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Dienstag, 19.12.2017

„Jetzt fühlen wir uns verarscht“

Nach nur acht Wochen ist der neue sächsische Kultusminister wieder Geschichte. Die Dresdner Schulleiter sind entsetzt. Und: Kehrt Frank Haubitz jetzt ans Gymnasium Klotzsche zurück?

Von Sarah Herrmann und Julia Vollmer

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Der einstige Schulleiter Frank Haubitz wurde nach nicht einmal acht Wochen als Kultusminister abgelöst.
Der einstige Schulleiter Frank Haubitz wurde nach nicht einmal acht Wochen als Kultusminister abgelöst.

© Ronald Bonß

Die Nachricht verbreitet sich am Montagvormittag rasend schnell in den Dresdner Schulsekretariaten: Nach nicht einmal acht Wochen wurde Sachsens neuer Kultusminister Frank Haubitz wieder abgelöst. Der frisch gekürte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat seinen CDU-Fraktionsgeschäftsführer und Jurist Christian Piwarz ernannt. Am Gymnasium Klotzsche, wo Haubitz zuvor 27 Jahre als Schulleiter arbeitete, herrscht Entsetzen – besonders beim neuen Direktor.

„Das ist ein Skandal“, sagt Jens Rieth. Er hat die Nachfolge von Haubitz angenommen, als dieser zum Kultusminister ernannt wurde. Rieth ist selber seit 17 Jahren an der Schule, hat dort sein Referendariat gemacht, arbeitete unter dem Noch-Kultusminister als stellvertretender Leiter. Er ist sich sicher, dass sein ehemaliger Chef als „Mann vom Fach“ der richtige für den Posten gewesen wäre. Haubitz hätte „als einer der ihren“ für Lehrer wie Schüler gekämpft. „Jetzt fühlen wir uns verarscht.“ Zu den Gründen der Umbenennung mutmaßt der derzeitige Gymnasiumsleiter: „Haubitz hat nicht in das Schema gepasst.“ Seine Ideen seien vielen CDU-Mitgliedern zu unbequem gewesen – vor allem die vorgeschlagene Lehrer-Verbeamtung. „Jetzt musste der neue Ministerpräsident in seiner Fraktion scheinbar Zugeständnisse machen“, sagt Rieth. Sorge um seinen Posten spielt bei der Entrüstung keine Rolle.

„Für Herrn Haubitz würde ich nur liebend gerne den Posten wieder räumen.“ Fast drei Jahrzehnte habe er schließlich unter Beweis gestellt, dass er dafür der beste Mann ist. Ist eine Rückkehr ans Gymnasium denn wahrscheinlich? „Es wäre auf jeden Fall wünschenswert“, sagt der jetzige Leiter. „Klar wurde Herr Haubitz jetzt persönlich vor den Kopf gestoßen. Aber ich denke, dass er das gut trennen kann. Lehrer und Schüler liegen ihm sehr am Herzen.“ Deshalb hält Rieth eine Rückkehr für wahrscheinlich. Verkünden kann er sie indes noch nicht. Unter Schülern und Lehrern scheint die Sache trotzdem klar.

„Für unsere Schule ist die Nachricht eine sehr angenehme, politisch finde ich sie recht fragwürdig“, sagt Falk Drechsel, Lehrer für Geschichte und Gemeinschaftskunde. Es stehe der sächsischen CDU nicht gut zu Gesicht, einen so guten und populären Minister so schnell beiseitezuschieben. Auch die Schüler fühlen mit ihrem einstigen Direktor. „Es gab heute früh schon Gerüchte über das Aus, dann haben wir Schüler erstmal gegoogelt, was passiert ist“, erzählt Hannes. „Ich finde es sehr schade für ihn, er hätte das toll gemacht. Er war ein super Direktor, hat korrekte Regeln aufgestellt. Lehrer und Schüler waren von seinem lockeren Umgangston begeistert.“ Sein Freund Karl ergänzt: „Ich hoffe sehr, dass er zurückkommt. Schade, dass er nicht Minister bleiben kann, er hätte mit seiner direkten Art viel bewegen können.“

Nicht nur am Gymnasium Klotzsche ist die Ablösung Gesprächsstoff. Besonders schockiert ist Jürgen Karras. „Ich bin entsetzt“, sagt der Schulleiter des Gymnasiums Cotta. „Ich fand die Ernennung von Herrn Haubitz einen mutigen und vernünftigen Schritt in die richtige Richtung.“ Der 59-Jährige sei ein Fachmann gewesen – mit dem Mut, Klartext zu sprechen und die Basis in die Entscheidungen einzubinden. Erst in der vergangenen Woche habe es im Landtag ein Treffen mit sächsischen Vertretern jeder Schulform gegeben. „Wir haben darüber gesprochen, wie die Schulen entlastet werden können“, berichtet Karras. Es sei ein offenes Gespräch gewesen, in dem der Minister klar gesagt habe, was geht und was auch nicht. Das Feedback von der Basis mitzunehmen, wäre der richtige Weg gewesen, sagt der Schulleiter.

„Ich finde es schade, dass man ihm nicht mehr Zeit gegeben hat. Jetzt müssen wir abwarten, in welche Richtung es geht“, sagt Jens Reichel vom Gymnasium Bürgerwiese. Das sieht Anette Hähner, Leiterin des Marie-Curie-Gymnasiums, ähnlich: „Die Herausforderungen und Veränderungsbedarfe, die Herr Haubitz als Kultusminister deutlich aufgezeigt hat, sind in unserer täglichen Arbeit auch am Gymnasium zunehmend spürbar“, so Hähner. „Mich irritiert deshalb, welches Signal in Richtung Schulen mit der neuen Ministerentscheidung gegeben wird.“

Drastischer wird das von Grünen-Fraktionschef Thomas Löser formuliert. Die überraschende Ablösung des „unkonventionell agierenden Vollblutlehrers Haubitz“ durch einen bildungspolitisch bisher unauffälligen Juristen Piwarz nach so kurzer Zeit zeige zweierlei: „Praktiker mit Einblick in sächsische Lehrerzimmer sind unerwünscht und erwünscht sind Politikverwalter mit CDU-Parteibuch, die bisher nicht durch innovative Vorschläge im Bildungsbereich auffielen.“ Bei den Herausforderungen, vor denen Dresden steht, brauche die Stadt jetzt endlich mal eine verlässliche Landespolitik, die den Schuldenberg von 27 Jahren katastrophaler CDU-Schulpolitik angehe, sagt SPD-Bildungsexpertin Dana Frohwieser.

Jemand, der das ganz anders sieht, ist Stadtschülerrat-Vorstand Sven Liebert. „Ich bin der Meinung, Herr Kretschmer weiß was er tut. Des Weiteren ist Herr Piwarz nicht unbekannt, hat sich schon immer zutiefst für die Bildung interessiert und war bereits bei uns zum Thema Schulgesetz zu Gast“, sagt er. Am Dienstagnachmittag positioniert sich Liebert dann mit der offiziellen Meinung des Stadtschülerrats: „Der Stadtschülerrat Dresden findet es schade, dass Herrn Haubitz nicht länger die Chance gegeben wurde, sich zu beweisen. Wir respektieren die Entscheidung des MP Kretschmer und wünschen Herrn Piwarz alles Gute.“

Frank Haubitz war am Montag für die SZ nicht erreichbar. (mit SZ/sr)


Haubitz' alte Wirkungsstätte: Das Gymnasium Klotzsche



Hinweis: Der Artikel wurde am Dienstag um 16:30 Uhr um die offizielle Meinung des Stadtschülerrats ergänzt.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 37 Kommentare

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  1. Klar

    Klar weiß Herr Kretschmer weiß was er tut - nämlich seinen Stuhl zementieren... Und Sven Liebert muß ja ein Intimfreund von ihm sein, wenn er weiß, daß er "sich schon immer(!) zutiefst(!) für die Bildung interessiert"... Nun, wer's glaubt, wird selig...

  2. Heinz Logo

    Herr Kretschmer hat gezeigt, das die Interessen von Schülern, Lehrern und Eltern Ihn nicht existieren. Obwohl ca. 60 % der Bürger in Sachsen für längeres gemeinsames Lernen sind ist das für Herrn Kretschmer nicht zu akzeptieren. Ideologie geht also immer vor Vernunft und vor dem Willen der Bevölkerung. Bravo Herr Ministerpräsident so wird Politik gemacht immer am Volk vorbei.

  3. Nicht CDU Wähler

    Vielen Dank an Hr. Kretschmer, dass er sich so schnell zu erkennen gibt und man bei der nächsten Wahl ganz sicher sein kann, bei welcher Partei man kein Kreuz zu machen braucht. Jetzt brauchen wir habe nicht mehr darauf zu hoffen, dass es besser wird. Der schwarze Filz wird sich auch mit ihm weiter ausbreiten. Seine Aussage, dass es nur auf die besten Leute ankommt, setzt dem ganzen dann noch die Krone auf. Wenn es nicht so traurig für unsere Schüler wäre, könnte man ja glatt über so etwas lachen.

  4. Joachim Herrmann

    Zuerst, die Probleme der Bildung in DD sind die Probleme Sachsens und das seit 28 Jahren. Sie hat von der Substanz (nicht zuletzt aus der DDR) gelebt und wenig Neues hervorgebracht! Wie auch, eine Staatsregierung, die sich dem gängigen Konfektionismus und der Rückwärtsgewandheit unterworfen hat, die für Ländersache ist und die grundlegende Problemlagen nicht erkennen will, ist schließlich unfähig. Dazu kommt der Dogmatismus der Einheitspartei- weiter so und die Liquidierung von Personen (z. B. Wöller), die auch mal quer dachten. Machterhalt war stets die Formalie von Denken! Und, ein MP, aus GR (Schlesien), der scheinbar mehr den Prämissen polnischer Gedankenwelten (der PIS) anzugehören scheint (siehe Abtreibung), wird sich Zukünftigem auch nicht öffnen. Das wird Stillstand in seiner schlimmsten Form bedeuten, daran ändert sich auch Nichts, weil drei junge Wilde mal an die Macht wollten! Das hier und heute zählt, die Aussagen und die Qualitäten des Mitgebrachten. Sachsen mir graut!!!!!

  5. Denk mal nach

    Die Absetzung war eine sowohl instinktlose als auch nur eigenen und parteiinternen Interessen dienende Handlung des Herrn Kretschmer. Unbequeme weg, alte Bekannte zum gemeinsamen Klüngeln rein ins Kabinett. Wer Herrn Kretschmer bisher nicht kannte, weiß jetzt, was menschlich und politisch zu erwarten ist. Ethisch-moralisch Akzeptables? Schwer vorstellbar. Aber auch der neue Kultusmann ist vom gleichen Schlag: hätte er mehr menschliche Qualitäten als sein Chef, hätte er das Angebot abgelehnt. Schließlich war ja ein Kultusminister da, und der war nicht zurückgetreten! Und der Herr Wöller schreibt von anderen ab, um einen Doktor zu bekommen. Nun weiß man, was die “Dreierbande“ eint. Mir als alten Dresdner alles ziemlich peinlich. Auch wenn's weiter oben nicht besser zugeht: als vor einigen Jahren Guttenberg aufflog, stand Frau Merkel zu ihm, sie habe menschlich volles Vertrauen, sagte sie. Ich möchte so einen Typen nicht in meinem Freundeskreis haben...

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