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Freitag, 14.09.2018

Immer weniger Tagesmütter

Die Zahl der Tagespflegestellen für Kleinkinder nimmt ab. Vor allem die Gemeinden stehen in der Kritik.

Von Constanze Junghanß

Ein super Betreuungsschlüssel und familiäres Umfeld sind nur einige der Vorteile, die bei Tagesmüttern betreute Kinder haben. Und trotzdem stellt sich immer mehr heraus, dass es offenbar kein Erfolgsmodell ist. Dafür müsste es mehr offizielle Unterstützung geben, finden die Tagesmütter. Von Kommune oder Landkreis fühlen sie sich oft allein gelassen.
Ein super Betreuungsschlüssel und familiäres Umfeld sind nur einige der Vorteile, die bei Tagesmüttern betreute Kinder haben. Und trotzdem stellt sich immer mehr heraus, dass es offenbar kein Erfolgsmodell ist. Dafür müsste es mehr offizielle Unterstützung geben, finden die Tagesmütter. Von Kommune oder Landkreis fühlen sie sich oft allein gelassen.

© Uwe Soeder

Schöpstal. Doreen Pätzold formuliert es drastisch: „Wir werden immer weniger. Unser Beruf steht wohl auf der Abschussliste“, befürchtet die Tagesmutter aus dem Schöpstal. Von den ehemals sieben Tagesmüttern auf den Dörfern im Görlitzer Umland gibt es jetzt noch fünf. Eine weitere Tagesmutter kündigt an, im kommenden Jahr in eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit wechseln zu wollen. Dann wären es nur noch vier. Ähnliches ist beispielsweise in Zittau zu beobachten gewesen. Dort haben in den vergangenen Jahren mit Stand vom Mai 2018 zwei der einst sieben Tagespflegestellen ihre Arbeit eingestellt.

Zu wenig Unterstützung


Den Rückgang von Tagesmüttern bestätigt auch der Landkreis Görlitz. Zwar würden sachsenweit immer mehr Eltern ihre Kinder in Kindertagespflegestellen betreuen lassen, heißt es vonseiten des Landratsamtes. „Die Zahl der Tagesmütter nimmt jedoch ab“, sagt Kreissprecherin Julia Bjar. Im Reichenbacher Ortsteil Sohland gehörten die Tagesmütter Anita Walter und Katrin Röke zu den Vorreiterinnen für diese individuelle Betreuung von Kleinkindern. Frau Walter arbeitete bis 2016 als Tagesmutter in Räumen in der ehemaligen Grundschule des Ortes. Nun kündigt auch Katrin Röke ihren Abschied an und informiert darüber öffentlich im aktuellen Amtsblatt der Stadt Reichenbach. Die Tagesmutter aus Sohland schreibt, dass sie bis zum Oktober des kommenden Jahres ihre Kindergruppe betreut und danach in eine Einrichtung wechseln möchte. Sie führt verschiedene Gründe für ihre Entscheidung auf. Persönliche sind das vor allem. Aber auch, dass im ländlichen Raum Tagesmütter von den Gemeinden wenig Unterstützung und Förderung bekämen, wird von Katrin Röke kritisiert. Die Arbeit würde oft unterbewertet. Im Krankheitsfall gebe es weder eine Vertretung noch eine finanzielle Absicherung. Diese Probleme hätten auch andere Tagesmütter.

Seit zwölf Jahren arbeitet Doreen Pätzold in ihrem Beruf. „Manchmal denke ich schon ans Aufhören“, sagt sie. Die Schöpstaler Tagesmutter steht mit fünf Plätzen im Kita-Bedarfsplan. Aktuell betreut sie vier Kinder. Die volle Auslastung sei jedoch wichtig. Denn Tagesmütter tragen das unternehmerische Risiko allein. Die Finanzierung der Kindertagespflegestelle erfolgt durch den Freistaat, die Kommune und die Eltern. Dabei gelten für die Zahlung vom Landeszuschuss und die Elternbeiträge die gleichen Maßstäben, wie für die Kitas.

Landkreis gibt Verantwortung weiter


Was Doreen Pätzold bemängelt: „Ich habe noch kein Kind von der Gemeinde vermittelt bekommen.“ Da fühlt sie sich etwas allein gelassen. Wobei Eltern selbst bestimmen, wo sie ihr Kind betreuen lassen möchten. Tagesmütter seien vor einigen Jahren noch gefragter gewesen, ist ihre Einschätzung. Das habe sich geändert, weil in den Städten mehr Betreuungskapazitäten für Null- bis Dreijährige geschaffen wurden. „Wenn sich immer weniger Eltern für eine Tagesmutter entscheiden, ist das für diesen Berufsstand existenzgefährdend“, sagt Doreen Pätzold. Dazu komme, dass im Krankheitsfall niemand einspringt. Es gebe keinen Ersatz in einer solchen Notsituation. Eine „Springertagesmutter“ könnte das Problem abfedern. Der Landkreis sieht sich dafür aber nicht in der Pflicht, da er keine Plätze in der Kindertagespflege in eigener Trägerschaft anbietet. „Hierfür sind die einzelnen Kommunen verantwortlich“, teilt die Sprecherin des Landratsamtes, Julia Bjar, mit. Eingeräumt wird aber, dass der Landkreis Görlitz in der Verantwortung steht, die Diskussion zu Vertretungsmodellen in den Städten und Gemeinden anzuregen. „Die Auswahl des individuell passenden Modells und deren Umsetzung ist jedoch Sache der Städte und Gemeinden in Zusammenarbeit mit den Kindertagespflegepersonen.“

Offen bleibt, welche Zukunft Tagesmütter im Kreisgebiet haben. „Kindertagespflege wird bedarfsgerecht etabliert“, heißt es dazu. Der Blick in die Statistik der Kita-Bedarfsplanung vom Landkreis zeigt, dass 44 Kindertagespflegepersonen in diesen Plan aufgenommen wurden – darunter auch zwei Tagesväter. Der Bedarfsplan galt und gilt für die Schuljahre von 2016 bis 2019. Vor drei Jahren gab es im Kreisgebiet 196 Plätze, die zu knapp über 90 Prozent ausgelastet waren. Zu dem Zeitpunkt stand bereits fest, dass bis zum Sommer 2017 drei Tagesmütter ihren Beruf aufgeben. Dafür kamen in Seifhennersdorf und Weißwasser neue Tagespflegestellen dazu.