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Mittwoch, 12.09.2018

Ins Licht

Moritz Kienemann ist der neue Überflieger am Dresdner Staatsschauspiel. Hier hat Theater mehr Relevanz als in München, sagt er.

Von Johanna Lemke

Moritz Kienemann wurde geboren im Wiedervereinigungsjahr in München – jetzt spielt er am Staatsschauspiel Dresden.
Moritz Kienemann wurde geboren im Wiedervereinigungsjahr in München – jetzt spielt er am Staatsschauspiel Dresden.

© Ronald Bonß

Was Moritz Kienemann wundert: In Dresden vergeht die Zeit langsamer. Manchmal steht er an der Ampel und die wird einfach nicht grün. Dabei ist er sicher, dass die Ampelphasen nicht länger dauern als in Berlin oder München. Aber es fühlt sich so an, als wäre mehr Zeit zum Denken oder Schauen.

Es kommt ihm vielleicht zugute. Hinter Moritz Kienemann liegt ein Jahr, das er als überwältigend bezeichnet. Seit einer Spielzeit ist er festes Ensemblemitglied am Staatsschauspiel Dresden, er kam nach Sachsen, nachdem er zwei Jahre in seiner Heimatstadt München am Volkstheater gespielt hatte. Kurz davor hatte er die Schauspielausbildung in Berlin abgeschlossen, er ist also Anfänger. Einer, der seinen Weg noch finden muss. Doch abgesehen von Ampelphasen blieb nicht viel Zeit zum Innehalten: Moritz Kienemann spielte in einer Spielzeit in vier neuen Inszenierungen mit, jedes Mal in zentralen Rollen. Er spielte unter Volker Lösch in „Weg ins Leben“, in Dostojewskis „Erniedrigte und Beleidigte“ und in „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ nach Christoph Hein. Am meisten prägte sich sein Spiel aber wohl ein durch „Das große Heft“ in der Regie von Ulrich Rasche. Kürzlich gab es dann die Krönung: Schon in seiner ersten Saison am Haus bekam Moritz Kienemann den Erich-Ponto-Preis „für herausragende künstlerische Leistungen“, den der Förderverein des Theaters alle zwei Jahre vergibt. Was für ein Höhenflug!

Zusammenbruch nach der Premiere

„Den Begriff Erfolg versuche ich zu hinterfragen“, versucht dann aber Moritz Kienemann das alles zu relativieren. „Es gibt wenig unstetere Dinge als das, was Erfolg genannt wird. Und gleichzeitig wird ihm so viel Bedeutung beigemessen.“ Es habe ihn vielmehr überrascht, dass er gleich so spannende Rollen spielen durfte, er, der eigentlich ja gerade erst von der Schauspielschule kommt. „Ich kam her mit dem Wunsch, zu zeigen, was ich gelernt habe. Ich bin sehr froh, dass ich das auch kann.“

Und wie er das kann. Moritz Kienemann spielt mit maßloser Energie. Fast vier Stunden geht „Das große Heft“, diese herausragende Inszenierung nach dem Roman von Ágota Kristóf. Auf zwei großen Drehscheiben gehen und gehen und gehen die ausschließlich männlichen und jungen Spieler, sie marschieren, sprechen im Chor, weichen niemals ab. Kienemann ist einer der beiden Darsteller, die am meisten auf der Bühne sind, ein Teil des roten Fadens. Er spielt mit gekrümmtem Rücken, die Schultern hochgezogen wie in einer Verteidigungshaltung, das Gesicht wie in Panik verzerrt. Ein Kind, das von seiner Mutter getrennt wurde und nun Terror und Gewalt ausgesetzt ist und das in diesem Schmerz selbst zum Gewalttäter wird: Moritz Kienemann vereint das ganze Drama in seinem entsetzten Gesicht. Den Text, fast durchgängig im Chor gesprochen, schleudert er heraus, bellt, spuckt. Wer „Das große Heft“ sieht, vergisst diesen Schauspieler nicht so schnell.

Wenn man Moritz Kienemann im Theater trifft, wirkt er viel kleiner als auf der Bühne, jugendlich, fast jungenhaft. Wuschlige Locken, aufmerksamer Blick, federnder Gang. Er sagt: „Als ich nach der Premiere von ‚Das große Heft’ von der Bühne ging, sind mir erst mal die Knie weggebrochen. Ich bekam einen Heulkrampf, und ich fiel nur nicht hin, weil mich ein Kollege auffing.“ Er schiebt es auf die intensive Probenzeit, inzwischen sei „Das große Heft“ gar nicht mehr so anstrengend. Heftiger sei „Erniedrigte und Beleidigte“, die Dostojewski-Inszenierung von Regisseur Sebastian Hartmann. Die Schauspieler haben bei dessen Arbeitsweise keinen festen Ablauf, sie spielen vielmehr aufgrund von Aufgabenbereichen, also von Rollen-, Themen- und Textblöcken, die sie auf der Bühne improvisieren. „Es ist ein wunderbarer Abend! Aber ich verausgabe mich meistens gleich zu Beginn so stark, dass ich am Ende völlig ausgepowert bin“, sagt Moritz Kienemann. Man glaubt es ihm sofort, bei der Kraft, die er in all seine Auftritte steckt.

Geboren wurde Moritz Kienemann im Wiedervereinigungsjahr in München, heute ist er 28. Zum Theaterspielen kam er, weil seine Mutter ihn unausgelastet fand. Der Theaterjugendclub sollte ihm Ausgleich verschaffen. „Ich war ein schreckliches, schreckliches pubertierendes Kind!“, sagt Moritz Kienemann, „meine Mama tut mir heute noch leid!“ Er war Punker, reagierte sich bei der Musik der Sex Pistols ab. „Bis ich gemerkt habe, dass es gar nicht um Punk geht, sondern dass die Unruhe in mir ist. Theater war dann mein Ventil.“

Wenn er eine Pause macht beim Sprechen, hält Moritz Kienemann nie still. Er greift zur Wasserflasche, trinkt einen Schluck, knetet die Hände, umfasst seine Arme. Manchmal ballt er seinen Oberkörper zusammen vor Anspannung. „Nein, ich habe nichts gegen meine Unruhe“, sagt er dann grinsend. „Ich hoffe, ich behalte sie noch eine Weile.“

Es gibt Schauspieler, die handeln aus, dass sie nur eine oder zwei neue Produktionen pro Spielzeit übernehmen. Moritz Kienemann macht einfach mal vier. Und es kommen neue dazu: Am 15. September wird er in der Uraufführung von „Odyssee“ auf der Bühne des Dresdner Theaters stehen. Die Homer-Adaption von Roland Schimmelpfennig ruft Jugenderinnerungen bei ihm hervor: Auf dem humanistischen Gymnasium in München lernte er zusätzlich zu Latein auch Altgriechisch. „Mein Lieblingsfach! Die Poesie dieser Sprache, ich liebe sie. Ich kann den Anfangsgesang der ‚Odyssee‘ von Homer noch immer auswendig. Im Original.“

Schimmelpfennig hat den antiken Text neu bearbeitet, doch auch die moderne Version liest sich für Moritz Kienemann „wie eine Partitur“. Weil es in dem Stoff viel um Heimat geht, laufen die Proben unter Regisseur Tilmann Köhler derzeit nicht ohne Blick auf die Ereignisse von Chemnitz ab. „Ich bin schockiert und fasziniert davon, was hier in Sachsen passiert“, sagt Moritz Kienemann. „Aber es ist auch spannend, weil man künstlerisch dazu Haltung beziehen muss.“ Im Vergleich zu Dresden komme ihm Theater in München manchmal wie ein netter Luxus vor. Die Zuschauer fanden gut, was gemütlich blieb, sagt Moritz Kienemann. „Hier habe ich das Gefühl, dass das Theater eine Relevanz hat.“

Wie hält man so ein dauerhaft hohes Leistungslevel durch, das er in den letzten Monaten vorgelegt hat? Der Münchner in Dresden geht zum Ausgleich, klar: wandern. Boofen in der Sächsischen Schweiz hat er für sich entdeckt. Aber manchmal muss es auch die Playstation sein, Fußball zocken – und mal nicht nachdenken. Derweil versucht Moritz Kienemann, den Erfolgskurs nicht zu ernst zu nehmen. „Kann ja alles morgen wieder vorbei sein“, sagt er. „Das wäre auch okay. Hoffe ich.“

„Die Odyssee“, Uraufführung: 15.9., 19.30 Uhr, Staatsschauspiel Dresden (weitere Vorstellungen: 18. und 24.9., 7.10.), „Erdniedrigte und Beleidigte“: 21.9., 2.10., „In seiner frühen Kindheit ein Garten“: 23.9., „Das große Heft“: 10.10. Karten unter: 0351 4913555