zum Festumzug dagegen wird kaum zu übersehen sein.

Von Thomas Staudt

Noch stehlen die Geranien den Kakteen die Schau: Im Vorgarten von Andreas Pallesche in Rothenburg gedeiht so einiges. Vor einer Woche hatten seine Kakteen über zehn Knospen angesetzt.
Noch stehlen die Geranien den Kakteen die Schau: Im Vorgarten von Andreas Pallesche in Rothenburg gedeiht so einiges. Vor einer Woche hatten seine Kakteen über zehn Knospen angesetzt.

© André Schulze

Dieser Wäscheplatz könnte auch irgendwo im tiefen Süden Europas liegen: das Gras ausgebleicht, die Sonne stechend, die Luft fast brennend heiß. Dazu passend: die relativ großen Kakteen am Wohnblock gegenüber. Tatsächlich liegt er nicht in Apulien, nicht auf der Peloponnes, und an der Costa Brava auch nicht. Er liegt An der Bahn, Rothenburg O. L. Was nicht nur dem Straßenzug oder der Stadt, sondern beinah dem ganzen Land ein mindestens mediterranes Klima verleiht, ist dieser trockene Sommer. Der Mann, der nun aus dem Hauseingang mit der Nummer 5 tritt, ist darauf eingestellt. Andreas Pallesche trägt Shorts und ein türkisblaues T-Shirt. Eine Weltkugel ist darauf zu sehen und, neben anderen Schriftzügen, das Wort Adventure. Sein Wochenendabenteuer wird ihn an die Ostsee, nach Pütnitz bei Ribnitz-Damgarten, führen, auf das 12. Ostblocktreffen mit Fahrzeugen aus DDR-Produktion. Er freut sich darauf. Und doch ist er ein wenig traurig. Schuld sind seine stacheligen Freunde vor der Haustür. Die Exemplare der Gattung Echinopsis haben knapp zehn Zentimeter lange Knospen angesetzt, sind aber nicht aufgeblüht. Das werden sie wohl erst am Abend tun, wenn der Kakteenliebhaber beinahe angekommen ist.

Andreas Pallesche, klein, weiße Haare, ein wenig rundlich, ist unauffällig. Wären da nicht seine wachen Augen und seine immer freundliche Art, könnte man ihn glatt übersehen. Dennoch ist der heute 56-Jährige in Rothenburg kein Unbekannter. Vor allem die Älteren dürften ihn als Leiter des Kulturzentrums in Erinnerung haben.

Eigentlich stammt er aus Görlitz. Erst 1983 zog es ihn nach Rothenburg. Nach der Wende arbeitete der gelernte Orthopädieschuhmacher als Redakteur und Berater einer Wochenzeitung, bevor er sich für 15 Jahre nach Bayern verabschiedete und dort als Marktleiter für Rewe und die Biomarktkette denn‘s tätig war. Wegen einer schweren Erkrankung ist er derzeit ohne Arbeit. Aber er will wieder einsteigen, sagt er.

Seine Leidenschaft für Kakteengewächse entstand aus dem Nichts. Als Kind bekam er welche geschenkt und ließ sich von den Blüten beeindrucken. Mehr gibt es darüber schon gar nicht zu sagen. 15 verschiedene Arten päppelte er als Kind. Er wurde älter, aber sein inniges Verhältnis zu Kakteen blieb. Die älteren produzierten Ableger, die je nach Bedarf eingetopft oder einfach abgesammelt wurden. Ein Exemplar wollten die Nachbarn wegschmeißen. Doch das kam natürlich nicht infrage. Der Kaktus wurde bei Andreas Pallesche einen Meter groß, kippte dann aber irgendwann um und zerbrach. Einen grünen Daumen, habe er nicht, sagt er. In seiner Wohnung stehen deshalb auch nur Kunstblumen. Alles andere gedeiht bei ihm nicht.

In eine Sammelleidenschaft hat er sich nie hineingesteigert. Er ist weder zum Fachmann geworden – „Wenn ich irgendwas wissen will, schaue ich im Internet nach“ – noch fand er lohnenswert, möglichst viele verschiedene Arten zu besitzen. Momentan hat er sechs ältere Exemplare und acht Ableger. Im Sommer sind alle draußen, entweder im Vorgarten oder auf dem Fensterbrett. Die spektakulären, zart-rosa Blüten bekommt dennoch kaum einer zu Gesicht. Die Blüten öffnen sich in aller Regel nur für einen Tag. Dann ist der ganze Zauber vorbei. Quasi als Ausgleich blühen sie nicht nur einmal, sondern bis zu viermal im Jahr. Was übrig ist, wird verschenkt. Seine Nachbarin im ersten Stock hat bereits ein dreijähriges Exemplar, das nun zum ersten Mal Knospen angesetzt hat. Andere Ableger reisten nach Bayern oder bis an die Ostsee.

Sein zweites Hobby sind Oldtimer aus DDR-Zeiten. Er besitzt einen Wartburg und einen Lada. Beide sind als Einsatzwagen der Volkspolizei aufgebaut und sogar vom TÜV abgenommen. Es ist diese Leidenschaft, die ihn und Oldtimerfreunde aus Niesky, Görlitz und Ostritz zu einer Idee inspirierten, die sie im Rahmen des Festumzugs zum 750. Stadtjubiläum realisieren wollen. Worum es sich dabei handelt, ist momentan noch top secret. Das solle eine Überraschung werden, sagt Andreas Pallesche. „Aber ich bin sicher, die Zuschauer werden große Augen machen.“