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Samstag, 14.07.2018

Irische Dürre

Von Philip Campbell

Philip Campbell stammt aus Nordirland, lebt als Lehrer in Hoyerswerda und reflektiert hier seinLeben in der Stadtregion.
Philip Campbell stammt aus Nordirland, lebt als Lehrer in Hoyerswerda und reflektiert hier sein Leben in der Stadtregion.

© Gernot Menzel

Vorige Woche traf ich in Irland ein und musste mich erst einmal zwicken. Der Flughafen sah mit der üblichen Aufregung in den Gesichtern der Reisenden zwar ganz normal aus, aber etwas war anders. Ich konnte es gleich fühlen, als ich aus dem Flugzeug auf die Gangway trat. Es lag etwas in der Luft, das es nur an außergewöhnlich heißen Tagen gibt.

Ich erinnere mich, wie das in meiner Kindheit war: Manchmal hatten wir gleich zwei ganze Tage nacheinander so eine Hitze, dass ich nicht nach draußen wollte. Natürlich haben unsere Eltern uns gezwungen, draußen an der frischen Luft zu spielen. Aber weil diese heißen Tage so rar waren, war niemand darauf vorbereitet. Es gab im ganzen Haus nicht einen Klecks Sonnencreme. Da wir aber nach draußen sollten, hüllte unsere Mutter uns in lange Hosen und langärmelige Hemden, um uns vor der Sonne zu schützen. Das machte die Wärme vollends unerträglich. Wir sahen aus wie Eskimos in der Wüste.

Während der letzten Tage habe ich mit ein paar Freunden in Hoyerswerda gesprochen und sie davor gewarnt, jetzt nach Irland zu reisen. Man findet es hier derzeit nicht einmal. Irland ist durch eine afrikanische Steppe ersetzt worden. Es gibt keinen grünen Hügel mehr zu sehen, dafür aber endlose braune Teppiche verbrannten Grases. Die Flüsse sind zu Rinnsalen geworden. Es ist im Augenblick wirklich sehr schwer, Irland wiederzuerkennen.

Und das ist nur die Oberfläche. Wir leben hier momentan sehr gefährlich. Anarchie beginnt sich breitzumachen. Morgens drehen die Leute das Radio auf und schreien ihre Kinder an, sie mögen still sein, während sie bangen Herzens darauf hören, ob es Regen geben wird. Die Kinder laufen unterdessen wie Geister herum. Ihre Mütter fürchten so, dass sie wie ein Speckstück zerbrutzeln könnten, dass sie jeden Zentimeter der kleinen Körper mit Sonnencreme eingeschmiert haben. Und regelmäßig tragen sie neue Lagen der Creme mit Schutzfaktor 150 auf.

Hältst Du auf der Straße an, um mit Leuten zu sprechen, so wirst Du für Stunden ihr Gefangener, während sie unaufhörlich darüber berichten, wie schwierig ihr Leben wegen der großen Hitze sei. Weil es in Irland keine Klimaanlagen gibt, nehmen die Menschen Kühltaschen mit Kühlakkus mit zur Arbeit. Generell gibt es zwei Dinge, die in diesem Sommer nicht zu kaufen sind. Es gibt keine Ventilatoren und es gibt auch keine Kinder-Swimmingpools. Beides ist seit Juni restlos ausverkauft. Fahren Speiseeiswagen in die Stadt ein, gibt es einen Ansturm von Kindern und Erwachsenen, die nach etwas Kühlung jagen.

Am schlimmsten ist es aber für die Bauern. Unter keinen Umständen sollte man sich derzeit mit ihnen auf ein Gespräch einlassen. Sie haben Nervenzusammenbrüche und können nachts nicht schlafen. Im Morgengrauen glaubt man, draußen Rufe von Wachteln zu hören, in Irland sehr selten gewordenen Tieren. Aber es sind keine Vögel, sondern Männer, die um Regen beten. Sie stecken tatsächlich in großen Schwierigkeiten, haben weder das Gras zum Füttern der Kühe noch ausreichend Wasser. In der Grafschaft Cork lassen die Behörden Wasser über sechzig Kilometer von einem See zu einem anderen fahren. Es ist ein bemerkenswerter Anblick. Konvois von Lkw mit Metallcontainern schlängeln sich wie ein Silber-Flüsschen durch die Landschaft.

Dieses ungewöhnliche Wetter hat aber auch seine Vorteile. Wir können Tag und Nacht die Fenster offenlassen und die Strände sind voll. Normalerweise würde man jetzt nur ein paar ganz Hartgesottene im Wasser sehen. Aber dort sind momentan genauso viele Leute wie am Strand liegen. Und Frauen müssen ihre Tage nicht ums Wäschewaschen herum planen. Als ich ein Kind war, konnten wir nirgends hingehen, bevor nicht die Wäsche trocken war. Wie ein Jäger, der aufs Wild lauert, mussten wir warten, und mit dem ersten Regentropfen gab unsere Mutter den Befehl, aus dem Schützengraben zu springen und die weißen Bettlaken vor den einsetzenden Attacken des Regens zu retten.

Solche Probleme haben wir gerade nicht. Es hat in Irland schon seit vielen Wochen keinen Regen mehr gegeben. Ich bin nun reichlich eine Woche hier und habe den Schmerz, den das verursacht, aus erster Hand miterleben können. Ich habe nun noch anderthalb Wochen Sommerurlaub in der irischen Dürre. Ich hoffe aber doch darauf, dass ich schon sehr bald Zeuge von langen, ergiebigen Regenfällen werde. Denn ich wünsche mir sehr, einmal wieder in die kleinen und fröhlichen irischen Gesichter schauen zu können.