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Dienstag, 12.07.2016

Hier wird Pieschenern eingeheizt

Hunderte Familien erhalten saubere Wärme. Am Sachsenbad-Gelände ist der Auftakt. Erst ein Tunnel bringt die Lösung.

Von Peter Hilbert

Das Blockheizkraftwerk schwebt am Kranarm direkt vorm Sachsenbad. Marcus Greif und seine Kollegen bugsieren die sechs Tonnen schwere Anlage auf den Boden. Mit ihr können künftig viel mehr Pieschener mit Fernwärme versorgt werden.
Das Blockheizkraftwerk schwebt am Kranarm direkt vorm Sachsenbad. Marcus Greif und seine Kollegen bugsieren die sechs Tonnen schwere Anlage auf den Boden. Mit ihr können künftig viel mehr Pieschener mit Fernwärme versorgt werden.

© Peter Hilbert

Montagmittag, kurz vor eins. Laut dröhnt der Motor hinterm Sachsenbad. Hoch oben thront Michael Maukisch im Führerstand seines 40-Tonnen-Krans. Der entscheidende Moment ist gekommen. Noch steht das Blockheizkraftwerk auf dem Lkw.

Hingen kurz zuvor die Gurte noch schlaff am langen Kranarm, so werden sie jetzt immer straffer. „Los geht‘s“, ruft ein Monteur. Sanft drückt Maukischs kräftige Hand auf den Hebel. Ein leichter Ruck – das Kraftwerk schwebt empor. Sechs Tonnen hängen am Teleskoparm.

Auch bei schweren Lasten ist Genauigkeit gefragt, erklärt der 44-Jährige von der Kesselsdorfer Kranlogistik Sachsen. Da komme es oft auf den Millimeter an. „Wer kein Fingerspitzengefühl hat, ist für den Beruf des Kranführers nicht geboren, sagt er schmunzelnd, während er konzentriert auf den schwebenden Brummi schaut.

„Noch ein Stückchen hier rüber.“ Wieder ist Mauckischs gefühlvolle Hand gefragt. Nach 20 Minuten ist es geschafft, hat er den Koloss auf kleine Wagen abgesetzt, die die Monteure Panzerrollen nennen. Mit einem Zuggerät bugsieren sie das Kraftwerk letztlich durch die schmale Zwei-Meter-Öffnung in den Neubau.

Der steht neben dem alten Heizkraftwerk an der Wurzener Straße, in dem weitgehend auf herkömmliche Weise Fernwärme erzeugt wird. 1991 war es ursprünglich dafür gebaut, das Sachsenbad zu beheizen. Nachdem es 1994 schloss, wurde hier ein kleines Fernwärmenetz ausgebaut. Das heizt etwa 400 Wohnungen im Umfeld, erklärt Rutger Kretschmer. Als Drewag-Bereichsleiter ist er für Dresdner Kraft- und Heizwerke zuständig. „Unsere Strategie ist es, das umweltfreundliche Fernwärmenetz auszubauen“, erklärt er.

Bisher ist es 568 Kilometer lang. Dieses Jahr kommen weitere 14 Kilometer hinzu. Da die Bevölkerung in der Leipziger Vorstadt und Pieschen wächst, ist auch hier der Ausbau geplant. Das neue Blockheizkraftwerk sei der Auftakt. Damit kann die Energie des verbrannten Gases durch die Kraft-Wärme-Kopplung zu 90 Prozent ausgenutzt werden. Dabei treibt ein Gasmotor einen Generator an, der Strom erzeugt. Die Abwärme wird zur Erzeugung von Fernwärme eingesetzt, nennt Kretschmer den wesentlichen Punkt.

Neben dem alten Heizkraftwerk produziert ab September die deutlich effizientere Anlage 60 Prozent der Pieschener Fernwärme. Damit können künftig doppelt so viele Wohnungen oder Betriebe beheizt werden. „Wir sind auch sehr flexibel“, sagt der promovierte Kraftwerksspezialist. Zu manchen Zeiten wird nicht so viel Wärme gebraucht wie erzeugt werden kann. Dafür wird ein 40 Kubikmeter großer Behälter aufgestellt. Dort kann die Wärme, die nicht benötigt wird, gespeichert werden. Somit würden sämtliche Anforderungen von Energieeinsparung und Klimaschutz erfüllt. „Damit fangen wir in Pieschen an und machen das Inselnetz fit“, so Kretschmer.

Obwohl die Drewag für dieses Projekt über 800 000 Euro investiert, wird das Heizen für Pieschener, die neu angeschlossen werden, nicht unbezahlbar. Für Hauseigentümer entfallen sämtliche Kosten für eigene Anlagen. „Am Ende ist es für den Verbraucher nicht teurer“, versichert Drewag-Gruppenleiter Thomas Doltze, der das Projekt mit vorbereitet hat.

Der nächste Schritt soll mit dem Anschluss des Gebietes ans zentrale Netz nach 2020 folgen. Geplant ist, eine weitere Trasse zur Neustädter Elbseite zu bauen. Denn der Großteil der Fernwärme wird im Heizkraftwerk Nossener Brücke erzeugt. Bisher gibt es eine einzige Verbindung durchs Innere der Carolabrücke. Doch die reicht nicht. Also ist ein Elbetunnel stromabwärts der Marienbrücke geplant. Vorgesehen ist eine 3,20 Meter hohe Röhre aus Betonfertigteilen mit hohen Wänden. Das wäre der erste begehbare Elbetunnel in Dresden. Allerdings nur für Spezialisten, die Fernwärmeleitungen oder Armaturen überprüfen und instand setzen müssen. 2017 soll der Tunnelbau beginnen.