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Mittwoch, 02.08.2017

Impfstoff-Firma lässt Viren bis in die Elbe fließen

GlaxoSmithKline hat den Verstoß selbst gemeldet. Behörden haben die Gefahren für Mensch und Umwelt geprüft.

Von Peter Hilbert

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In Sicherheitslaboren wie diesem wird bei GlaxoSmithKline im Dresdner Zentrum an Grippeimpfstoffen gearbeitet. In dem Betrieb ist allerdings ein fataler Fehler passiert. Durch falsch installierte Abflüsse sind aus zwei Räumen jahrelang Grippeviren mit dem Abwasser direkt in den Kanal geflossen.
In Sicherheitslaboren wie diesem wird bei GlaxoSmithKline im Dresdner Zentrum an Grippeimpfstoffen gearbeitet. In dem Betrieb ist allerdings ein fataler Fehler passiert. Durch falsch installierte Abflüsse sind aus zwei Räumen jahrelang Grippeviren mit dem Abwasser direkt in den Kanal geflossen.

© dpa

Dresden. Grippe- oder Influenzaviren sind nur wenige Tausendstel Millimeter klein. Dennoch sorgen sie Jahr für Jahr für Infektionen, die teilweise drastisch enden können. Ihnen hat das Unternehmen GlaxoSmithKline (GSK) an der Dresdner Zirkusstraße den Kampf angesagt. Rund 700 Mitarbeiter sind dort beschäftigt. Als Teil eines Weltkonzerns stellt das Unternehmen hochwirksame, verträgliche und bezahlbare Grippeimpfstoffe her, so die Firmenphilosophie. Und dennoch sind genau aus diesem Gesundheits-Unternehmen in den vergangenen Jahren Viren ins Dresdner Abwasser gelangt. Ein klarer Verstoß gegen die Betriebsgenehmigung, der hinter den Kulissen in den vergangenen Wochen viel Wirbel verursacht hat.

Die Regeln sind klar. Die Stadtentwässerung Dresden erteilt die Genehmigung zur Einleitung nur, wenn virenhaltige Abwässer speziell behandelt und damit „inaktiviert“ wurden, wie es im Fachjargon heißt. Selbst im Havariefall müssen Schieber oder Pumpen verhindern, dass Viren in den Kanal gelangen. Nachdem die SZ am Mittwoch nachfragte, überschlugen sich das Unternehmen und Behörden mit Statements zu dem Fall. Beim Umbau im damaligen Serumwerk zwischen 2001 und 2003 seien die Abläufe in zwei Reinigungsräumen falsch angeschlossen worden, teilt GSK-Sprecher Markus Hardenbicker mit. Seitdem floss Abwasser, in dem sich Influenzaviren befinden, direkt in den Kanal.

Normalerweise muss dieses Abwasser in der Werksanlage speziell behandelt werden, so dass die Gefahr gebannt ist. Bei Umbauarbeiten sei der Fehler bereits am 7. Juli festgestellt worden. Das Unternehmen hat sich bei den zuständigen Behörden selbst angezeigt. Binnen eines Tages seien die Abwasseranschlüsse vorschriftsgemäß umgebaut worden. „Zudem wurde das Leitungssystem für alle betroffenen Abwässer aus der Produktion des gesamten Werkes vollständig überprüft und deren korrekte Anbindung bestätigt“, so der Sprecher.

Das Unternehmen versichert, dass es wegen des Fehlers zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für Mensch, Natur und Umwelt gegeben habe. „Wasser und vor allem Abwasser sind kein natürlicher Infektionsweg für den Menschen.“ Bei den im Werk genutzten Impfviren handelt es sich zudem um für die Produktion angepasste Typen. Diese seien so abgeschwächt, dass sie nicht krank machen würden.

Das Dresdner Rathaus hat den Fall intensiv geprüft. „Nach Einschätzung des Gesundheitsamtes bestand für die Bevölkerung von Dresden, auch für die unmittelbare Nachbarschaft des Unternehmens, keine Gefahr, sich mit Influenza-Viren aus dem Abwasser anzustecken“, erklärt Stadtsprecher Kai Schulz. Aus mehreren Gründen sei eine Ansteckung über das Abwasser unwahrscheinlich. Schließlich würden die Grippeviren vor allem über Tröpfcheninfektion übertragen. Außerdem seien diese im Gegensatz zu anderen Viren für Umwelteinflüsse und Chemikalien anfälliger und weniger stabil. Beim Verschlucken von mit Grippeviren belastetem Abwasser würden sie durch die Magensäure inaktiviert.

Im Abwasser sind die Krankheitserreger durch das Klärwerk Kaditz bis in die Elbe geflossen. Obwohl die Reinigungsanlagen modern ausgebaut sind, können Viren dort kaum entfernt werden. Dafür ist die Technik nicht ausgelegt. Allerdings argumentiert der Rathaussprecher, dass sich das mit Viren belastete Wasser mit anderem Abwasser im Kanal stark verdünne. Deshalb wird am Abfluss des Klärwerks von einer sehr geringen Konzentration ausgegangen. Nicht einmal die stärker krankheitserregenden Wildviren seien dort so stark nachweisbar, dass Menschen dadurch infiziert werden könnten.

Das sächsische Umweltministerium hält es zudem für sehr unwahrscheinlich, dass Fische oder andere Tiere in oder an der Elbe gefährdet worden sein könnten. „Damit sind Verstöße gegen die Betriebsgenehmigung der Anlage nach heutiger Einschätzung ohne negative Folgen geblieben“, resümiert das Ministerium. So scheint der Dresdner Impfstoffhersteller mit einem blauen Auge davonzukommen. Die SZ hakte bei der Stadt nach, wie der Verstoß geahndet wird. „Der Vorgang wird nach wie vor von den Fachämtern ausgewertet“, reagiert der Rathaussprecher. „Über mögliche Konsequenzen können wir heute noch nichts sagen.“

Leser-Kommentare

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Insgesamt 22 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. knut knebel

    Wann kommt denn endlich die tolle Werkserweiterung bis fast ran ans (nicht abgerissene) Hotelhochhaus am Terrassenufer? Die ganze Fläche gehört dem Chemiekonzern. Eine Chemiebude hoher Toxizität 400m von der Frauenkirche entfernt und inmitten von innerstädtischen Wohngebieten kann hier nur aufgrund alten Bestandsschutzes existieren. Danke noch an die Neoliberalen von CDU+FDP für die erste große Erweiterung der Chemiebude. Natürlich gibt es Auflagen zum Emissionsschutz - aber wir wissen alle, daß man es eben immer mit Menschen zu tun hat. Die Chemiebude von Glaxo schließt m. Wissens auch WohnNEUbau in naher Umgebung aus - und schaut, was dort im Umfeld passiert. Das sieht 400m vom Neumarkt wie Hinter-Murmansk aus, das Unternehmen erdreistet sich zudem, eine Dauerbaustelleneinrichtung über zig Jahre an der Pillnitzer Str. zu platzieren - klar eine Stadtverschönerungsmaßnahme. Auch hat hier vor Jahren der Stadtrat versagt, den Erweiterung-B-Plan zu beschließen. Hebt den nun auf! Das geht.

  2. Talbewohner

    Es ist nicht "nur" schlecht, Industriearbeitsplätze in der Stadt zu haben und mal ehrlich soo gefährlich ist diese Hochsicherheitsbude nun nicht. Gerade die Lage in der Stadt sorgt beim Abwasser für die Verdünnung bis zur Unschädlichkeit, darüberhinaus ist ggf. nicht geklärt ob durch diese Bodeneinläufe jemals belastetes Abwasser gelaufen ist. Mein Taschentuch mit Grippeviren geht auch in den normalen Müll. @Knut: Zum Thema Wohnungsbau in der Nähe, die VONOVIA will direkt daneben Neubauten hinsetzen, das stand hinlänglich in der Presse.

  3. zorrodood

    Wer mit Abwasser in Berührung kommt, sollte sich über andere Dinge Sorgen machen, als über Grippeviren.

  4. Dresdner Bürger

    Stellt sich mir nur die Frage, was wird getan, um solche Vorfälle, mit möglicherweise verheerenderen Folgen für die Menschheit in der Zukunft besser auszuschliessen. Kann im konkreten Fall irgendwer sinnvoll zur Verantwortung gezogen werde und erfolgt selbiges mit vllt. abschreckenden Strafen unter den Augen auch der Öffentlichkeit und nicht vermittels zwielichtigem Gefasel eben gerade unter deren Ausschluss!? Redakteure, ran an die Schreibfedern, hier kann man noch einen Pulitzer-Preis bekommen!!!

  5. jack

    @4, Dresdner Bürger - selten habe ich so einen Schwachsinn und Unfug gelesen. Die Vorschriften für den Bau solcher Anlagen und Strafen bei Fehlern sind bereits existent und rechtskräftig. Wie weiter oben schon geschrieben wurde sind es am Ende doch immer noch "nur" Menschen die am Ende handeln. Es werden immer Fehler passieren, egal wie viele Gesetze und Strafen es geben wird. Eine Überregulierungs(wut) ist niemals die Lösung. Und den ganzen Unfung dann noch durch die Presse hypen und die Sache ad absurdum führen hilft erst recht nicht.

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