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Montag, 17.10.2011

„Ich habe Schlager gehasst wie die Pest“

Der „König von Mallorca“ Jürgen Drews über die heile Schlagerwelt, deutsches Schubladendenken und böse Kritik von Heino.

Für die einen ist er schlicht der Gipfel der Peinlichkeit, für die anderen ein Original der leichten Muse, das sich nie verstellt hat. Seit 35 Jahren vagabundiert Jürgen Drews gnadenlos durch die deutsche Unterhaltungswelt. Nach Gospel mit den Les Humphries Singers und einem rockigen Gastspiel in den USA in den 80ern hat „Onkel Jürgen“ mit nun 66 Jahren auf Mallorcas Partybühnen seine Bestimmung gefunden. Dafür ist er jetzt sogar unter die Piraten gegangen.

Herr Drews, warum ist der „König von Mallorca“ kein Popstar?

Das frage ich mich auch. Und zwar seit 1976. Ich habe mich immer zwischen Pop und Schlager gesehen. Die Öffentlich-Rechtlichen teilten aber in der Bundesrepublik in den 70ern ganz klar ein: Das ist Pop, und das ist Schlager. Und ich war eben Schlager, und da kommst du nie wieder raus. Wenn du dann ein klein bisschen rockiger wirst, dann wirst du in den Schlagersendungen nicht mehr gespielt. Und beim Pop auch nicht. Wenn du dir dann nicht selbst deine Gefolgschaft erarbeitest, dann bist du geküsst. Dann kannst du aufhören.

In einem Ihrer neuen Titel heißt es „Wir leben Schlager, die Musik, die uns glücklich macht.“ Ist das authentisch?

(lacht) Nein, das ich schon mit Augenzwinkern gedacht. Der Titel ist mir angeboten worden, und ich hab gesagt, wisst ihr, ich habe Schlager mal gehasst wie die Pest. Das war politisch für mich immer ganz rechts außen. Irgendwann habe ich das dann mal anders eingeordnet und mir gedacht: Hey, das ist doch eigentlich ganz witzig.

Heute kokettieren Sie geradezu mit Ihrem Image. Ihr neues Album heißt „Schlagerpirat“.

Ja, ich habe auf Mallorca eine Nische gefunden. Den Partyschlager. Ich bin da zufällig reingerutscht, nachdem mir Diskjockeys im Partybereich den Tipp gegeben, dass das ankommt. Man muss in dieser Branche eben ein bisschen rumstöbern wie ein Pirat auf See. Deswegen Schlagerpirat.

Warum mögen Menschen Schlagermusik?

Wegen der einfach gestrickten Melodieführung und den einfachen Texten, bei denen man nicht zu überlegen braucht. So ein bisschen heile Welt, das wollen die Leute.

Auch die jungen?

Na klar. Bei meinen Auftritten grölen junge Mädchen, die gerade Abitur gemacht haben. Auch Studenten. Zum allergrößten Teil sind das Leute, die aus ganz anderen Musikrichtungen kommen. Die hören genauso Black Eyed Peas wie ich Black Eyed Peas höre. Aber wir treffen uns alle für einen Abend in einer Nische – und die heißt Party.

Party, aber nicht Schlager.

Stimmt schon, es ist immer eine ganz andere Aufgabe, an die echten Schlagerfans heranzukommen und nicht nur an die Partyfans auf Mallorca. Deswegen habe ich mich überzeugen lassen, dass eine zweite Version meiner Titel für die Radiosender gemacht wird. Das Ergebnis war die Nummer Eins für „Ich bau dir ein Schloss“ und später für „Wenn die Wunderkerzen brennen“ in den Schlagercharts. Ich hab so gelacht.

Eines der neuen Lieder heißt „Nee, was ist das schön“. Müssen Sie Ihren Kopf abschalten, bevor Sie auf die Bühne kommen?

(lacht) Da muss ich den Kopf nicht abschalten. Spätestens bei dem Lied ist doch klar: Das ist platt wie ne Ente und einfach nur Spaß. Hey, wir feiern Party, wie geil. Das ist die ganze Aussage. Nicht mehr und nicht weniger.

Heino schimpfte kürzlich über den Popschlager: „Drei Harmonien, ein ständiges ‚Bumm-Bumm‘, das hat nichts Bleibendes“. Hat er recht?

Nee, absolut nicht. Dabei bin ich heute mit Heino befreundet, der mal mein absolutes Feindbild war. Ich singe heute immer noch auf das Playback von „Ein Bett im Kornfeld“ von 1976. Also wenn das nichts Bleibendes ist. Oder was ist mit „Irgendwann, Irgendwo, Irgendwie“. Hallo? Also da hat er es sich ein bisschen einfach gemacht.

Der Schlager hat viele tragische Figuren hervorgebracht. Roy Black zum Beispiel. Oder Freddy Quinn. Warum konnten sie nicht ausbrechen aus dieser Welt?

Ach, das haben so viele versucht, und die meisten haben irgendwann aufgegeben. Howard Carpendale hat gezeigt, dass es auch anders geht. Den fand ich ja auch fürchterlich schnullimäßig früher. Irgendwann ist er dann immer poppiger geworden und hat sich gesagt: Ich gehe in die Hallen. Ist mir egal, ob die am Anfang nur mit 500 Leuten gefüllt sind. So hat er sich seine eigene Gefolgschaft geschaffen. Erst die Frauen, dann ihre Begleiter. Nach acht, neun Jahren stieg dann der Rundfunk einigermaßen ein. „Hello Again“ wurde ein Riesenhit.

Und Sie selbst?

Ich bin einen anderen Weg gegangen und mitten in der Karriere abgehauen in die USA. Ich habe mir gesagt, ich bleib nicht ewig beim Schlager. 1979 war ich in den USA als J.D. Drews mit „Don’t want nobody“ in den TOP50. Das steht falsch auf Wikipedia.

Tickt die US-Musikwelt anders?

Die kennen diese großen Schubladen einfach nicht. Bei uns ist alles von Heino bis Wolfgang Petry Schlager. Und das andere ist alles Pop. Das ist totaler Quatsch. Du musst ganz kleine Schubladen machen. Ob das Dance, Rap oder Country ist. Die haben alle ihre eigenen US-Hitparaden. Dort würde so was nie passieren, dass jemand mit „Ich bau dir ein Schloss“ auf Nummer Eins ist und trotzdem von den Popradios nicht gespielt wird.

Was ist eigentlich aus den Les Humphries Singers geworden?

Die haben sich wieder neu formiert. Vier aus der alten Besetzung sind wieder mit dabei, auch ich selbst hin und wieder. Bei den jetzt geplanten Aufritten werde ich aber immer mal nur eine Viertelstunde auftauchen, wenn ich kann.

Das Interview führte Henry Berndt.