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Donnerstag, 13.09.2018

Jetzt fahr doch!

Ob A 4 oder B 115 – der Verkehr steht häufig. Wie man ihn wieder ins Rollen bringt, daran scheiden sich die Geister.

Von Susanne Sodan

Seit Mittwoch ist die B115 in Kodersdorf halbseitig gesperrt. Der erste Praxistest lief ganz gut. Andernorts stehen Autos regelmäßig im Stau.
Seit Mittwoch ist die B 115 in Kodersdorf halbseitig gesperrt. Der erste Praxistest lief ganz gut. Andernorts stehen Autos regelmäßig im Stau.

© André Schulze

Das ist kein schöner Start in den Tag. Zumindest nicht für Autofahrer. Am frühen Mittwochmorgen war der Tunnel Königshainer Berge gesperrt. Schuld hatte eine Störung in der Brandmeldeanlage. Sicherheit geht vor, sagt Isabel Siebert vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv). Deshalb war der A-4-Tunnel von 3.20 Uhr bis kurz nach sieben Uhr in beiden Richtungen zu. Die Reaktionen in diversen Blitzer-Gruppen auf Facebook ließen nicht lange auf sich warten. „Die Umleitungsstrecken sind auch schon voll“, teilte ein Nutzer mit. „Bin heut deswegen auch 30 min zu spät auf Arbeit gekommen“, ärgerte sich ein anderer. Verhältnismäßig ruhig soll es gestern dagegen in Kodersdorf verlaufen sein, am ersten Tag mit neuer Ampel für alle, die auf der Ortsdurchfahrt B 115 unterwegs waren, und neuer Umleitung für alle, die Richtung Horka wollten.

Man könnte an dieser Stelle noch mehr der neusten Verkehrsmeldungen bringen. Die A 4 käme häufig vor, auch wegen der Baustellen: Noch bis November wird zwischen Nieder Seifersdorf und Weißenberg die Fahrbahn erneuert, bis Oktober zwischen Weißenberg und Bautzen Ost. Dort war erst vorige Woche ein Fahrzeug der US-Armee im Baustellenbereich verunglückt. Unfälle wie diese hätten aber oft nicht in erster Linie mit den Baustellen selbst zu tun, sagt Thomas Knaup, Sprecher der Polizeidirektion Görlitz. „In 95 Prozent solcher Unfälle sitzt die Fehlerquelle hinter dem Lenkrad“, sagt er. Zu geringer Sicherheitsabstand, zu hohe Geschwindigkeit, Ablenkung, das seien auch in Baustellenbereichen die häufigsten Unfallursachen. „Es ist bekannt, dass sich die A 4 zu einer der stärksten genutzten Ost-West-Route entwickelt hat“, erzählt Knaup. „Wir bemerken seit der Grenzöffnung einen kontinuierlichen Anstieg des Verkehrsaufkommens auf einer Strecke, die dafür einst nicht ausgelegt war.“ Und diese Situation mache die A 4 zu einer Strecke, die besondere Aufmerksamkeit verlange. Knaups Kollegen von der Bundespolizei hatten vor wenigen Tagen bei einer Verkehrskontrolle bei Ludwigsdorf festgestellt, dass täglich allein 120 Reisebusse die Autobahn dort passieren. Das Lasuv hat aktuelle Zahlen aus dem ersten Halbjahr 2018: Zwischen dem Dreieck Dresden-Nord und der Grenze zu Polen fahren durchschnittlich 40 641 Fahrzeuge pro Tag. An der Messstelle Burkau sind es rund 46 000, bei Ludwigsdorf rund 26 000. „Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum entspricht das einem Zuwachs von 3,4 Prozent“, teilt Isabel Siebert mit. Knapp 26 Prozent sind Schwerlastfahrzeuge. Allerdings sei die A 4 dafür durchaus ausgelegt. „Die A 4 Ost ist durchgehend vierstreifig ausgebaut“, erklärt Isabel Siebert. Und die Kapazität eines solchen Querschnittes betrage bis circa 70 000 Fahrzeuge pro Tag.

Erhöhte Aufmerksamkeit bekommt mittlerweile die gesamte Verkehrssituation in der Oberlausitz, mittlerweile ist das Thema auch bei der Bundespolitik ins Blickfeld gerutscht. Und es ist ein Thema, das parteiübergreifend diskutiert wird. Das hat in erster Linie mit dem nötigen Strukturwandel in der Oberlausitz zu tun. CDU und SPD hatten dazu vorige Woche im Landtag gemeinsam für eine bessere Nord-Süd-Verbindung in der Oberlausitz plädiert. Eine Voraussetzung für wirtschaftliche Neuansiedlungen, heißt es dazu in den Ausführungen von CDU und SPD. Wichtig für Pendler, die schnell von der Oberlausitz in die Zentren wollen oder andersrum, wichtig für ein Zusammenwachsen der Region und auch, um die A 4 zu entlasten.

„Die Energiewende und der damit verbundene Strukturwandel haben mit Blick auf das Lausitzer Revier einen besonderen Preis, nämlich die zielgerichtete Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur“, erklärt Thomas Baum, verkehrspolitischer Sprecher der sächsischen SPD. Wichtig seien zum einen der Ausbau und die Elektrifizierung der Bahnstrecken Dresden-Görlitz und Cottbus-Görlitz-Zittau, zum anderen auch der Straßenausbau. Bei den Autobahnen „klafft zwischen der A 4 im Süden und der A 15 bei Cottbus in Nord-Süd-Richtung eine große verkehrliche Lücke“, so Baum. Die Grünen halten dagegen. Man stelle zwar mit Interesse fest, „dass der Strukturwandel in der Lausitz in den Köpfen der Koalition angekommen zu sein scheint“, so Landtagsabgeordnete Katja Meier. Aber: Anstatt sich umfassend mit der notwendigen Verkehrsinfrastruktur zu befassen, beschränke sich der Antrag der Koalitionsfraktionen ausschließlich auf den Bau einer einzigen Straße, das sei ein Rezept von vorgestern. Als einen ihrer Schwerpunkte für eine moderne Verkehrsstruktur nennen die Grünen den Schienenverkehr für den Personen- wie auch Gütertransport.

Eigentlich ganz passend dazu hat Ministerpräsident Michael Kretschmer am Wochenende eine ICE-Verbindung zwischen Berlin, Weiswasser, Görlitz und Breslau ins Gespräch gebracht. Einen SZ-Artikel zum Thema haben auf Facebook zahlreiche Leser kommentiert. Es wäre ein großer Schritt nach vorne für die Region, sagen mehrere. Andere sind skeptisch über den Nutzen und die Machbarkeit. Auch Stephan Kühn, für die Grünen im Bundestag, warnt davor, etwas zu versprechen, was nicht machbar ist. Er kämpfe schon lange für eine bessere Fernverkehrsanbindung Oberlausitzer Städte, halte aber die Vorstellung einer baldigen ICE-Verbindung zwischen Berlin und Krakau über Görlitz für „völlig unrealistisch“. Er plädiert für Vorhaben, mit denen die „Menschen vor Ort zeitnah Verbesserungen spüren“, zum Beispiel mit einer schnellen Umsetzung der Elektrifizierungsprojekte Cottbus-Görlitz und Dresden-Görlitz. Das ist allerdings auch ein naheliegendes Ziel von Kretschmer. Der AfD-Landtagsabgeordnete Sebastian Wippel kann sich mit der ICE-Idee anfreunden, allerdings fände er eine Anbindung von Görlitz in Richtung Dresden wichtiger als in Richtung Berlin. Ob Schiene oder Straße, viele, die dieser Tage auf der A 4 unterwegs sind, wünschen sich bestimmt: Hauptsache gut durchkommen.