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Montag, 02.07.2018

„Ich bin mir im Reinen“

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So streckte sich Marcus Hesse vor zehn Jahren in Dresden auf dem Trainingsplatz. Die SG Dynamo hatte ihn 2007 verpflichtet. Foto: Th. Eisenhuth
So streckte sich Marcus Hesse vor zehn Jahren in Dresden auf dem Trainingsplatz. Die SG Dynamo hatte ihn 2007 verpflichtet. Foto: Th. Eisenhuth

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  • So streckte sich Marcus Hesse vor zehn Jahren in Dresden auf dem Trainingsplatz. Die SG Dynamo hatte ihn 2007 verpflichtet. Foto: Th. Eisenhuth
    So streckte sich Marcus Hesse vor zehn Jahren in Dresden auf dem Trainingsplatz. Die SG Dynamo hatte ihn 2007 verpflichtet. Foto: Th. Eisenhuth
  • Knapp 2000 Zuschauer sahen am Freitag den 8:0-Sieg der Dresdner Dynamos. Vor der Partie wurde bei der BSG Stahl Marcus Hesse, David Wukasch und Robert Biedermann verabschiedet (von links nach rechts). Außerdem erhielt der 74 Jahre alte Klaus Schlutt (rechts) eine Auszeichnung. Foto: Ronny Belitz
    Knapp 2 000 Zuschauer sahen am Freitag den 8:0-Sieg der Dresdner Dynamos. Vor der Partie wurde bei der BSG Stahl Marcus Hesse, David Wukasch und Robert Biedermann verabschiedet (von links nach rechts). Außerdem erhielt der 74 Jahre alte Klaus Schlutt (rechts) eine Auszeichnung. Foto: Ronny Belitz

Am Freitag wurde Marcus Hesse bei der BSG Stahl Riesa verabschiedet. Der Torhüter beendet seine aktive Laufbahn. Der Rahmen für sein Abschiedsspiel war perfekt, denn Hesses Ex-Verein Dynamo Dresden weilte zum Freundschaftsspiel in der Feralpi-Arena. Hesse spielte von 2011/12 und ab 2014 für Stahl, war in der abgelaufenen Saison der Kapitän der Riesaer Mannschaft. Hinter dem 34-Jährigen liegt eine Laufbahn, die ihn bis in die Bundesliga führte.

Herr Hesse, Sie sind im besten Torwartalter. Warum hören Sie auf?

Ich habe jetzt fast 30 Jahre jedes Wochenende auf dem „Acker“ gestanden. Irgendwann im Leben verschieben sich die Prioritäten. Zudem verdiene ich nicht mit dem Fußball mein Geld. Beruf und Familie stehen im Vordergrund und ich möchte an den Wochenenden nicht mehr diese Verbindlichkeiten. Körperlich wäre es kein Problem, noch in der Landesliga zu spielen.

Ist die Entscheidung endgültig?

Ich sage jetzt nicht, ich stelle mich nie wieder zwischen die Pfosten. Ich werde auch noch hin und wieder am Training in Riesa teilnehmen und mich im Trainerstab engagieren. Bei Stahl wissen sie, dass ich einspringe, sollten unsere Torleute ausfallen.

Was halten Sie von Ihrem 22 Jahre alten Nachfolger Alexander Goldhammer?

Für die Landesliga ist er ein guter Keeper mit einer sauberen Torwart-Technik. Er muss natürlich noch einige Dinge lernen und ich werde ihn weiterhin unterstützen. Ich sehe da schon ein paar Parallelen zu meiner eigenen Entwicklung. Ich freue mich auf die Arbeit im Trainerteam.

Sie wechselten 2001 vom SC Borea zu Alemannia Aachen. Wie kam es dazu?

Ich war 17 Jahre alt und Jugend-Nationaltorhüter. Damals gab es Angebote von Mönchengladbach und Schalke 04. Ich habe mich damals für Aachen entschieden, weil ich als Juniorentorwart schon bei den Profis mittrainieren konnte. Entdeckt hat mich übrigens Christian Titz, der jetzt den Hamburger SV trainiert. Er war damals Scout und U19-Coach bei Alemannia. Ich habe übrigens dann sechs Jahre bei ihm und der Familie seiner Frau gewohnt, er war sozusagen mein Ziehvater. Wir halten bis heute engen Kontakt.

Sechs Jahre später waren Sie ganz oben angekommen, bestritten im Mai 2007 zwei Bundesligaspiele. Warum sind Sie nach der Saison vom „Tivoli“ weg?

Es gab eine von Dynamo. Ralf Minge, der früher mein Sportlehrer an der Sportschule in Dresden war, hatte mir zugesichert, dass ich als Nummer eins vorgesehen bin. In Aachen konnte mir das Manager Jörg Schmadtke damals nicht zusichern. Ich war 23, wollte regelmäßig spielen und konnte zurück in die Heimat. Das schien alles so zu passen.

Wann trafen Sie die Entscheidung, die Profilaufbahn zu beenden und einen anderen Berufsweg einzuschlagen?

Bei Dynamo lief es für mich nicht gut. Ich hatte drei Trainer in zwei Jahren, das sagt ja viel. Irgendwann habe ich auch gemerkt, dass mein Körper für Hochleistungssport nicht unbedingt geeignet ist. Bis heute hatte ich 27 Verletzungen. Ich bekam nach meiner Dynamo-Zeit auch keine Angebote, um als Profi weiterzumachen. Und dann habe ich mich beruflich neu orientiert und bin ins Online-Marketing eingestiegen.

Sie leiten zusammen mit Ihrem Bruder Felix eine Firma. Können Sie kurz beschreiben, was genau bei „Netzproduzenten“ passiert?

Mein Bruder macht das schon mehr als zehn Jahre. Wir waren beide selbstständig, haben u. a. am Design der Fußballbücher von Christian Titz mitgewirkt. 2016 haben wir die Firma gegründet. Heute haben wir Kontakte in ganz Europa. Einfach gesagt, sind wir der Digital-Partner für Unternehmen, optimieren zum Beispiel den Webauftritt einer Firma mit dem Ziel Umsatz zu generieren. Oder schalten gezielte Werbeanzeigen in den Suchmaschinen.

Würden Sie alle Entscheidungen, die Sie als Fußball-Profi getroffen haben, noch einmal so realisieren?

Nein. Erstens würde ich viel mehr auf meinen Körper hören und nicht auf Teufel komm raus weitertrainieren. Und zweitens würde ich nicht noch einmal von Aachen zu Dynamo wechseln. Jedenfalls nicht unter den Bedingungen, wie sie damals in Dresden waren. Ansonsten bin ich aber mit mir im Reinen. Ich habe vor 60.000 Zuschauern gespielt, war acht Jahre Profi und habe von der U16 bis zur U20 dem DFB-Nachwuchsauswahlkader angehört.

Sie kamen 2011 nach Riesa. Wer hat Sie damals zu Stahl geholt?

Die Sache hat eine Vorgeschichte. Ich hatte beim SC Borea in der Oberliga unterschrieben. Wir hatten eine wirklich gute Mannschaft und ich mit Ignjac Kresic einen sehr guten Trainer. Doch dann entschied die Vereinsführung nach wenigen Spieltagen, die Mannschaft aus finanziellen Gründen abzumelden. Kurz nach dem Saisonstart standen wir plötzlich ohne Verein da. Und da kam die Anfrage von Hubert Lein aus Riesa. Das hat sofort gepasst, und ich hatte wieder richtig viel Spaß am Fußball.

Von 2012 bis 2014 haben Sie in der Regionalliga für den VfR Neumünster im Tor gestanden. Als Vollprofi?

Nein, da habe ich mein Geld schon im Online-Bereich verdient. Dort hat mich in erster Linie die sportliche Herausforderung gereizt, noch einmal in der vierten Liga zwischen den Pfosten zu stehen. In den zwei Jahren habe ich in Hamburg gelebt. Eine tolle Stadt, eine schöne Zeit.

Stimmt es, dass Sie 2013 zweimal ausgezeichnet wurden?

Ja, ich wurde zum Torhüter der Regionalliga Nord und anschließend zum Sportler des Jahres in Neumünster gewählt.

Wie würden Sie die letzten vier Jahre in Riesa einschätzen?

Es stand fest, dass ich wieder zur BSG Stahl zurückkehre. Ich fühle mich in diesem Verein einfach richtig wohl, auch das Umfeld hat mir viel Anerkennung entgegengebracht. In der letzten Saison war ich ja dann auch Kapitän der Landesliga-Mannschaft. Allerdings ist die Qualität des Kaders in diesen vier Jahren nicht besser geworden. Im Gegenteil, viele Abgänge wurden nicht adäquat ersetzt.

Wird man Sie auch als Cheftrainer in den nächsten Jahren sehen?

Vorstellen kann ich mir das schon, aber nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Aber manchmal geht das im Fußball bekanntlich sehr schnell. Mein guter Freund Frank Paulus sitzt jetzt auch beim VfL Pirna-Copitz auf dem Trainerstuhl. Ich glaube nicht, dass er im Sommer 2017 einen Gedanken daran verschwendet hatte, den Job von Nico Däbritz dort zu übernehmen.

Das Gespräch führte Jürgen Schwarz