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Freitag, 15.06.2007

Intrige auf Kasachisch

Es ist eine Seifenoper der zentralasiatischen Art, die derzeit in Kasachstan aufgeführt wird.

Von Erik Albrecht

Moskau - Ein Präsident, der seine Tochter zur Scheidung zwingt, ihr Ex-Mann, der als Botschafter seines Landes in Wien beim Friseurbesuch festgenommen wird, und ein weiterer Schwiegersohn, der ebenfalls um seinen Anteil am Rohstoffreichtum des Landes kämpft, geben das Sommertheater in der heißen kasachischen Steppe. Die Machtelite der ehemals sowjetischen Ölrepublik ringt um die Nachfolge von Präsident Nursultan Nasarbajew (66). Doch der durch den anhaltenden Wirtschaftsboom in Teilen der Bevölkerung populäre Autokrat hat sich jüngst erst vom Parlament die Option auf eine unbegrenzte Regentschaft geben lassen.

Zu zweifelhaftem Ruhm war der riesige Steppenstaat im Vorjahr durch den britischen Komiker Sacha Baron Cohen in der Rolle des kasachischen Journalisten Borat gekommen. „Kasachstan größtes Land der Welt“, verkündete Borat in seinem Film in gebrochenem Englisch. „Alle anderen Länder von kleinen Mädchen regiert.“

Dabei sah es gerade im realen Kasachstan lange Zeit so aus, als sollte die älteste der drei Nasarbajew-Töchter, Dariga, ihren Vater politisch beerben. Doch Ende Mai leitete die kasachische Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen deren Ehemann, Rachat Alijew, ein. Alijew, bis vor kurzem Botschafter in Österreich, soll daheim in die Verschleppung mehrerer Mitarbeiter seines Geldinstituts Nurbank verwickelt gewesen sein. „Die Nachricht des Tages: Vor dem Gesetz sind alle gleich“, kommentierten kasachische Medien den Haftbefehl sarkastisch. Kritiker warfen dem Präsidenten immer wiedervor, dass seine Familie praktisch Straffreiheit genießt.

Der Skandal mit Elementen eines Groschenromans besiegelt das Ende eines schleichenden Machtverlustes der Präsidententochter Dariga, einer ausgebildeten Opernsängerin, und ihres Botschafter-Gatten. Beide wurden noch vor kurzem als Kronprinzenpaar gehandelt. In Folge der Strafanzeige hat Alijew die Kontrolle über seinen Fernsehsender KTK und die Wochenzeitung „Karawan“ verloren. Bereits 2006 musste Dariga Nasarbajewa ihre Partei Assar mit der Präsidentenpartei Otan fusionieren.

In der Palast-Intrige könnten allzu deutliche Ambitionen Alijews und Nasarbajewas auf das Präsidentenamt Beobachtern zufolge den Ausschlag für den tiefen Fall gegeben haben. Gleichzeitig baute deren Rivale Timur Kulibajew seinen Einfluss aus. Er ist mit der zweitältesten Tochter Nasarbajews, Dinara, verheiratet und stieg zum Chef des nationalen Öl- und Gasförderers KazMunaiGaz auf.

Denkbar wäre aber auch, dass Nasarbajew, der sein Land seit 1991 ununterbrochen mit harter Hand regiert, nach 2012 weiter im Amt bleiben will. Im Mai verabschiedete das Parlament in der aus dem Steppensand gestampften neuen Hauptstadt Astana im Eiltempo eine Verfassungsänderung. Doch was Nasarbajew als „neue Etappe der demokratischen Umgestaltung des Landes“ feierte, stieß in der schwachen Opposition auf scharfe Kritik. In Wahrheit zementiere der Präsident damit seine autoritäre Stellung.

In Wien wehrte sich der 44-jährige Alijew mit Händen und Füßen gegen den in der Heimat ausgestellten Haftbefehl von Interpol. Tagelang verbarrikadierte er sich in seiner Residenz. Als er sich zum Friseur wagte, schnappten die Handschellen zu. „So straff, als wäre ich ein El-Kaida-Terrorist“, beschwerte er sich in einem Zeitungsinterview.

Kaum per Kaution von einer Million Euro aus der österreichischen Haft frei gekommen, bekam der steinreiche Geschäftsmann eine neue Hiobsbotschaft ins Haus. Seine Frau ließ sich von ihm scheiden. „Die haben sogar meine Unterschrift gefälscht“, ereiferte sich der in Ungnade gefallene Schwiegersohn. Seine Frau habe ihm am Telefon gesagt: „Papa hat mich dazu gedrängt.“ Zu seinen drei Kindern wird Alijew wohl eh nicht so schnell zurückkehren. „In Kasachstan wäre ich so gut wie tot“, sagt Alijew in der Hoffnung, dass Österreich ihn nicht ausliefern wird. (dpa)