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Donnerstag, 07.10.2010

Ist der Kapitalismus zukunftsfähig?

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Kommentare und Analysen zu aktuellen Themen. Heute: Die Wirtschaftswissenschaftlerin Noreena Hertz, Autorin des Bestsellers „Armutszeugnis. Warum Schulden die Welt gefährden“, setzt sich mit der Frage auseinander, wie der heutige Kapitalismus auch langfristig erfolgreich sein könnte.

Von Noreena Hertz

Ein Gutes hatte die Finanzkrise offenbar: Sie hat das Bewusstsein für nachhaltiges Wirtschaften geschärft. Nach einer aktuellen Studie der Vereinten Nationen und der Unternehmensberatung Accenture unter 800 Vorstandschefs geben 81 Prozent an, dass Fragen der Nachhaltigkeit – also wie sich die heutigen mit den künftigen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Bedürfnissen und Rechten am besten vereinbaren lassen – zu ihrer Unternehmensstrategie gehören.

Wir stehen heute an einem wichtigen Wendepunkt. Die jetzt getroffenen Entscheidungen werden nicht nur Auswirkungen auf unser Leben haben, sondern auch auf das der folgenden Generationen. Doch noch ist offen, von wem und woher die besten Ideen kommen werden.

Nicht nur Geschäftsführer und Politiker sind gefordert, auch Wissenschaftler, Ingenieure, Banker, Akademiker und Bürger. Die Bewältigung der Probleme, die uns mit der Nachhaltigkeit auferlegt werden – sowohl im Hinblick auf die Klimaänderung als auch die Wahrung der Menschenrechte – erfordert das gemeinsame Engagement aller.Zugegeben, das ist ein großer Auftrag. Er erfordert die Zusammenarbeit mit den und innerhalb der Industriesparten, mit Industrie, Regierung, Akademikern, Bürgern, mit dem privaten und öffentlichen Bereich und den Nationen. Bislang sind solche gemeinschaftlichen Bemühungen eher selten. Können sie jedoch umgesetzt werden, sind die Ergebnisse dramatisch.

Vodafone, Novartis und IBM haben mit vereinten Kräften eine mobile Gesundheitsinitiative geschaffen, mit der die Verfügbarkeit von Arzneimitteln gegen Malaria in Entwicklungsländern verbessert werden konnte. Die Zusammenarbeit der nicht-staatlichen Organisation The Carbon War Room, der US-amerikanischen National Academy of Science, der Royal Society Großbritanniens und McKinsey und Co., die das Ziel hat, die vielversprechendsten Technologien zur Beseitigung des Kohlendioxids aus der Atmosphäre zu ermitteln und zu fördern, wird wahrscheinlich interessantere Ergebnisse liefern, als es eine der Parteien alleine leisten könnte.

Was sagen solche Initiativen über den Kapitalismus an sich aus? Häufig wurde die Behauptung aufgestellt, dass Nachhaltigkeit und Kapitalismus zwei unvereinbare Größen seien, dass die Zuwendung zu einer gleichzeitig die Verneinung der anderen bedeute. Ist das wirklich so? Muss man Antikapitalist sein, um für die Nachhaltigkeit stimmen zu können? Ich behaupte: Nein.

Der Großteil der heute offenkundigen Innovationen im Bereich der Nachhaltigkeit entstammt den kapitalistischen Kräften der Kreativität und des Fortschritts: Innovationen bei technologischen Entwicklungen von Kohlenstoffabscheidung und -speicherung bis hin zu Plattformen für Mikrofinanzierungen zwischen Partnern. Aber auch Innovationen bei der Finanzierung der Nachhaltigkeit durch indexierte Kohlenstoffanleihen bis hin zu Darlehen für Umwelt-Swaps. Das heißt nicht, dass diese Entwicklungen keinen Raum für Regierungen ließen – Innovationen müssen auf örtlicher, nationaler und multilateraler Ebene von der Politik, den Finanzstrukturen und idealerweise durch Investitionen unterstützt werden, damit ihr Fluss und ihre Kontinuität gewährleistet werden können. Allerdings ist auch klar, dass der private Sektor seine eigene und eindeutige Rolle für die Nachhaltigkeit zu spielen hat - nicht nur reagierend auf die Politik der Regierung, sondern auch als Initiator, um die Agenda weiter nach vorne zu treiben.

Die zunehmend beachtlichere Gesamtheit der Nachweise zeigt, dass Nachhaltigkeit auf Unternehmensebene tatsächlich ein Geschäftsinteresse von Firmen ist. Nachhaltigkeit steigert die Möglichkeiten operativer Effizienz, fördert den Markenwert und das Ansehen, gewährleistet ein besseres Risikomanagement, gewinnt und hält talentierte Mitarbeiter und kommt zudem regulativen Eingriffen zuvor. Es ist nicht so, dass, formulieren wir Milton Friedman einmal um, the business of business nicht länger business ist, sondern vielmehr, dass sich mit Änderung der gesellschaftlichen Ziele auch das ändern wird, was die Definition dessen festlegt, was Rentabilität für ein Unternehmen ist.

Wenn aber Kapitalismus und Nachhaltigkeit in Wirklichkeit zwei Seiten derselben Münze sind, müssen wir nicht dann unsere frühere Ansicht über den Kapitalismus revidieren? Ja, und zwar als ein sich entwickelndes System, das wir auf die gleiche Weise ständig verbessern müssen, wie Apple seine nächste Generation von I-Phones verbessert. Betrachten wir einmal den Erfolg: Für den Kapitalismus der alten Schule ist der Erfolg eines Unternehmens sehr eng definiert als Rentabilität oder Aktienwert, und wird bestenfalls für das Vorjahr, schlimmstenfalls nur für das letzte Quartal ermittelt. Ergebnisse der Nachhaltigkeit, wie Verringerung der Kohlenstoffemissionen, dahingehende Änderungen der eigenen Lieferkette, dass ein Einklang mit den universellen Menschenrechten geschaffen wird und Erhöhung des Frauenanteils im leitenden Management, wurden überhaupt nicht ausdrücklich bewertet. Und dennoch haben sie Wert: Es besteht eine eindeutige Korrelation zwischen Unternehmen mit einem hohen Frauenanteil im Board und auf Ebene des leitenden Managements und der Eigenkapitalrendite und den steigenden Aktienkursen.

Innerhalb der Unternehmen müssen Indikatoren und Messungen den Fortschritt der Nachhaltigkeit wiedergeben, ob im Hinblick auf Umwelt, Geschlecht, Menschenrechte oder andere Faktoren, die für das Unternehmen einen Geschäftssinn ergeben. Pepsico hat zum Beispiel ein Engagement für Ziele entwickelt und veröffentlicht, die im Zusammenhang mit Kernfaktoren von Gesundheit und Umwelt stehen, und hat im gesamten Unternehmen Prozesse eingerichtet, die das Erreichen dieser Ziele sichern sollen. Und Wal-Mart sondiert heute seine Lieferanten nach Nachhaltigkeitskriterien.

Aber wir müssen unser Denken über Nachhaltigkeit und Kapitalismus nicht nur auf Unternehmensebene ändern. Es gilt auch, wirtschaftsweite Implikationen zu berücksichtigen. Nehmen wir unsere traditionelle Messung des nationalen Erfolgs, das Bruttosozialprodukt. Diese Messung ist immer weniger hilfreich: Zum Beispiel bei einem Land, das wegen seiner umweltschädlichen Industrien eine hohe Wachstumsrate des Bruttosozialprodukts aufweist. Das Bruttosozialprodukt sagt nichts darüber aus, ob die heute produzierten Produkte auch langfristig erfolgreich sein werden. Es muss dringend ein Umdenken darüber stattfinden, wie wir Erfolg auf nationaler Ebene ermitteln, damit nicht nur die globale Nachhaltigkeit gesichert werden kann, sondern auch die nationale Wettbewerbsfähigkeit.

Auch die Art und Weise, wie wir unseren kollektiven internationalen Erfolg bewerten, den Weg, den wir global beschreiten, erfordert ein Umdenken. Schließlich ist es meine nachhaltige „Welt“, über die wir nachdenken müssen, und nicht nur isoliert mein nachhaltiges „Geschäft“, „Land“ oder meine nachhaltige „Stadt“. Angesichts der gescheiterten Gespräche nach Kyoto, die uns noch lebhaft in Erinnerung sind, dürfen wir uns bei der globalen Nachhaltigkeit nicht nur auf nationale Regierungen verlassen. Heute besteht eine zwingendere Notwendigkeit denn je zuvor, dass Nachhaltigkeit zu einer weltweiten Initiative wird, an der wir alle gleichermaßen beteiligt sind: als Bürger, Konsumenten, Aktionäre, Rentner, Geschäftsführer, Akademiker und Politiker.

Meine nachhaltige Welt gibt es heute noch nicht. Sie ist eine Hoffnung, die allerdings erreicht werden kann. Die Wahl kann jeder Einzelne treffen, und jeder Einzelne kann die Verantwortung für eine nachhaltige Welt übernehmen.

Die Autoren: Noreena Hertz, geboren 1967 in London, ist weltweit eine der einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftlerinnen. Sie ist unter anderem Professorin für Globalisierung, Nachhaltigkeit und Finanzierung an der Duisenberg School of Finance in Amsterdam.