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Montag, 02.07.2018

Historische Tafelrunde

Vor 20 Jahren gab es zum ersten Mal Lebensmittel für Bedürftige an der Auenstraße in Großenhain. Die Gründer erinnern sich.

Von Thomas Riemer

Erika Enger, Antje Heinze, Hannelore Wache, Kerstin Kynast und Helga Jacob (v.l.) gehörten zur ersten Generation, die die Großenhainer Tafel betreute. Mit Ralf Kaubisch und dem Tafel-Gründer Siegfried Behla kehrten sie für einen Besuch zurück.
Erika Enger, Antje Heinze, Hannelore Wache, Kerstin Kynast und Helga Jacob (v.l.) gehörten zur ersten Generation, die die Großenhainer Tafel betreute. Mit Ralf Kaubisch und dem Tafel-Gründer Siegfried Behla kehrten sie für einen Besuch zurück.

© Kristin Richter

Großenhain. Fünf von acht Frauen sind gekommen. Siegfried Behlas Augen leuchten, als er sie begrüßt. „Die Frauen von damals halten heute zusammen“, freut sich der einstige Geschäftsführer der Diakonie in Großenhain. Vor 20 Jahren war es, als hier in der Auenstraße die Großenhainer Tafel erstmals Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs für Bedürftige austeilte. Eine kleine Chronik, zusammengestellt von der ersten Generation der ehrenamtlichen Helfer, ist entstanden. „Man musste findig sein, um so ein Projekt zu stemmen“, erinnert sich Siegfried Behla. Als gelernter Landwirt sei er schon immer gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln gewesen. Und so wurden Kontakte geknüpft: zu Bäckereien, zu Discountern. Am Anfang standen nur ein paar einfache Kühlschränke und -truhen zur Verfügung, die Fahrten zu den potenziellen Spendern wurden mit dem Privatauto organisiert. Auch kuriose Gaben waren unter den Spenden. 40 Flaschen Eierlikör zum Beispiel. „Der war schon so flockig, sodass ich ihn zu Hause auf dem Kompost entsorgen musste“, sagt Siegfried Behla und schmunzelt.

Vieles hat sich in den 20 Jahren geändert. Die Idee nicht, so Philipp Schleinitz. Er ist Kaufmänischer Leiter der Diakonie Riesa-Großenhain und zeigt stolz die Räumlichkeiten, in denen das heutige Tafel-Geschäft abgewickelt wird. In den Lagerräumen stehen riesige Kühlzellen und Regale. Die elektrischen Geräte werden durch Strom einer Solaranlage gespeist. Die wiederum konnte durch Spendengelder auf dem Dach des Gebäudes installiert werden. Überhaupt: Ohne die vielen Spender könnte die Tafel nicht existieren. Natürlich auch nicht ohne die Gaben der Sponsoren. Regionale Bäcker halten von Anfang an die Treue, auch Märkte wie Lidl, Rewe oder Edeka stellen Waren zur Verfügung, deren Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist, aber auch frisches Obst oder Gemüse. Einige Dinge freilich sind tabu: Zigaretten und Alkohol beispielsweise.

Rund 130 Tafel-Kunden gibt es derzeit in Großenhain. Es sind meist Langzeitarbeitslose, Rentner, kinderreiche Familien. Zweimal die Woche können sie bei Vorlage des Tafelausweises hier ihre Beutel füllen lassen für vier Euro pro Person. Die Anträge auf solch einen Ausweis werden sorgfältig geprüft, die Bedürftigkeit festgestellt. Die Zahl der Besucher ist in den letzten Jahren leicht rückläufig. Gewinn wirft die Tafel nicht ab. „Es ist ein Plus-Minus-Geschäft“, so Philipp Schleinitz. Das runde Dutzend Frauen und Männer in der Ausgabe arbeitet ehrenamtlich. Doch die Kosten für die Heranschaffung und Aufbewahrung der Waren müssen gestemmt werden. Engpässe gibt es immer wieder mal. Nach den Weihnachtstagen zum Beispiel ist das Angebot oft spärlicher als sonst. Aber in der Regel „gehen die Leute hier mit zwei prall gefüllten großen Beuteln raus“, so Ralf Kaubisch. Er ist eine der „guten Seelen“ auf dem Hof, wo neben der Tafel weitere Sozialprojekte der Diakonie heimisch sind.

Siegfried Behla hat das Anliegen aus der Gründerzeit herausgesucht: „Gutes zu tun und mit anderen zu teilen, vergesst nicht!“. Der Spruch sei noch heute gültig in der Großenhainer Tafel, die vor 20 Jahren als siebente Einrichtung dieser Art in Sachsen gegründet wurde. Und die Damen der „ersten Tafelrunde“ können stolz sein, damals am Grundstein des Sozialprojekts mitgebaut zu haben. Am 19. September werden sie und alle bisherigen und aktuellen Mitstreiter das Tafel-Jubiläum etwas verspätet feiern.