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Donnerstag, 14.06.2018

Ist Dresdens Luft doch sauber genug?

Stickoxid, Feinstaub, Dieselverbot: Der Streit um den Verkehr hängt auch von der Messmethode ab.

Von Sandro Rahrisch

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Instrumente auf dieser Kiste messen die Belastung der Bergstraße mit Schadstoffen. Jetzt gibt es berechtigte Zweifel an der Richtigkeit der Datenerfassung.
Instrumente auf dieser Kiste messen die Belastung der Bergstraße mit Schadstoffen. Jetzt gibt es berechtigte Zweifel an der Richtigkeit der Datenerfassung.

© Rene Meinig

Mehr als 30 000 Autos, Laster und Motorräder rauschen jeden Tag an der Luftmessstation Bergstraße vorbei. Bergauf, sodass die Fahrer stärker aufs Gaspedal drücken müssen und die Fahrzeuge besonders viele Stickoxide rauspusten. Das hat Dresden in den letzten Jahren viel Ärger eingebracht. Immer wieder sind die Grenzwerte an der Station überschritten worden. Vergangenes Jahr lag er knapp darunter. Selbst Diesel-Fahrverbote waren zuletzt im Gespräch. Inzwischen gibt es aber Zweifel daran, wie verlässlich die gemessenen Werte überhaupt sind, um die Gefahren für die Anwohner einschätzen zu können.

Arbeitet die Messstation an der Bergstraße fehlerhaft?

Tatsächlich arbeitet die Anlage zwischen Zeunerstraße und Nöthnitzer Straße fehlerfrei. Auch die Lage der Sensoren entspricht dem, was die Europäische Union fordert. Die Lufteinlässe befinden sich auf 3,60 Metern Höhe. Erlaubt sind bis zu vier Meter. Fragwürdig ist allerdings: Obwohl die Station bis zu zehn Meter vom Fahrbahnrand entfernt stehen könnte, trennt sie weniger als einen Meter von den vorbeifahrenden Autos. Die Folge: hohe Werte.

Wäre die Luft ein paar Meter weiter weg von der Straße denn sauberer?

„Sicherlich würden die Messwerte bei den Stickoxiden etwas geringer ausfallen bei einem Abstand von zehn Metern zum Fahrbahnrand“, sagt Karin Bernhardt vom Landesumweltamt. Der Schadstoffausstoß auf der Straße bliebe aber derselbe. Wie stark die Belastung an den benachbarten Wohnhäusern tatsächlich ist, zeigt die Station also nicht, wie auch die Stadtverwaltung anmerkt. „Wegen ihrer Lage unmittelbar am Straßenrand gibt die Messstation die Situation an den Gebäudefassaden nicht wieder“, heißt es im neuen Luftreinhalteplan. Dabei, so betont das Landesumweltamt selbst, dienten die Messungen dem Schutz der menschlichen Gesundheit. Die Behörde hatte den Unterschied erst vor wenigen Monaten herausfinden lassen. Vor den Häusern seien die Grenzwerte in den letzten Jahren nicht überschritten worden, hieß es damals.

Was würde es bringen, die Station zu versetzen?

Klar, die schlechte Luft direkt an der Straße ist ein reales Problem. 82 Prozent der Stickoxid-Belastung an der Bergstraße gehen laut Landesumweltamt auf das Konto von Autos und Lastern. Nicht nur die Anzahl der Fahrzeuge macht die Luft stickig. Bergauf müssen sie an dieser Stelle so viel Leistung erbringen wie für Tempo 125 auf ebener Strecke. Wenn man die Messstation nun im Rahmen der rechtlichen Vorgaben versetzen würde, erhielte man aber ein realistischeres Bild von der tatsächlichen Belastung an den nahegelegenen Wohnungen. Und Dresden liefe nicht jedes Jahr Gefahr, die Grenzwerte zu überschreiten.

Was spricht dagegen, die Messstation zu verrücken?

Einen Mindestabstand zwischen Straßenrand und Messstation schreibt die EU-Verordnung nicht vor. Die Entscheidung, die Anlage zu verrücken, liegt damit beim Landesumweltamt. Dort wird aber nicht geplant, die Messgeräte umzusiedeln. So ist die Station im Zuge des Planfeststellungsverfahrens für den Ausbau der Bundesstraße zur neuen Autobahn 17 errichtet worden. Damals widersprachen die Grundstücksbesitzer, dass die Station auf ihrem Boden installiert wird. Der Standort kann im Nachhinein offenbar nicht einfach verändert werden, ohne gegen den Planfeststellungsbeschluss zu handeln. Andererseits fordere die EU, ausgewogen zu messen, so Bernhardt. Die Messstation an der Bergstraße sei als Quelle der höchsten Belastung identifiziert worden. Um ein Gesamtbild der Stadt modellieren zu können, wird die Luft außerdem am Neustädter Bahnhof, an der Winckelmannstraße – eine Nebenstraße hinterm Hauptbahnhof – sowie am Stadtrand in Radebeul-Wahnsdorf untersucht. Ein weiterer Einwand: Die Werte der Vorjahre wären nicht mehr vergleichbar mit den neuen, würde die Anlage versetzt werden.

Wie kann es trotzdem gelingen, dass die Messwerte besser werden?

Eine Gegenmaßnahme ist bereits eingeleitet worden. Ein Blitzer unmittelbar an der Messstation sorgt seit Februar dafür, dass sich Autofahrer ans Tempolimit halten und bergauf die Luft nicht noch mehr verschmutzen, indem sie rasen. Das scheint zumindest vorm Blitzer zu wirken. Sind im März noch 2 740 Fahrzeuge fotografiert worden, waren es im April 1 786, wie die Stadtverwaltung mitteilt. Dort plant man schon die nächsten Schritte: Im Entwurf für den neuen Luftreinhalteplan ist von einem zweiten Blitzer zwischen Hörsaalzentrum und Nöthnitzer Straße die Rede. Und für den Fall, dass die Blitzer keine Wirkung zeigen, könnte außerdem das Tempolimit auf 40 km/h herabgesetzt werden, zunächst versuchsweise, wie es heißt.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 33 Kommentare

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  1. Mensch

    Es sind nicht nur die Anwohner in ihren Wohnungen, welche durch Schadstoffe belastet werden. Auch Personen (Zufußgehende, Radfahrende) im Seitenraum sind den Schadstoffen direkt ausgesetzt. Insofern ist der gemessene Wert auch am derzeitigen Ort relevant!

  2. Aber hoppla

    Die Gegenmaßnahme zu einem offensichtlich fehlerhaften Standort ist ein Blitzer? Soll ich mit dieser Aussage für dumm verkauft werden? In Griechenland stehen die Messstationen in städtischen Parks. Da es sich um angeblich EU-weite Standards handelt, eäre auch eine EU-weite Einordnung nötig.

  3. Leser

    Man kann sie auch sauber reden. Alle, die dran zweifeln wohnen wahrscheinlich an einer Hauptverkehrsstraße mit Kinder-Schlafzimmer zur Straßenseite oder sind Radfahrer, die ja unbedingt dort lang müssen....

  4. Kalle

    Sächsische Problem Lösung, was nicht passt, wird passend gemacht. Wie in vielen anderen Großstädten auch, schafft man es nicht die Luftqualität einzuhalten und liegt mit den Messwerten, an deutlich zu vielen Tagen im Jahr, außerhalb der gesetzlichen Vorgaben. Nun kommen andere Städte auf die Idee Maßnahmen zu ergreifen um die Situation zu verbessern, nicht aber in Dresden - hier überlegt man die Messstadion umzustellen und so die Messung zu manipulieren bis die Messwerte stimmen. Ist ja auch bequemer und auch günstiger, den Preis bezahlen ja nur die Anwohner mit ihrer Gesundheit.

  5. tel

    Ein Versetzen der Station kommt schon allein aus ideologischer Sicht nicht in Frage. Wir benötigen schließlich die absoluten Maximalwerte! Unser Rechtsstaat ist hierbei sehr hilfreich, da man jeglichen Gestaltungswillen durch weite Verfahrenswege schlicht abwürgen kann.

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