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Mittwoch, 29.08.2018

Hohe Hürden für Lehrer-Nachwuchs

Trotz Pädagogen-Mangels ist der Zugang zum Studium teils begrenzt. Abiturienten wie Jette Strahl aus Reichenbach müssen sich gedulden.

Von Ines Eifler

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Von Unterrichtsausfall bleiben zurzeit nur wenige Schulen verschont. Der Lehrermangel wird noch einige Jahre bleiben.
Von Unterrichtsausfall bleiben zurzeit nur wenige Schulen verschont. Der Lehrermangel wird noch einige Jahre bleiben.

© Dietmar Thomas/Archiv

  • Von Unterrichtsausfall bleiben zurzeit nur wenige Schulen verschont. Der Lehrermangel wird noch einige Jahre bleiben.
    Von Unterrichtsausfall bleiben zurzeit nur wenige Schulen verschont. Der Lehrermangel wird noch einige Jahre bleiben.
  • Jette Strahl aus Reichenbach hat sich für ein Lehrerstudium beworben.
    Jette Strahl aus Reichenbach hat sich für ein Lehrerstudium beworben.

Reichenbach/Dresden. Seit ihrer Kindheit will Jette Strahl Lehrerin werden. „Am liebsten Grundschullehrerin“, sagt die 18-Jährige aus Reichenbach. Als sie im Juni ihr Abiturzeugnis mit einem Notendurchschnitt von 2,2 in den Händen hielt, war sie zuversichtlich, vielleicht schon in diesem Herbst ein Studium in Dresden beginnen zu können. Zwar wusste sie, dass die Zugangsbeschränkung Numerus Clausus (NC) im vergangenen Jahr bei Note 2,1 gelegen hatte. „Aber ich dachte, wenn so viele Lehrer in Sachsen gebraucht werden, habe ich vielleicht Glück.“

Dann aber kam die Absage. Jette Strahl war enttäuscht. In ein anderes Bundesland mit für sie günstigerem NC zu gehen, kam nicht infrage. „Nur 160 Plätze an der TU Dresden für über 2 300 Bewerber, das ist schon kurios in Zeiten des Lehrermangels.“

Andreas Friedrich, Sprecher des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst, kann das erklären. Die sächsischen Hochschulen hätten in den vergangenen Jahren die Zahl der Studienplätze bereits enorm aufgestockt. „Die Hochschulen erhalten seit Längerem jährlich viele Millionen Euro, mit denen sie die Kapazitäten schon erheblich erhöht haben.“ Laut Kultusministerium orientiert sich die Zahl der Studienplätze daran, wie viele Lehrer in den nächsten Jahren ausscheiden. Dementsprechend stehen zurzeit an den sächsischen Hochschulen und Musikhochschulen für Erstsemester Lehramt insgesamt 2 375 Plätze zur Verfügung, davon 623 für angehende Grundschullehrer. In früheren Jahren hatten es Interessenten wie Jette Strahl viel schwerer. 2012/13 etwa bot die TU Dresden für Lehramt Grundschule nur 90 Studienplätze im Vergleich zu heute 160 an, die Abiturnote musste bei einem NC von 1,9 zwei Zehntel besser sein als jetzt.

Doch obwohl die Zahl der Studienplätze im Lehramt für alle Schularten Jahr um Jahr gestiegen ist, gebe es in einzelnen Studiengängen weiterhin mehr Bewerber als Plätze, sagt Andreas Friedrich. Das bestätigt David Jugel von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Sachsen, die sich für die Lehrer einsetzt. Gerade für das Studium Lehramt Grundschule gebe es erfreulich viele Bewerber, sagt er. So viele, dass die Plätze nicht ausreichen. Um dem Lehrermangel entgegenzusteuern, sei die Zahl der Plätze gerade ausreichend, „aber es ist auf Kante genäht“. Die GEW habe sich eine großzügigere Planung gewünscht. Eine weitere Erhöhung der Zahl der Studienplätze sei aber nicht geplant, teilt das Kultusministerium mit. Durch den enormen Aufbau der Studienkapazitäten seien die Möglichkeiten der Hochschulen „voll ausgereizt und nunmehr erschöpft“.

Das hänge auch mit der personellen Situation an den Hochschulen zusammen, sagt David Jugel von der GEW. Von dort komme nämlich schon bald ein weiteres Problem hinzu. Durch die geplante Verbeamtung der jüngeren Lehrer ab Januar 2019 könne es nämlich passieren, dass Hochschullehrer, die jetzt Pädagogen ausbilden, an die allgemeinen Schulen zurückkehren. „Lehrkräfte in Lehramtsstudiengängen sind ja meist selber Lehrer“, sagt Jugel. „Für manchen könnte es attraktiver sein, unbefristet als Beamter an einer Schule zu arbeiten als in einer unbefristeten Anstellung an der Hochschule.“

Im Moment sei das Phänomen statistisch noch nicht sichtbar, aber man kenne es aus anderen Bundesländern. Jetzt sei vor allem problematisch, dass unter den Interessenten für ein Lehramt nur relativ wenige Oberschullehrer werden wollen. Zwar sind die Einschreibezahlen laut Kultusministerium auch für dieses Lehramt gestiegen. „Aber auch die Abbrecherquote ist sehr hoch“, sagt Jugel. Nur die Hälfte werde am Ende Oberschullehrer. „Deshalb haben wir vorgeschlagen, Studienbewerber nicht abzulehnen, sondern lieber umzulenken.“ Grundsätzlich wünsche sich die GEW eine Lehrerausbildung, die nicht nach Schularten, sondern nach Klassenstufen unterteilt ist. „Gerade sehen wir, wie viele Gymnasiallehrer an Oberschulen aushelfen müssen.“ Eine einheitlichere Ausbildung könne dem Problem der späteren Verteilung vorbeugen. Da die Lehrerausbildung aber vor wenigen Jahren erst reformiert worden sei, komme die GEW mit solchen Vorschlägen bei der Politik nicht durch.

Für Jette Strahl käme eine Ausbildung zur Oberschullehrerin nicht infrage. Sie will sich im nächsten Jahr wieder für Lehramt Grundschule, aber auch für Gymnasium bewerben. Bis dahin absolviert sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Hort. Und wird so ein Jahr später als möglich in den Schuldienst eintreten.