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Freitag, 18.05.2018

Junge Gemeinde erinnert an Pfarrer

Gottfried Rösler wurde vor 70 Jahren ausgewiesen. Aus fadenscheinigem Grund. Am Pfingstmontag ist ein Theaterstück in der Schleifer Kirche zu sehen.

Von Constanze Knappe

Das ernste Thema wird unterhaltsam vermittelt. Man merkt den Beteiligten, dem Theaterpädagogen Matthias Seidel, Kimberly Stuckas, Mariann Berton, Jeremy Stuckas, Niklas Hentschel, Sebastian Jachmann und Isabell Heinze (v.l.n.r.),denSpaß an. Foto: Constanze Knappe
Das ernste Thema wird unterhaltsam vermittelt. Man merkt den Beteiligten, dem Theaterpädagogen Matthias Seidel, Kimberly Stuckas, Mariann Berton, Jeremy Stuckas, Niklas Hentschel, Sebastian Jachmann und Isabell Heinze (v.l.n.r.), den Spaß an. Foto: Constanze Knappe

Schleife. Soll man in einer Zeit gesellschaftlicher und politischer Umbrüche eine klare Position beziehen oder sich besser wegducken? Eine schwierige Frage. Im Schleifer Kirchspiel ist sie beinahe täglich aktuell: Wenn es darum geht, für oder gegen die Kohle und die damit verbundenen Lebensumstände Position zu beziehen. Welche Konsequenzen es haben kann, die eigene Meinung öffentlich zu vertreten, damit beschäftigen sich seit einigen Wochen Mitglieder der Jungen Gemeinde. Sie erarbeiten ein Theaterstück über Pfarrer Gottfried Rösler, der am Gründonnerstag 1938 als letzter sorbischsprachiger Geistlicher von den Nationalsozialisten aus Schleife ausgewiesen worden war.

Verlust an Sprache und Identität

Ein einschneidendes Ereignis. Damit wurde der Verlust an sorbischer Sprache und Identität noch mehr beschleunigt. Rösler hatte selbst dann noch in Schleife sorbische Gottesdienste gehalten, als diese längst unerwünscht waren. Seiner Haltung gebührt auch 70 Jahre später noch Respekt. Mit ihrem Theaterprojekt will die Junge Gemeinde an ihn erinnern. Aufgeführt wird das Stück am Pfingstmontag in der Evangelischen Kirche Schleife. Bei diesem einen Mal soll es nicht bleiben.

Betreut wird das Projekt vom Leipziger Theaterpädagogen Matthias Seidel. Der hatte 2016/2017 „Luther war nie in Schlesien“, ein historisches Stück über die Anfänge reformatorischer Entwicklung in Schlesien und der Oberlausitz, mit Schülern aus Görlitz, Boxberg und Niesky erarbeitet. Zu sehen war es auch in Weißwasser und Hoyerswerda. Die Resonanz darauf war groß. Und so lag die Idee nahe, Gottfried Röslers ebenfalls im Rahmen eines Jugendtheaterprojekts zu gedenken. Die sorbische Pfarrerin Jadwiga Mahling, die 2014 nach Schleife entsendet und im August 2017 offiziell in ihr Amt eingeführt wurde, gab die Anregung dazu.

Keine Dokumentation

Mariann (16), Kimberly (18), Isabell (15), Niklas (18) und Jeremy (16) mussten nicht lange überzeugt werden. Die Jugendlichen aus Schleife, Rohne und Trebendorf kennen sich von Krippenspielen und Anspielen zu Kindergottesdiensten. Das sei zwar kein Vergleich, weil das Stück über den Pfarrer sehr anspruchsvoll ist, findet Kimberly. Spaß mache es aber trotzdem.

Im Januar trafen sich die Schüler mit dem Theaterpädagogen zum ersten Mal. Matthias Seidel kam jedoch nicht mit einem vorgefertigten Textbuch. Anhand seines roten Fadens wurden mehrere Passagen gemeinsam entwickelt. Im Gegensatz zum historischen Luther-Stück ist das über Gottfried Rösler in der Gegenwart angesiedelt. Es bleibe wegen der Fakten dennoch authentisch. „Eine Dokumentation ist es aber nicht, es soll auf unterhaltsame Weise ein besonderes Kapitel der Schleifer Geschichte beleuchten“, sagt Matthias Seidel. Zwar ein Jugendtheaterstück, sei es aber keineswegs nur für Jugendliche gemacht.

Die Person Gottfried Rösler (1902 – 1968) ist durchaus umstritten. Er war als Pfarrer in Milkel tätig, was zu Sachsen gehörte. Wegen Alkoholproblemen wurde er 1935 nach Schleife und damit in die Kirche Berlin-Brandenburg strafversetzt. Dies schmälert jedoch nicht sein Verdienst, als deutscher Pfarrer für die Sorben in der Kirchengemeinde eingestanden zu haben. Deren Sprache hatte er von seinem Schwiegervater (Oberpfarrer Domaschke in Großpostwitz) gelernt. Bei Gemeindegliedern, die aus gesundheitlichen oder sonstigen Gründen nicht in die Kirche kommen konnten, war er ein gern gesehener Gast. Von denen, die das Sagen hatten, wurde er hingegen „sehr unter Druck gesetzt und der wahre Grund für seine Ausweisung verschleiert“, erklärt Matthias Seidel.

Er beherrschte 18 Sprachen

Rösler galt als Sprachtalent. 18 Sprachen soll er sich autodidaktisch beigebracht haben. Ein bisschen bewundern ihn die Schüler aus der Jungen Gemeinde dafür. Sie bringen es auf vier: Deutsch, Sorbisch, Englisch und ein bisschen Russisch, zählt Niklas auf. Wobei man Polnisch ja ableiten könne. Den Namen des Pfarrers habe er zwar irgendwann mal gehört, über die Person ansonsten aber nicht viel mehr gewusst. So ging es auch den anderen Jugendlichen. Und wie sich bei ihrer Recherche zu dem Stück herausstellte, nicht nur ihnen. Insofern sei es durchaus ein spannendes Thema. Darin sind sie sich mit dem Theaterpädagogen wie auch mit Pfarrerin Jadwiga Mahling einig. „In der Schule haben wir uns zwar mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, aber wenn man ein Beispiel aus der eigenen Gemeinde kennt, macht es die Zeit noch interessanter“, findet Mariann. „Rösler war ein leidenschaftlicher Mensch und mit ganzem Herzen dabei“, sagt Sebastian Jachmann. Der 35-jährige Sozialpädagoge aus Weißwasser spielt ebenfalls mit.

Das Stück versetzt die Zuschauer in den Archivkeller des Sorbischen Kulturzentrums, wo ein etwas verwirrter, aber zugleich genialer Reporter (Jeremy) eine Identitätskrise durchlebt. Auf der Suche nach der zündenden Idee trifft er die Tochter des ehemaligen Archivars (Isabell), die manches kennt, was kein anderer weiß. Was die beiden, dazu eine Fotografin und eine Kulturmanagerin, mit Gottfried Rösler zu tun haben, das ist am Pfingstmontag in der Kirche zu erleben. Für das Stück sind keine aufwendigen Kostüme nötig und auch die Kulisse darf eher als spartanisch angesehen werden. Umso mehr zählt das Spiel der Beteiligten. Gefördert wird das Theaterprojekt zum Beispiel vom Kirchenkreis Schlesische Oberlausitz, der Stiftung Kirche im Dorf und der Kirchengemeinde Schleife.

Zu sehen ist das Stück am 21. Mai um 17 Uhr in der Evangelischen Kirche Schleife, am 3. Juni um 14.30 Uhr beim sorbischen Kirchentag im Veranstaltungshaus „Zum Hirsch“ in Göda, am 9. Juni beim evangelischen Landesjugendcamp in Eberswalde und im Herbst in Großpostwitz.

www.ev-kg-schleife.de